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Kinderskelette aus St. Pölten
eine paläopathologische Untersuchung
Julia Monihart
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Lebenswissenschaften
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Anthropologie
Betreuer*in
Fabian Kanz
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-12292.21564.715271-0
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die Untersuchungen an den Skelettresten aus Sammelgrab 6 gewähren eine Momentaufnahme der Lebensbedingungen und Krankheitsbelastungen von Kindern und Jugendlichen am Ende des 13. Jahrhunderts in St. Pölten. Bei dem zentral gelegenen Sammelgrab handelt es sich um ein Massengrab, welches in relativ kurzer Zeit sequenziell belegt wurde. Rund 80% der Bestatteten hatten das Erwachsenenalter noch nicht erreicht, das ist im Vergleich zu rund 40% Kindern und Jugendlichen im übrigen Friedhof überproportional viel. Insgesamt standen die Skelette von 137 subadulten Individuen zur Verfügung. Das Durchschnittsalter betrug 8,2 Jahre, wobei knapp 90% der Individuen zum Zeitpunkt ihres Todes jünger als 13 Jahre alt waren. Drei große „Hürden“ im Leben der Verstorben werden durch die Untersuchungen an den knöchernen Überresten belegt. Das Säuglingsalter stellt die erste große Herausforderung dar. Säuglinge sind besonders anfällig für Mangelernährung und Infektionen der Atemwege und des Gastrointestinaltraktes. Die nächste Phase ist die des Abstillens. Die Umstellung von nährstoffreicher Muttermilch auf nährstoffarme Erwachsenenkost und schlechte hygienische Zustände schwächen das Immunsystem. Dies begünstigt Infektionskrankheiten. Die dritte Hürde ist das siebte Lebensjahr. Kinder galten als erwachsen und trugen zum Lebensunterhalt der Familie bei. Schwere körperliche Arbeit führte zu einer Zunahme der unspezifischen Stressmarker sowie zu einer Zunahme der Mangel- und Infektionskrankheiten. Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 21 Jahren waren in großer Zahl von Stressoren betroffen. Unspezifische Stressmarker kamen sehr häufig vor (Cribra orbitalia: 89,9%, porotische Hyperostosen: 43,9%, Zahnschmelzhypoplasien: 26,0%, periostale Reaktionen: 50,0%, Harris Lines: 59,6%) und ließen Rückschlüsse auf Mangelerkrankungen wie Rachitis (11,9%), möglichen Vitamin C-Mangel (21,1%) und Anämien (22,6%) zu. Otitiden kamen sehr häufig vor (45,9%) und ein Individuum verstarb vermutlich an den Folgen einer Meningitis. Kinder wurden aufgezogen, um schon früh zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, dies führte oft zu erhöhten körperlichen Belastungen und in weiter Folge zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die anzunehmenden chronischen physischen Überlastungen bei häufiger zusätzlicher Mangelernährung führen zu den festgestellten Zunahmen der unspezifischen Stressmarker am Knochen. Neben ausgeprägten Muskelansatzstellen aufgrund körperlicher Beanspruchung, konnten überraschenderweise keinerlei Hinweise auf Frakturen festgestellt werden. Am Wahrscheinlichsten deutet dies, neben einer guten Bruchheilung, wie sie für Kinder und Jugendliche generell anzunehmen ist, auf eine ausreichend „medizinische“ Akutversorgung der St. Pöltner hin. Die tatsächliche Todesursache der bestatteten Individuen konnte noch nicht abschließend geklärt werden, ein seuchenartiges Infektionsgeschehen, welches bevorzugt Kinder und Jugendliche betraf, scheint allerdings am wahrscheinlichsten. Für die endgültige Klärung der Todesumstände der Bestatteten in Sammelgrab 6 sind zukünftig vor allem molekularbiologische Untersuchungen zu den möglichen Krankheitserregen angeraten.
Abstract
(Englisch)
The investigations of the skeletal remains from collective grave 6 provide a snapshot of the living conditions and disease burden of children and adolescents at the end of the 13th century in St. Pölten. The centrally located collective grave is a mass grave, which was sequentially occupied in a relatively short time. About 80% of the buried individuals had not yet reached adulthood, which is disproportionately high compared to about 40% children and adolescents in the rest of the cemetery. A total of 137 skeletons of children and adolescents were available for the investigations. The average age was 8.2 years, with almost 90% of the individuals being younger than 13 years at the time of death. Three major "hurdles" in the lives of the deceased are documented by the examinations of the bony remains. Infancy is the first major challenge. Infants are particularly susceptible to malnutrition and infections of the respiratory and gastrointestinal tracts. The next phase is that of weaning. The switch from nutrient-rich breast milk to low-nutrient adult food and poor hygienic conditions weaken the immune system. This favours infectious diseases. The third hurdle is the seventh year of life. Children were considered adults and contributed to the family's livelihood. Heavy physical work led to an increase in unspecific stress markers, deficiency and infectious diseases. Children and adolescents between the ages of 7 and 21 were affected by stressors in large numbers. Non-specific stress markers were very frequent (Cribra orbitalia: 89.9%, porotic hyperostoses: 43.9%, dental enamel hypoplasia: 26.0%, periosteal reactions: 50.0%, Harris Lines: 59,6%) and allowed conclusions to be drawn about deficiency diseases such as rickets (11.9%), possible vitamin C deficiency (21.1%) and anaemia (22,6%). Otitides were very common (45.9%) and one individual probably died from meningitis. Children were brought up to contribute to the family's livelihood at an early age, which often led to increased physical stress and subsequently to health problems. The assumed chronic physical overloading with frequent additional malnutrition leads to the observed increases in unspecific stress markers on the bones. Apart from pronounced muscle attachment points due to physical strain, surprisingly no evidence of fractures could be found. This most likely indicates, in addition to good fracture healing, as can generally be assumed for children and adolescents, sufficient "medical" acute care for the St. Pölten residents. The actual cause of death of the buried individuals could not yet be conclusively determined, but an epidemic-like infection, which mainly affected children and adolescents, seems most likely. For the final clarification of the circumstances of death of the buried in collective grave 6, molecular biological investigations of the possible pathogens are recommended.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
St. Poelten mass grave children's skeletons disease burden stress marker
Schlagwörter
(Deutsch)
St. Pölten Sammelgrab Kinderskelette Krankheitsbelastung Stressmarker
Autor*innen
Julia Monihart
Haupttitel (Deutsch)
Kinderskelette aus St. Pölten
Hauptuntertitel (Deutsch)
eine paläopathologische Untersuchung
Publikationsjahr
2020
Umfangsangabe
93 Seiten : Illustrationen, Diagramme
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Fabian Kanz
Klassifikation
42 Biologie > 42.00 Biologie: Allgemeines
AC Nummer
AC15680900
Utheses ID
55466
Studienkennzahl
UA | 066 | 827 | |
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