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Die NS-Zeit im Bildgedächtnis der Zweiten Republik
Bildstrategien, Geschichtspolitiken und der österreichische Bilderkanon 1945-2013
Ina Markova
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Dr.-Studium der Philosophie (Dissertationsgebiet: Geschichte)
Betreuer*innen
Heidemarie Uhl ,
Oliver Rathkolb
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-24221.42334.707066-7
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Dissertation untersucht das österreichische Bildgedächtnis der Zweiten Republik in Bezug auf Visualisierungen der NS-Zeit (1938–1945). Ausgehend von geschichtspolitischen Fragestellungen wurde mit Christine Brocks eine „funktionalistische Motivanalyse“ unternommen. Dabei wurden die Erinnerungsmedien Geschichtsschulbücher, Ausstellungen, Zeitungen/Zeitschriften und Bildbände untersucht. Aufgrund der spezifischen Ausprägung der österreichischen „Opferthese“ erschien es trotz der Fokussierung auf die NS-Zeit unumgänglich, auch die unmittelbare Nachkriegszeit bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrags in die Untersuchung mit einzubeziehen. Methodisch wurden politisch-ikonografische und diskursanalytische Überlegungen zu einer „geschichtspolitischen Bilddiskursanalyse“ gebündelt, die Bilder wurden in einer Datenbank verwaltet und mittels der Quantitativen Bildtypenanalyse nach Elke Grittmann aufbearbeitet. Versucht man die Transformationen und Zäsuren des österreichischen Bilderkanons zu skizzieren, so lassen sich folgende Entwicklungen beschreiben: Von April 1945 bis Herbst 1946 kann eine von außen induzierte, aufklärerische Phase der visuellen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, vor allem von Seiten der US-Alliierten, konstatiert werden. Ab 1947 begann anschließend die Phase der Ausbildung prägnanter Gegenbilder zur NS-Zeit. Diese Charakteristika verstärkten sich in den 1950er-Jahren: Die zentralen printmedialen Schlüsselbilder der 1950er-Jahre waren visuelle Repräsentationen des Staatsvertrags, wobei diese Fotografien die NS-Zeit überblendeten. Der zweite zentrale Bilddiskurs dieser Jahre ist jener des Wiederaufbaus. Vor allem im Schulbuch wurde deutlich mit der Strategie der fehlenden Visualisierung operiert. In den 1960er-Jahren differenzierte sich der österreichische Bilderkanon aus. Generell ist eine Rückkehr zur antifaschistischen Auslegung der „Opferthese“ zu konstatieren, was sich im Stellenwert des Widerstands, aber auch in der flächendeckenden Visualisierung des „Anschlusses“ äußerte: Meist wurden nur jene Bilder als repräsentationsmächtig angesehen, die sich nahtlos in die Repräsentation des „Anschlusses“ als scheinbar auch für die Mehrheitsbevölkerung nur leidvolle Erfahrung integrieren ließen. Allerdings lässt sich für die 1960er auch ein zaghaftes Wiederherantasten an den Themenbereich Holocaust konstatieren, wovon wichtige Wanderausstellungen zeugen. Die 1970er sind durch einen Bilderboom gekennzeichnet, was besonders auf die Einrichtung der Dauerausstellungen in Mauthausen, Auschwitz und im DÖW zurückzuführen ist. Auch die TV-Serie „Holocaust“ führte zu einem Anstieg in den Visualisierungen. Vor allem im liberalen Zeitungsspektrum kam es im Umfeld der Berichterstattung über „Holocaust“ zu einer Präformierung des Shoah-Bilddiskurses. Die „Affäre Waldheim“ war schließlich der Kulminations- und Wendepunkt von Tradierungskrisen, die sich seit den 1960ern abgezeichnet hatten. ÖsterreicherInnen erschienen erstmals verstärkt als TäterInnen: Die Erosion der „Opferthese“ bzw. deren Erweiterung zur MittäterInnenthese fand vor allem auf Ebene der textlichen Kommentierung der Fotografien statt. In den 1990ern war eine größere Bandbreite an Themen prinzipiell ansprechbar und zeigbar. Im Lichte der von Bundeskanzler Vranitzky 1991 skizzierten These von Österreich als „Opfer und Mittäter“ wurden Schlüsselbilder neu kontextualisiert und durch andere Bilder oder Kommentierung gerahmt. Eines der zentralen Themen des 21. Jahrhunderts war anschließend die NS-„Euthanasie“, wobei gerade hinsichtlich der Visualisierung dieses Themas Probleme einer angemessenen Repräsentation deutlich wurden. In den neuen Ausstellungen der Gedenkstätte Mauthausen aus 2013 nimmt wiederum die Auseinandersetzung mit Zwangsarbeit einen zentralen Platz ein. Generell zeichnen sich die Bildangebote des 21. Jahrhunderts durch einen reflexiven Zugang zu Fragen der Repräsentation aus. Nachdem in den bisherigen Jahrzehnten das Feld des Zeigbaren kontinuierlich erweitert wurde, sowohl um neue Themen als auch neue Bilder, so wird nun erstmals auch die Frage diskutiert, was man überhaupt zeigen darf.
Abstract
(Englisch)
This dissertation analyzes the Austrian visual memory of the Nazi past 1945-2013. Firmly based in the framework of “politics of memory,” I have examined the functions and the varying uses of pictures in “memory media” such as exhibitions, newspapers, photo books, and text books. Because of the Austrian “victim theory,” it seemed necessary to broaden the chronological scope and also incorporate photos alluding to the immediate post-war years up until the signing of the state treaty. On a methodological level, I have combined political iconography and discourse analysis and applied Elke Grittmann’s quantitative picture content analysis onto my corpus. Immediately after Austria’s liberation, one can discern a period of confrontation with the Nazi crimes, an educational process instigated mainly by the U.S. allies. Shortly thereafter, in 1946/1947, this process fell victim to the Cold War and thus began a phase characterized by the formation of poignant “counter-images” to the Nazi past. In the 1950s, this process gained momentum: Clearly, the “key images” of this era are pictures of the state treaty. These images played a vital role in superimposing the images of the Nazi past which indeed had been present shortly after the liberation. Consequently, the second important pictorial discourse of the 1950s is linked to representations of the reconstruction. Blocking out the Nazi past almost completely, it is especially in text books that a strategy of “missing visualization” becomes apparent. The “Anschluss,” which had been evaded in the first years of the Second Republic, became fathomable in the 1960s. In a sense, Austrian memory media took to representing the post-war “antifascist” interpretation of the “victim theory.” When visualizing the “Anschluss,” only these pictures that could be framed as depicting the “anti-Austrian” dimension of this event were chosen for representation. However, the 1960s also witnessed the (re-)discovery of Holocaust imagery in several travelling exhibitions. Due to the installation of vital permanent exhibitions, the 1970s can best be characterized by the staggering growth in visualizations of the Nazi past. The U.S. series “Holocaust” also significantly advanced this number: Liberal newspapers extensively covered the airing of the series, thus pre-forming the pictorial repertoire of the Shoah. Against this backdrop, the “Waldheim affair” was a watershed: For the first time, the question of Austrian perpetrators was openly discussed. The erosion of the “victim theory” mainly took place on the level of textual contextualization of a canon of images that had been introduced into the public throughout the past decades. After Waldheim, the spectrum of topics that could be visualized expanded. In light of chancellor Vranitzky’s speech in 1991, in which he introduced the Austrian “co-responsibility” thesis, the process of deconstructing and re-contextualizing key images continued. In the beginning of the 21st century, “euthanasia” was one of the most important topics. In the revised exhibitions of the Mauthausen memorial, forced labour is one of the most widely represented topics. In general, these new exhibitions follow a reflexive approach toward visualization. Up until this point, different agents of memory had been expanding the visual scope continuously. In the 21st century, one has just now started the process of deliberating the “ethics of seeing.”

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Austria Politics of Memory Nazism Visual Strategies
Schlagwörter
(Deutsch)
Österreich Geschichtspolitik Nationalsozialismus Bildstrategien
Autor*innen
Ina Markova
Haupttitel (Deutsch)
Die NS-Zeit im Bildgedächtnis der Zweiten Republik
Hauptuntertitel (Deutsch)
Bildstrategien, Geschichtspolitiken und der österreichische Bilderkanon 1945-2013
Paralleltitel (Englisch)
The Nazi era in the visual memory of Austria's Second Republic : visual strategies, politics of memory, and the Austrian image canon 1945 - 2013
Publikationsjahr
2015
Umfangsangabe
563 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Karin Liebhart ,
Aleida Assmann
Klassifikationen
15 Geschichte > 15.24 Zweiter Weltkrieg ,
15 Geschichte > 15.38 Europäische Geschichte nach 1945 ,
15 Geschichte > 15.60 Schweiz, Österreich-Ungarn, Österreich
AC Nummer
AC13223808
Utheses ID
37358
Studienkennzahl
UA | 792 | 312 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1