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Das militärische Verhalten der Tschechen im Ersten Weltkrieg
Richard Lein
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Arnold Suppan
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29904.97406.586653-4
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Der militärische Aspekt dessen, was in einer Anfrage deutschnationaler Abgeordneter im Wiener Reichsrat im Jahr 1917 „Verhalten der Tschechen im Weltkriege“ genannt wurde, zählt zu den interessantesten Teilgebieten des tschechisch-deutschen Nationalitätenkonflikts während des Ersten Weltkriegs. Grundsätzlich wurde nach dem Ende des Krieges von beiden Seiten, Tschechen wie Deutschen, impliziert, dass die tschechischen Soldaten der k.u.k. Ar-mee ihrer Einberufung nur widerwillig Folge geleistet, an der Front schlecht gekämpft und sich schließlich in großer Zahl den Truppen der Entente, allen voran jedoch der russischen Armee ergeben hätten. In diesem Zusammenhang wurde zumeist das Schicksal der mehrheit-lich aus tschechischer Mannschaft bestehenden Infanterieregimenter 28, 35 und 75 ins Treffen geführt, denen unterstellt wurde, sich im Gefecht bei Esztebnekhuta im April 1915 (IR 28) respektive der Schlacht von Zborów im Juli 1917 (IR 35 und 75) dem Gegner freiwillig und ohne ersichtlichen Grund ergeben zu haben. Eine genaue Analyse der im Wiener Kriegsarchiv aufliegenden Akten und Dokumente zeigt jedoch, dass vom militärischen Standpunkt aus die-se Vorwürfe in keinster Weise zu rechtfertigen sind. So besetzte etwa das IR 28 im April 1915, personell wie materiell fast völlig ausgeblutet, einen fast unhaltbaren Frontabschnitt und wurde schließlich im Zuge eines Angriffs überlege-ner Russischer Kräfte eingekreist und aufgerieben. Kommunikationsfehler innerhalb der Be-fehlsstellen der k.u.k. Armee führten letztlich dazu, dass dem österreichisch-ungarischen Kriegsministerium von einer Desertion des Verbands berichtet wurde, welches daraufhin die sofortige Auflösung des IR 28 verfügte. Der tapfere Einsatz des IX. Marschbataillons des Re-giments an der Italienfront sowie ein über zwei Jahre andauerndes Gerichtsverfahren, in dem die Unschuld der Offiziere und Soldaten eindeutig festgestellt wurden, führten letztlich zur Wiederaufstellung des Verbands im Dezember 1915. Aus unerfindlichen Gründen wurde die Rehabilitierung des IR 28 jedoch nie öffentlich kundgemacht, sodass sowohl in der Historio-grafie als auch im nationalen Gedächtnis zumeist nur die Auflösung des Regiments wegen „Hochverrats und Feigheit vor dem Feinde“ übrig blieb. Ähnlich verhält es sich auch im Fall der Schlacht von Zborów, auch wenn hier die äußeren Umstände völlig andere waren. So verfügten die IR 35 und 75, beide personell wie materiell weitestgehend aufgefüllt, im Frühsommer 1917 über gut ausgebaute Stellungen in einem als sicher geltenden Abschnitt der Front. Als schließlich am 1. und 2. Juli die russische Ke-renskij-Offensive über die österreichisch-ungarische Ostfront und damit auch über die beiden Regimenter hereinbrach, waren diese aufgrund der feindlichen Übermacht gezwungen waren, in eine Reservestellung wenige Kilometer weiter westlich auszuweichen. Obwohl es den rus-sischen Truppen nicht gelungen war, an dieser Stelle der Front einen Durchbruch zu erzielen, erregte der Vorfall dennoch die Aufmerksamkeit der k.u.k. Armeeoberkommandos. Dieses hatte das Risiko, das von der durch die Februarrevolution geschwächten russischen Armee ausging, sträflich unterschätzt und suchte nun nach einem Schuldigen, dem die Verantwor-tung für den militärischen Misserfolg gegeben werden konnte. Nachdem wenig später bekannt wurde, dass auf russischer Seite die tschechoslowakische Legion, ein aus ehemaligen öster-reichisch-ungarischen Kriegsgefangenen tschechischer Nationalität gebildeter Sonderverband, zu Einsatz gekommen war, war man sich seitens des AOKs sicher, den Beweis dafür gefun-den zu haben, dass der Rückschlag im Raum Zborów auf den Verrat der auf eigener Seite kämpfenden tschechischen Soldaten zurückzuführen war. Obwohl die Ergebnisse einer unmit-telbar nach der Schlacht durchgeführten militärgerichtlichen Untersuchung die Schuldlosig-keit der IR 35 und 75 ergaben, verfasste das Oberkommando in der Causa dennoch eine ab-schließende Stellungnahme, die de facto einem Schuldspruch gleichkam. Grund dafür waren handfeste politische Interessen, versuchten doch die deutschnationalen Abgeordneten im Wiener Reichsrat unter Berufung auf die angebliche Illoyalität der tschechischen Offiziere und Soldaten, Konzessionen zugunsten der tschechischen Bevölkerung Böhmens und Mäh-rens zu verhindern, was ihnen zum Teil auch gelang. Die Auseinandersetzung rund um die Thematik setzte sich jedoch auch nach Ende des Krieges nahtlos fort, wobei die Ereignisse gerade in der neu entstandenen Tschechoslowaki-schen Republik besondere Bedeutung erlangten. Dort wurden die angeblichen Desertionsfälle nunmehr als Widerstandshandlungen der tschechischen Soldaten eingestuft, die durch ihr Handeln die k.u.k. Monarchie geschädigt und so mit zum Sieg der Entente beigetragen hätten. Besonders betont wurde dabei der Einsatz der Tschechoslowakischen Legion in der Schlacht von Zborów, wo diese, so die offizielle Lesart, weit überlegene Truppen der Mittelmächte in die Flucht geschlagen hätte. Diese Art der Darstellung, der von deutscher und österreichischer Seite nicht widersprochen wurde, fand rasch Einzug in die Historiografie, sodass bis zum heu-tigen Tag das angeblich hochverräterische Verhalten der tschechischen Soldaten der k.u.k. Armee immer noch als gültige Lehrmeinung angesehen wird. Die vorliegende Arbeit veran-schaulicht sowohl den tatsächlichen Ablauf der in Frage stehenden Gefechte bei Esztebnekhu-ta im April 1915 sowie bei Zborów im Juli 1917 als auch die Umstände, die zu der völligen Verzerrung der Ereignisse in den offiziellen Berichten sowie in der Historiografie der Zwi-schenkriegszeit geführt hatten. Thematisiert wird dabei auch die Inszenierung der angeblichen Widerstandstaten durch den tschechoslowakischen Staat zwischen 1918 und 1938, die letzt-lich ihr eigentliches Ziel, die Einigung der Nation, völlig verfehlte.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Geschichte Militärgeschichte Tschechische Geschichte Erster Weltkrieg Österreich-Ungarn Infanterieregiment 28 Infanterieregiment 35 Infanterieregiment 75 Tschechoslowakische Legion
Autor*innen
Richard Lein
Haupttitel (Deutsch)
Das militärische Verhalten der Tschechen im Ersten Weltkrieg
Publikationsjahr
2009
Umfangsangabe
501 S. : Ill., Kt.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Arnold Suppan ,
Aleš Skrivan
Klassifikationen
15 Geschichte > 15.23 Erster Weltkrieg ,
15 Geschichte > 15.49 Ostmitteleuropa ,
15 Geschichte > 15.60 Schweiz, Österreich-Ungarn, Österreich
AC Nummer
AC05040716
Utheses ID
4164
Studienkennzahl
UA | 092 | 312 | |
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