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Die faustische Ökonomie
ökonomische Diskurse in Goethes Spätwerk
Carsten W. Kanngiesser
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Irmgard Egger
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29272.28568.111255-1
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
In der hier vorgelegten Diplomarbeit wurden wirtschaftliche Diskurse in Goethes Spätwerk untersucht. Ziel war es hierbei die Bedeutung der ökonomischen Diskurse und wirtschaftlichen Strukturen für das literarische Schaffen Goethes zu analysieren und daraus schließlich Erkenntnisse über die Bedeutung und Funktion ökonomischer Diskurse in literarischen Werken abzuleiten. In Kapitel 1 wurden Goethes persönliche Finanzen behandelt, sowie seine Konfrontation mit den ökonomischen Bedingungen seiner Zeit durch sein Amt in Sachsen-Weimar, sowie die mit der poltischen Funktion verbundene wirtschaftliche Expertise, nebst jener, welche er sich bereits zu Ausbildungszwecken erwarb, dargestellt. Im zweiten Kapitel stand Goethes Werk Wilhelm Meisters Lehrjahre im Zentrum. Um die darin reichhaltig und mannigfaltig vorkommenden ökonomischen Diskurse analysieren zu können, wurden drei (für den Text bedeutende) Figuren herausgegriffen und näher betrachtet. Im ersten Abschnitt wurde Wilhelm Meister behandelt. Der Fokus lag hierbei auf der Dialektik zwischen Künstler und Kaufmann. Zunächst suchte Wilhelm Meister seiner kaufmännischen Bestimmung durch den Vater zu entgehen und flüchtet sich in die Welt des Theaters. In dieser aber wird Wilhelm Meister schnell von der real-wirtschaftlichen Notwendigkeit des Lebens eingeholt und sein idealistisch-verklärtes Bild dieser Theaterwelt implodiert. Wilhelm Meister nähert sich dann den ökonomischen Diskursen vermittelt durch die Turmgesellschaft wieder an, wenngleich er nicht in die Welt der Händler und Kaufleute zurückkehrt. Im zweiten Abschnitt wurde sodann die Figur des Werner als ein vermeintliches neues Ideal des Kaufmannsstandes untersucht. Werner wird in den Lehrjahren als kühler Buchhalter dargestellt, welcher versucht, gestützt durch sein Zahlenwerk, möglichst viel Kontrolle über die Dinge um ihn herum zu haben, um so schließlich sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Werner ist jedoch kein tatsächliches Ideal eines neuen Kaufmannsstandes. Er blickt nicht voraus in die Ferne und Weite der Welt und ist nicht bereit einen globalen Blick auf wirtschaftliche Belange zu werfen, sondern verbleibt in der Enge und dem Blickfeld seiner Selbst und seiner Aktivitäten. Im dritten Abschnitt wurde Lothario als Repräsentant der Goetheschen Aristoteles Rezeption behandelt. Hierbei konnte deutlich nachgewiesen werden, dass Goethe in die Positionen des Lothario in Bezug auf das Haus und die Hauswirtschaft gerade die Position der Aristotelischen Politik wiedergibt und vertritt. Die daraus abgeleiteten Positionen zum Wirtschaften und zur Wirtschaft an sich wurden dann auch für die weitere Argumentation zum Teil herangezogen. In Kapitel 3 wurde dann Goethes Werk Wilhelm Meisters Wanderjahre analysiert. Hierbei wurde die individualistische Perspektive des wirtschaftlichen Handelns einzelner Figuren und die damit verbundenen Diskurse verlassen, um so von dieser Mikroebene auf eine Mesoebene zu wechseln, wobei auf dieser größere ökonomische Einheiten, also vor allem Organisationen zur wirtschaftlichen Koordination von Gruppen im Vordergrund standen. Zunächst wurde aber in Abschnitt eins dieses Kapitels noch einmal auf Wilhelm Meister und seine Entwicklung eingegangen. Wilhelm Meister versucht zunächst der Welt, der Gesellschaft und damit verbunden der Ökonomie zu entsagen und zieht sich in die Landschaft des Gebirges zurück. Doch diese Entsagung hat nicht lange bestand. Immer wieder und mit immer zunehmender Intensität wird Wilhelm Meister von den ökonomischen Diskursen eingeholt und so mit den real-wirtschaftlichen Belangen aufs Neue konfrontiert. In Abschnitt zwei stand die Weberkolonie im Zentrum der Untersuchung und die mit ihr verbundenen wirtschaftlichen Implikationen und ökonomischen Diskurse. Dabei wurde zunächst auf die Organisation der Versorgung der Weberkolonie mit für die Produktion der Gewebe notwendigen Rohstoffen und den damit verbundenen Bezügen eingegangen. Im Folgenden wurde die innere Verfasstheit, Organisation und Produktionsweise der Spinner und der Weber in dieser Weberkolonie, welche sich auf mehrere Gebirgsdörfer verteilt, untersucht und behandelt. Schließlich wurden die äußeren Bezüge dieser Produktions- und Lebensweise behandelt. Zum einen wurden die Verhältnisse der Produzierenden zu ihrem Verlagsherren, beziehungsweise der Unabhängigkeit aufgrund ihrer genossenschaftlichen Organisation untersucht und zum anderen wurde die Bedrohung dieser Arbeits-, Lebens- und Wirtschaftsweise durch das aufkommende Maschinenwesen und der damit verbundenen Gefahr der Arbeitslosigkeit im Zuge der aufkeimenden Industrialisierung behandelt. Im dritten Abschnitt wurde schließlich die Turmgesellschaft/Weltgesellschaft als globales Wirtschaftsprojekt behandelt. Hierbei wurden globale Bezüge der ökonomischen Diskurse in den Wanderjahren untersucht und es wurde die Programmatik dieses Projekts der Weltgesellschaft, welches sich durchwegs auf ökonomische Zielsetzungen und wirtschaftliche Ausrichtungen gründet, zu analysiert. Im vierten Kapitel stand sodann Goethes Faust, insbesondere aber Der Tragödie zweiter Teil im Zentrum. Hierbei wurde einerseits die Perspektive von der Mesoebene auf die Makroeben der Ökonomie gehoben, in deren Zentrum die wirtschaftlichen Bedingungen und ökonomischen Grundlagen von Staaten liegen und andererseits auf eine Makroebene dieser Arbeit. Hierzu wurde zunächst das faustische Geld behandelt. Im Zentrum stand die Abstraktion des Geldwertes vom Wert seines Geldstoffes, sodass dieses in der Folge zu einem Assignatenwesen führt, wie es ja gerade im Faust II dargestellt wurde, welches aber keine Deckung in realen Werten mehr findet und es so zur Hyperinflation und zum totalen Wertverlust kommt. In Abschnitt zwei wurde der faustische Handel als diabolisches Konzept behandelt, wobei hier wiederum der globale Aspekt die zentrale Rolle spielte und die Analyse der Kolonien und des Kolonialisierungsprozesses, wie dieser im Faust II knapp dargestellt wurde, als erste Phase oder erster Versuch einer wirtschaftlichen Globalisierung der Welt. Im dritten Abschnitt wurde sodann die faustische Ökonomie behandelt, also ökonomische Diskurse und Strukturen als literarisches Konzept. Hierbei wurde zu zeigen versucht, welch herausragende Bedeutung ökonomischen Diskursen für das literarische Schaffen, insbesondere aber jenes des Goetheschen Spätwerks zukommt und wie wichtig es ist, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Dabei wirken sich ökonomische Diskurse nicht nur im literarischen Text selbst auf die Darstellungsweisen der Figuren, ihrer Handlungen und Determinationen sowie ihres Umfeldes aus, sondern vielmehr ist die Darstellung von Gesellschaften im Jetzt wie im historischen Zusammenhang, aufgrund der engen Verwobenheit der Gesellschaft mit der Ökonomie und des einzelnen Individuums in seinem tagtäglichen Leben mit wirtschaftlichen Bezügen und Belangen ohne die Verwendung dieser Diskurse und ihrer Implikationen nicht möglich, sodass letztliche auch eine entsprechend intensive Verkettung einer Literatur mit der Ökonomie und ihren Diskursen besteht und bestehen muss.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Goethe faustische Ökonomie ökonomische Diskurse Faust Wilhelm Meisters Lehrjahre Wilhelm Meisters Wanderjahre faustisches Geld
Autor*innen
Carsten W. Kanngiesser
Haupttitel (Deutsch)
Die faustische Ökonomie
Hauptuntertitel (Deutsch)
ökonomische Diskurse in Goethes Spätwerk
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
110 S. : graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Irmgard Egger
Klassifikation
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.90 Literatur in Beziehung zu anderen Bereichen von Wissenschaft und Kultur
AC Nummer
AC08313828
Utheses ID
10323
Studienkennzahl
UA | 332 | | |
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