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Rechtliche Aspekte der religiös und/oder kulturell begründeten Genitalbeschneidung von Kindern
Sarah Böhler
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Rechtswissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Dr.-Studium der Rechtswissenschaften Rechtswissenschaften
Betreuer*in
Richard Potz
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-15818.30696.323061-8
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die nicht medizinisch indizierte Genitalbeschneidung von Kindern erlangte in den letzten vierzig Jahren immer größere gesellschaftspolitische Aufmerksamkeit. Im Zentrum steht dabei in der Regel die weibliche Beschneidung, welche von der internationalen Staatengemeinschaft nahezu einhellig als Menschenrechtsverletzung verurteilt wird. Hingegen wird die männliche Beschneidung in Europa erst seit ca. 15 Jahren kontrovers diskutiert und überhaupt als rechtliches Problem wahrgenommen. Im wissenschaftlichen Diskurs werden die beiden Praktiken meist getrennt voneinander untersucht und ein Vergleich wird häufig abgelehnt. Die vorliegende Arbeit rückt die männliche und weibliche Beschneidung näher zusammen und geht im ersten Abschnitt der Frage nach, ob die vielfach vorgefundene Trennung der beiden Praktiken problemangemessen ist. Zu diesem Zweck werden die Geschichte der Genitalbeschneidung, die verschiedenen Formen und die damit verbunden gesundheitlichen Auswirkungen sowie die verschiedenen Begründungsmuster dargelegt. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Praktiken der männlichen und weiblichen Beschneidung unter bestimmten Voraussetzungen miteinander vergleichbar sind. Der zweite Abschnitt der Arbeit verortet die nicht medizinisch indizierte Genitalbeschneidung von Kindern im internationalen System der Menschenrechte. Hierbei steht die Frage im Zentrum, ob eine unterschiedliche Behandlung der männlichen und weiblichen Beschneidung aus einer kinderrechtlichen Perspektive vertretbar ist. Dabei zeigt sich, dass die grundrechtliche Abwägung im Rahmen der Verhältnismäßigkeit grundsätzlich ergebnisoffen ist und ein Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung bislang vornehmlich in Bezug auf die weibliche Beschneidung angenommen wird. Vor dem Hintergrund der internationalen menschenrechtlichen Vorgaben werden im dritten Abschnitt der Arbeit die unterschiedlichen Regelungen bezüglich der nicht medizinisch indizierten Genitalbeschneidung von Minderjährigen in Deutschland und Österreich analysiert. Dieser Schwerpunkt wurde gewählt, weil sich in Deutschland seit dem Jahr 2008 ein interessanter Diskurs um die religiös begründete Beschneidung von minderjährigen Jungen entwickelt hat, welcher weltweites Echo fand. Wie sich anhand eines Rechtsvergleichs zeigt, kann die unterschiedliche gesetzliche Behandlung der beiden Praktiken verfassungsrechtliche Probleme im Zusammenhang mit dem Gleichbehandlungsgebot aufwerfen. Weiters wird evident, dass für eine grundrechtliche Einordnung der männlichen Beschneidung zunächst die Frage zu klären ist, ob die Praxis in das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eingreift, da von dieser Einstufung abhängt, ob eine Güterabwägung im Rahmen der Verhältnismäßigkeit überhaupt zulässig ist. Aus diesen Gründen ist die zukünftige Rechtsentwicklung im Hinblick auf die männliche Genitalbeschneidung in Europa nur schwer vorhersehbar.
Abstract
(Englisch)
The practice of non-therapeutic circumcision of children received more and more attention over the past forty years. The main focus generally lies on female circumcision, which is condemned as a human rights violation by the international community. Male circumcision, in contrast, has been debated in Europe only for about 15 years and the legal aspects of the practice became a concern even later. In scientific discourse, the two practices are usually examined separately and a comparison is often rejected. The first section of the present thesis explores the question whether the separation of male and female circumcision is problem-appropriate. For this purpose the history of genital circumcision, the various forms and the associated health effects as well as the different justification patterns are elaborated. As a result, it appears that the practices of male and female circumcision are comparable under certain conditions. The second part of the thesis investigates the position of non-therapeutic circumcision in international human rights law. The main question here is whether a different treatment of male and female circumcision is justifiable from a child-rights-based-approach. It turns out that the balancing act between the conflicting human rights is in principle open for results. At present, male circumcision is mainly discussed in the context of health care, whereas an intervention in sexual self-determination is assumed primarily with regard to female circumcision. Considering the background of international human rights law requirements, the third section of the thesis analyzes the different regulations concerning non-therapeutic circumcision of minors in Germany and Austria. This focus was chosen for the reason that, since 2008, an interesting discourse about religious circumcision of boys has developed in Germany. As can be seen from a comparative law analysis, the different treatment of male and female circumcision can raise constitutional problems with regard to gender equality. Furthermore, it becomes evident that the question of whether male circumcision interferes with the right to sexual autonomy has to be clarified before a legal evaluation of the practice can take place. With this question still to be solved on a medical level, the future legal development in Europe is therefore difficult to foresee.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Circumcision Comparative Law Analysis Germany Austria
Schlagwörter
(Deutsch)
Genitalbeschneidung Rechtsvergleich Deutschland Österreich
Autor*innen
Sarah Böhler
Haupttitel (Deutsch)
Rechtliche Aspekte der religiös und/oder kulturell begründeten Genitalbeschneidung von Kindern
Publikationsjahr
2017
Umfangsangabe
IV, 328 Seiten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Richard Potz ,
René Kuppe
Klassifikationen
86 Recht > 86.06 Rechtsvergleichung, Rechtsvereinheitlichung ,
86 Recht > 86.40 Internationales Strafrecht, Internationales Strafprozessrecht ,
86 Recht > 86.85 Menschenrechte ,
86 Recht > 86.97 Kirchenrecht
AC Nummer
AC14546455
Utheses ID
43886
Studienkennzahl
UA | 083 | 101 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1