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Die Numeruskongruenz von Subjekt und finitem Verb im Deutschen
Untersuchung der grammatischen Entscheidungsprozeduren bei zweifelhaften Kongruenzrelationen
Martina Wegerer
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Richard Schrodt
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.18319
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29755.99066.598869-1
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Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Diese Dissertation beschäftigt sich mit grammatischen Entscheidungsprozeduren bei sprachlichen Zweifelsfällen, die im Zusammenhang mit der Numeruskongruenz von Subjekt und finitem Verb im Deutschen auftreten. Es handelt sich dabei um Sätze, in denen die Kongruenzrelationen aufgrund verschiedener Faktoren nicht eindeutig sind und in denen kompetente Sprecher/innen des Deutschen zweifeln, ob der Singular oder der Plural des Finitums grammatisch „richtig“ ist. Zudem wird in der vorliegenden Arbeit die reale Sprachverwendung den in Grammatiken und Zweifelsfallsammlungen enthaltenen Empfehlungen für die Numeruswahl gegenübergestellt. Zur wissenschaftlichen Untersuchung der Numeruswahl in Sätzen mit unklaren Kongruenzbeziehungen und zur Aufdeckung der kongruenzsteuernden Mechanismen wurde eine empirische Studie mittels Online-Fragebogen durchgeführt. An der Befragung nahmen 2098 Personen mit deutscher Muttersprache aus dem gesamten deutschen Sprachgebiet teil. Der Fragebogen umfasste 85 Beispielsätze, die jeweils einen sprachlichen Zweifelsfall hinsichtlich der Numeruskongruenz repräsentierten, in denen also die Kongruenzrelation zwischen Subjekt und Prädikat nicht eindeutig ist. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Kongruenzproblematik ein äußerst vielschichtiges Phänomen ist. In Sätzen, in denen die formale Prägung eines sprachlichen Elements und sein Inhalt nicht zusammenpassen (z.B. eine Menge Äpfel), hängt die Wahl der Verbform vor allem davon ab, was mit der Äußerung ausgedrückt werden soll. Entscheidend ist, ob mit der Subjektphrase eine begriffliche Einheit bezeichnet wird oder nicht und welches Element des Satzes als zentraler Inhalt der Aussage – als das Thema – betrachtet wird. Folglich kommt es in der Alltagssprache immer wieder zu Inkongruenzerscheinungen, weil sich die Sprecher/innen für Synesiskonstruktionen entscheiden oder weil sie das Proximitätsprinzip anwenden. Auf Basis der Analyse der Numerusentscheidungen in den Beispielsätzen kann belegt werden, dass der Numerus des Finitums in Sätzen mit strittigen Kongruenzrelationen nicht nur durch grammatische Strukturen bestimmt wird. Vielmehr spielen hier semantische, psychologische, kognitive, pragmatische sowie topologische Aspekte bei der Numeruswahl eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus wirken sich auch soziodemografische Faktoren, vor allem das Bildungsniveau der Befragten und die Herkunft aus unterschiedlichen Dialektgebieten, auf die Numerusentscheidung aus. Die vorliegende Arbeit liefert daher wichtige Erkenntnisse über den tatsächlichen Sprachgebrauch, den Umgang mit sprachlichen Zweifelsfällen, die im Zusammenhang mit der Numeruskongruenz auftreten, sowie über die Einflussfaktoren auf die Numerusentscheidungen. Es zeigt sich, dass bei der Anwendung der gängigen Kongruenzregeln verschiedenste Schwierigkeiten auftreten können. Diese können sowohl semantischen als auch syntaktischen und topologischen Ursprungs sein. Einerseits kann das Subjekt seine kongruenzsteuernde Funktion zugunsten eines dem Verb näherstehenden Elements verlieren, wodurch es zur Anwendung des Proximitätsprinzips und damit zur Herstellung einer Kongruenzbeziehung mit einem dem Verb nahestehenden Element kommt. Andererseits können komplexe syntaktische Strukturen zu Unsicherheiten darüber führen, welches Element die Kongruenz steuern soll. Weiters können Unklarheiten darüber auftreten, wie die Numeruseigenschaften des Subjekts zu beurteilen sind. Dies ist beispielsweise bei Kollektiva der Fall, aber auch bei Maß- oder Mengenangaben mit einer angeschlossenen Apposition im jeweils anderen Numerus sowie bei der Koordination mehrerer Subjektteile. Die Ergebnisse der Fragebogenuntersuchung machen zudem deutlich, dass sich die in den Grammatiken bzw. in normierenden Werken angeführten Kongruenzregeln und Empfehlungen zur syntaktischen Kongruenz häufig vom tatsächlichen Sprachgebrauch unterscheiden. Die Unsicherheiten, die bei zahlreichen Beispielsätzen auftreten, werden oft intuitiv gelöst, wobei der Grammatikalitätswert der Äußerung nur eine untergeordnete Rolle spielt. Daraus folgt, dass die Grammatiken dem alltäglichen Sprachgebrauch nicht immer gerecht werden können.
Abstract
(Englisch)
This dissertation is concerned with grammatical procedures of decision in linguistic cases of doubt which occur in connection with number agreement between the subject and the finite verb in German. This means sentences in which agreement relation is not clear due to various factors and in which competent German-speakers are in doubt whether the singular or plural form of the finite verb is correct. Furthermore, the actual use of language is compared to the recommendations given in grammar books and anthologies of cases of doubt in this paper. An empiric study using an online-questionnaire was conducted to scientifically study the choice of number in sentences with uncertain agreement relation and to uncover mechanisms that regulate agreement. 2098 native German speakers from the entire German language region took part in the survey. The questionnaire contained 85 exemplary sentences which each represented a particular linguistic case of doubt regarding number agreement, i.e. the agreement relation between the subject and predicate was not clear. The findings show that agreement is a highly complex phenomenon. The choice of the verbal form in sentences in which a linguistic element’s formal characteristic and its content do not match (e.g. eine Menge Äpfel) mostly depends on what is supposed to be expressed. It is decisive whether the subject phrase indicates a conceptual entity or not, and which one of the sentence‘s elements is viewed as the statement‘s content resp. as the theme. Thus, incongruity occurs time and time again in everyday language because the speakers decide for or against a “constructio kata synesin” or because they apply the principle of proximity. Based on the analysis of the numbers decided for in the examples, it can be proven that the finite’s number in sentences with moot agreement relation is not only determined by grammatical structures. To a greater degree, semantic, psychological, cognitive, pragmatic as well as topological aspects are decisive when choosing the number. Furthermore, socio-demographic factors – especially the participants’ level of education and their being from different dialectal areas – influence which number is used. Therefore, this paper provides important insights into the actual use of language; how linguistic cases of doubt connected with number agreement are dealt with, and about influences on which number is used. It shows that various difficulties may occur when applying common rules of agreement. These may be of semantic as well as syntactic and topological origin. On the one hand, the subject may lose its agreement-regulating function in favour of an element closer to the verb, whereby the principle of proximity is applied and thus a relationship of agreement with an element close to the verb is established. On the other hand, complex syntactic structures may lead to uncertainties about which element should control the agreement. Furthermore, uncertainties about how to assess the subject’s number characteristics may occur. This is the case with collective nouns, dimensions or measurements with a connected apposition in the other number, and with coordinating more than one subject parts. The results of the questionnaire-based survey make clear that the rules of agreement stated in works of grammar and normative works and recommendations concerning syntactic agreement often differ from actual use of language. The uncertainties in many of the exemplary sentences are often resolved by intuition. Grammar plays a minor role. From this it follows that grammar rules can not always do justice to everyday use of language.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
number agreement subject predicate verb verbal number topic-agreement semantics
Schlagwörter
(Deutsch)
Numerus Kongruenz Subjekt Prädikat Thema-Kongruenz Soziolinguistik Semantik
Autor*innen
Martina Wegerer
Haupttitel (Deutsch)
Die Numeruskongruenz von Subjekt und finitem Verb im Deutschen
Hauptuntertitel (Deutsch)
Untersuchung der grammatischen Entscheidungsprozeduren bei zweifelhaften Kongruenzrelationen
Publikationsjahr
2012
Umfangsangabe
322 S. : graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Richard Schrodt ,
Wolfgang Dressler
Klassifikationen
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.06 Sprachwissenschaft: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.14 Vergleichende Sprachwissenschaft ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.20 Soziolinguistik: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.30 Psycholinguistik: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.30 Psycholinguistik: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.31 Spracherwerb ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.40 Angewandte Sprachwissenschaft: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.50 Allgemeine Grammatik ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.52 Syntax ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.56 Semantik ,
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.09 Deutsche Sprache
AC Nummer
AC08960230
Utheses ID
16407
Studienkennzahl
UA | 092 | 332 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1