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Vorstandshaftung, unternehmerisches Ermessen und die D&O- Versicherung im Recht der Aktiengesellschaft
Matthias Pitkowitz
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Rechtswissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Arthur Weilinger
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30129.94965.489870-4
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die Haftung des Vorstands wird vielfach als das wichtigste Mittel zur Verhaltenssteuerung dieses Leitungsorgans angesehen. Die Vorstandshaftung ist im österreichischen Recht besonders streng aus-gestaltet, so dass die erhöhte Inanspruchnahme von Vorständen und die tatsächliche Anwendung die-ser Normen durch die Gerichte zu einem beunruhigenden Resultat führt: risikoscheues Vorstandshan-deln zum Schaden der Gesellschaft. Die vorliegende Dissertation beschäftigt sich daher mit der Haf-tung des Vorstands, sowie mit Rechtsfiguren, die diese Haftung begrenzen bzw ausgleichen, und da-durch auch innerhalb des komplexen Haftungsrechts effektives unternehmerisches Handeln ermögli-chen. Im ersten Teil dieser Arbeit wird die Pflichtenlage des Vorstands und die daraus resultierende Innen- und Außenhaftung erörtert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung der schadenersatzrechtli-chen Haftungsvoraussetzungen. Im zweiten Teil wird das unternehmerische Ermessen behandelt, wel-ches dem Vorstand einen Handlungsfreiraum im Bereich seiner Leitungspflichten eröffnet. Die durch Lehre und Rechtsprechung aufgestellten Kriterien für die rechtmäßige Ausübung dieses Handlungs- und Haftungsfreiraums werden kritisch auf ihre Gültigkeit überprüft. Im Ergebnis ist eine Haftung unabhängig von den Folgen einer unternehmerischen Entscheidung dann abzulehnen, wenn das Vor-standsmitglied auf Basis einer sorgfältig ermittelten Entscheidungsgrundlage zum Zeitpunkt seiner Entscheidung vernünftigerweise annehmen durfte, zum Wohle des Unternehmens zu handeln, und es überdies keinem Interessenkonflikt unterlag oder sonstigen sachfremde Einflüsse ausgesetzt war. Der Ermessensspielraum steckt dabei die Sorgfaltspflicht ab, so dass dieser nicht – wie durchwegs ange-nommen erst bei unverantwortlicher oder unvertretbarer Überschreitung der Ermessensgrenzen ent-fällt, sondern bereits unmittelbar mit der Überschreitung selbst. Das unternehmerische Ermessen stellt damit sicher, dass trotz der strengen Haftungssituation eine Haftung für Fehlentscheidungen ausschei-det und auch weiterhin risikoreiche unternehmerische Entscheidungen getroffen werden können. Eine Kodifizierung der Business Judgment Rule wird auch für das österreichische Recht empfohlen. Der dritte Teil behandelt die Pflicht des Vorstands, die die Gesellschaft verpflichtenden Gesetze und Ver-träge einzuhalten (externe Legalitätspflicht). Nach Erörterung der rechtlichen Grundlage dieser um-strittenen Verpflichtung, stellt sich insbesondere die Frage nach der Haftung für Verletzungen eben-dieser. Kritisch betrachtet wird dabei die in der Lehre nahezu einhellig vertretene Meinung, dass das Vorstandsmitglied gegenüber der Gesellschaft auch für Gesetzesverletzungen verantwortlich sein soll, die im Interesse der Gesellschaft angeordnet wurden. Der Vorrang des Gemeinwohls ist im Innenver-hältnis dabei aus keiner Sicht gerechtfertigt. Eine Haftung des Vorstands wegen Verletzung der exter-nen Legalitätspflicht ist nach hier vertretener Ansicht also nur anzunehmen, soweit das Vorstandsmit-glied dabei nicht sorgfältig gehandelt hat. Die Pflichtwidrigkeit einer Verletzung der externen Legali-tätspflicht entfällt durch den besonderen Rechtfertigungsgrund des Unternehmenswohls, welcher unter analoger Heranziehung der Kriterien zur rechtmäßigen Ausübung des unternehmerischen Ermessens geprüft wird. Diese neue Rechtsfigur der sorgfältigen Gesetzesverletzung lässt die Verantwortlichkeit des Vorstands für im Unternehmenswohl liegende Verletzungen der externen Legalitätspflicht entfal-len. Im letzten Teil wird schließlich auf eine Möglichkeit eingegangen, durch die sich das Vorstands-mitglied vor horrenden Schadensersatzansprüchen aus Pflichtverletzungen schützen kann: die D&O-Versicherung. Diese freiwillige Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung erfreut sich auch in Öster-reich zunehmender Beliebtheit. Obwohl die aktienrechtliche Zulässigkeit heute nicht mehr infrage steht, ergeben sich im Zusammenhang mit der aktienrechtlichen Zuständigkeit für den Abschluss einer D&O-Versicherung dennoch grundlegende Fragen. Eingegangen wird insbesondere auf die Behand-lung der Versicherungsprämien als Entgelt soweit die Gesellschaft die Bezahlung dieser übernimmt, auf die Verpflichtung zur Vereinbarung eines Selbstbehalts sowie auf die Ablehnung der Zuständig-keit des Vorstands.
Abstract
(Englisch)
Liability law is often considered the most important means to control the behavior of management bodies. The Austrian stock corporation law (Aktiengesetz) provides very strict liability rules for the corporation’s Executive Board (Vorstand) so that the increased application of these rules by the courts as well as a surge in liability claims causes a disturbing result, namely risk-averse entrepreneurial ac-tions to the detriment of the corporation. This thesis deals with the liability of the Executive Board and legal concepts which limit or offset its liability. These concepts ensure the effectiveness of entrepre-neurial decision-making within the complex system of liability laws. First, the thesis takes a close look at the duties of the Executive Board as well as internal and external liability resulting from breaches of these duties. The focus lies on the legal requirements for liability claims. The second part discusses the concept of entrepreneurial discretion under Austrian law (Busi-ness Judgment Rule) which grants the management considerable scope of action within its duty to manage the corporation (Leitungspflicht). The criteria for the lawful exertion of this discretion - which have evolved from doctrine and jurisprudence - are tested on their legal validity. Regardless of the consequences of an entrepreneurial decision, a member of the Executive Board is not responsible to the corporation if it acted on the basis of a carefully established basis of information, if it could rea-sonably consider to act in the best interest of the corporation, and in addition, it was not involved in a conflict of interest or was subject to or exposed to other unrelated influences or interests. The scope of discretion defines the Board’s duty of care. Against general assumption in legal literature, entrepreneu-rial discretion does not only lose its protective character when the Board’s actions have been thor-oughly irresponsible or unaccountable, but instead does so already with excess of discretion itself. In any case, entrepreneurial discretion assures that despite the strict liability rules, liability for erroneous decisions is excluded, and that, hence, directors continue to take business decisions that involve care-fully weighted risks. A codification of the Business Judgment Rule is also recommended for the Aus-trian legal system. The third part of this thesis deals with the duty of the Executive Board to comply with legal and contractual obligations of the corporation (externe Legalitätspflicht). After discussing the legal basis of this controversial duty, the thesis deals with the question of liability for violations thereof. A critical view will be taken on the almost unanimous opinion that the corporation may hold its Board accountable for the breach of such obligations even in cases where this breach has been or-dered in the best interest of the corporation. This thesis argues that a primacy of common welfare in the relation between the corporation and the manager cannot be justified. The Executive Board is hence only liable for a breach of the externe Legalitätspflicht when it has not acted carefully. The breach of this duty may thus be justified with the interest of the corporation. Whether this is the case is assessed by analogous application of the criteria for the lawful exertion of entrepreneurial discretion. This new legal figure of “careful violation of legal obligations” (sorgfältige Gesetzesverletzung) en-sures that the Executive Board may not be held accountable by the corporation for violations of obli-gations of the corporation, as long as these violations have been ordered in the best interest of the cor-poration. Finally, the thesis discusses an insurance policy which protects members of the Executive Board from excessive claims for the breach of duty: The D&O-insurance policy. This form of volun-tary liability insurance enjoys increasing popularity also in Austria. Although its admissibility under stock corporation law is no longer being questioned, fundamental issues arise in connection with the competence to conclude the D&O-insurance policy contract. The thesis takes a closer look at the treatment of insurance premiums as part of executives’ pay, the obligation to stipulate a deductible as well as the refusal to grant the Executive Board competence over D&O-insurance policy contracts.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Vorstandshaftung unternehmerisches Ermessen D&O- Versicherung externe Legalitätspflciht Innenhaftung Außenhaftung sorgfältige Gesetzesverletzung nützliche Gesetzesverletzung sorgfältige Pflichtverletzung nützliche Pflichtverletzung Treuepflicht Sorgfaltspflicht Interessenkonflikt Informationsbeschaffungspflicht Business Judgment Rule Ermessensspielraum Beweislast Beweislastum
Autor*innen
Matthias Pitkowitz
Haupttitel (Deutsch)
Vorstandshaftung, unternehmerisches Ermessen und die D&O- Versicherung im Recht der Aktiengesellschaft
Publikationsjahr
2009
Umfangsangabe
XVI, 213, XXIV S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Arthur Weilinger ,
Helmut Ofner
Klassifikationen
86 Recht > 86.24 Handelsrecht ,
86 Recht > 86.26 Versicherungsrecht ,
86 Recht > 86.27 Gesellschaftsrecht ,
86 Recht > 86.65 Wirtschaftsrecht
AC Nummer
AC07850370
Utheses ID
5335
Studienkennzahl
UA | 083 | 101 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1