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Obduktion und Leichenschau
tote Körper in Literatur und Forensik
Stephanie Langer
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Dr.-Studium der Philosophie (Dissertationsgebiet: Deutsche Philologie)
Betreuer*innen
Eva Horn ,
Maximilian (Cotutelle de thèse) Bergengruen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-22742.85712.896465-9
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Tote Körper haben eine Geschichte. Diese Geschichte ist eine doppelte: Zunächst hat ein konkreter toter Körper die eigene Geschichte, die Geschichte des Lebens und des Sterbens einer Person, die einen bestimmten, forensisch informierten Blick interessiert. Darüber hinaus haben tote Körper eine Kulturgeschichte. Der Zugang zu ihnen, die Techniken und Aufzeichnungspraktiken, die auf sie gerichtet sind, sind historisch variabel und immer wieder Änderungen, Neuerungen unterworfen. Deswegen wird die Dissertation strukturiert von dem Fokus auf Zeitpunkte, an denen es zu Änderungen im Wissen vom toten Körper kommt. Anhand ausgewählter Texte wird nach dem Wissen vom toten Körper in Literatur und Forensik in Goethezeit, klassischer Moderne und Gegenwart gefragt. Die Dissertation geht dabei hinaus über die etablierten Methoden einer „Poetologie des Wissens“ und denkt die Grundannahme, dass Literatur und Wissen zugleich an der Herstellung von kulturellem Wissen beteiligt sind weiter. Es ist mittlerweile Konsens, dass Metaphern wissenschaftliche Texte strukturieren und Wissen generieren. So verlockend es auch sein mag, bedeutet das methodisch vor allem, dass es vermieden werden muss, sich in der Beschreibung historischer Gegenstände von gegenwärtigen Metaphern wie der von der „Einschreibung“ einer „Körperschrift“ leiten zu lassen. Diese nämlich verstellen den Blick auf das jeweils historisch Spezifische im Wissen vom toten Körper. Stets muss nach den jeder Zeit eigenen rhetorischen Figuren gefragt werden. Die literarischen Texte von Gottlieb August Meißner, Heinrich von Kleist, Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried Benn, Arthur Schnitzler, Patricia Cornwell und Thomas Hettche, die dabei behandelt werden, loten auf unterschiedliche Weise die Grenzen und Unsicherheiten des jeweils zeitgenössischen Wissens vom toten Körper aus. Ergänzt wird die Lektüre dieser literarischen Texte durch den Blick auf die Diskussion um Schillers Schädel sowie durch die Lektüre jeweils zeitgenössischer Fälle. Die in den Fällen Kleist und Halsmann entstandenen Gutachten sowie die Texte über die Todesursache Ötzis werfen auf je eigene Weise die zeitgenössischen Fragen an den toten Körper auf. Dabei zeigt sich: Das unsichere Wissen vom toten Körper zu reflektieren ist einer der Einsatzpunkte von Literatur. Denn Literatur ist in der Lage, Wissen zu erproben, es auf seine Brüche, seine Grenzen und Inkonsistenzen hin zu befragen. Gerade indem sie in Szene setzt, auf welche Weise Wissen organisiert ist, kann Literatur sich dem Anspruch auf eine einzige, letztgültige und absolute Wahrheit entziehen und stattdessen die Unsicherheit des Wissens vom toten Körper werden soll, als solche zu lesen geben.
Abstract
(Englisch)
Dead bodies have a history. This history is twofold: first, bodies themselves bear a history, namely what we might understand as the personal history of a dead person, which is the focus of forensics. In addition, when dealing with dead bodies, we also have to account for their cultural history. The techniques and “recording practises” addressing them are historically variable, and subject to changes as well as paradigm shifts. For that reason I structured the dissertation according to moments in time when epistemological changes in our understanding of the dead body have occurred. In focusing on selected texts my dissertation is concerned with precisely the question of the knowledge of the dead body in both literature and forensics. In doing so it spans the time from the Goethe period, to classical modernity, up until the present, and exceeds what is known as “poetology of knowledge” by building on and simultaneously pushing further the claim that literature and knowledge are both involved in the production of cultural knowledge. It is now common sense that metaphors not only structure scientific texts, but also generate knowledge. However, in terms of methodology, this means that using contemporary metaphors – such as the “inscription” of a “corpuscript” – has to be avoided when dealing with historical objects, in order to not let them block our view of the historical specificity of what we conceive of as dead body knowledge. It is inevitable, I claim, to consider rhetorical figures in their particular historical context. Literary texts by Gottlieb August Meissner, Heinrich von Kleist, Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried Benn, Arthur Schnitzler, Patricia Cornwell, and Thomas Hettche reveal, each one in its own ways, the limitations and uncertainties of the contemporary knowledge of the dead body. In addition to providing a close reading of these texts, I offer both, a historical glance at the rather peculiar discussion about Schiller’s skull as well as a reading of certain contemporary cases. Written reports in cases involving Kleist and Halsmann as well as texts concerning the cause of Ötzi’s death reflect in different ways the discourses surrounding the death body. I am convinced that one of literature’s strengths is its ability to reflect the uncertain knowledge of the dead body, for it is able to not only test the knowledge, but also to detect its cracks and limits, and display its inconsistencies. By showing how knowledge is organized, literature can escape the unfulfillable expectation of providing a single, ultimate and absolute truth, and instead reveal the uncertainty of the knowledge of the dead body.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Literatur und Wissen Tote Körper Tod Medizin Recht Forensik
Autor*innen
Stephanie Langer
Haupttitel (Deutsch)
Obduktion und Leichenschau
Hauptuntertitel (Deutsch)
tote Körper in Literatur und Forensik
Publikationsjahr
2017
Umfangsangabe
314 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Maximilian Bergengruen ,
Thomas Weitin
Klassifikationen
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.01 Geschichte der Wissenschaft und Kultur ,
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.00 Geisteswissenschaften allgemein: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.00 Sprach- und Literaturwissenschaft: Allgemeines ,
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.10 Deutsche Literatur ,
44 Medizin > 44.01 Geschichte der Medizin ,
86 Recht > 86.01 Geschichte der Rechtswissenschaft
AC Nummer
AC14509550
Utheses ID
43846
Studienkennzahl
UA | 792 | 332 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1