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Sozialistische Völkerfreundschaft, nationaler Widerstand oder harmloser Zeitvertreib
zur politischen Funktion der Volkskunst im sowjetischen Estland
Philipp Herzog
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Andreas Kappeler
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29363.08425.394360-3
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Ausgangspunkt für diese Arbeit war es, dem Phänomen nachzugehen, warum Volkskunst in Estland bzw. im Baltikum allgemein offensichtlich eine überdurchschnittlich hohe Relevanz und sichtbare Präsenz im Alltag hat und wie sich gleichzeitig, trotz des klar anti-kommunistischen und teilweise fast als nationalistisch zu bezeichnenden Selbstverständnisses des post-sowjetischen Estlands gerade in diesem Bereich viele „sowjetische Relikte“ erhalten konnten. Mit dem Anspruch hierfür eine Erklärung zu bieten, beleuchtet die Arbeit die alltägliche Volkskunstpflege in der Estnischen SSR. Mit einem zeitliche Schwerpunkt auf den späten 1960er-/frühen 1970er-Jahren und einer thematischen Fokussierung auf den sowjetestnischen Volkstanz geht sie auf Basis einer empirischen Untersuchung (Archivrecherchen, Oral History Interviews, Analyse zeitgenössischer publizierter Quellen) der Frage nach, wie Volkskunst im Rahmen des staatlich gelenkte Laienkunstsystems institutionell organisiert war, was die ideologischen Vorgaben und Zielsetzungen waren und wie diese in der praktischen, alltäglichen Arbeit vor Ort umgesetzt bzw. abgewandelt wurden. Bezug nehmend auf das theoretische Konzept der „bricolage“ von Michel de Certeau, kommt die Arbeit zu dem Ergebnis, dass sich die Menschen das System aus verschiedenen Gründen – nicht zuletzt durch die ambivalente (Nationalitäten-)Politik es Regimes selbst – so für sich zurechtformten, dass sie es, in einer doppelten Bedeutung des Wortes, als etwas „Eigenes“ akzeptieren konnten: Einerseits als Teil des eigenen alltäglichen Lebens, der eigenen privaten Erfolgsgeschichte, andererseits als Teil der eigenen nationalen Identität. Der ideologisch-kommunistische Gehalt, den die gepflegte Volkskunst zweifelsohne ebenfalls immer gehabt hatte, konnte so in der Zeit des sog. „Zweiten Nationalen Erwachens“ bzw. im Kampf um die Unabhängigkeit relativ problemlos ausgeblendet werden, während der parallel dazu ebenfalls enthaltene nationale Kontext nun in den Vordergrund geschoben wurde. Die Kombination aus dem „authentischen“ Stil der Folkloreprotestbewegung mit der nationalen Interpretation der sowjetisierten Volkskunst, garantierte letztlich, dass Folklore allgemein, auch in ihrer sowjetisierten Form, seine Bedeutung und Reputation in der Zeit nach der "Singenden Revolution" behalten konnte. Die Arbeit leistet somit einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der heutigen estnischen bzw. im weiteren Sinne baltischen Gesellschaft, sie sieht sich aber darüber hinaus, da das System der Laienkunst über den gesamten sowjetischen Machtbereich in ähnlicher Form bestand, auch als eine Fallstudie zur sowjetischen Alltags- bzw. Freizeitkultur allgemein.
Abstract
(Englisch)
The astonishing fact that some of today’s Estonian big folk art events resemble a lot those of Soviet times and that folklore in general enjoys a very high appreciation forms the basis for this research. Looking into the everyday practice of folk art during Soviet times, especially the 1970s, the paper offers an explanation, why sovietised folk art, despite all communist-internationalist propaganda, kept its potential for creating a national identity. On the basis of de Certeaus thesis of “making do”, the paper suggests that people transformed the given institutional and ideological framework into something that they could accept as their own, in a double sense of the word: As belonging to their own personal life story as well as belonging to their own Estonian national identity. The ideological communist content, that (sovietised) Estonian folk art certainly also had, could easily be faded out at the same time as the national aspect of folklore became dominant during the fight for independence and the so-called “second national awakening”. The combination of the “authentic” style of the “folklore protest movement” with the national interpretation of sovietised folklore guaranteed, together with the positive personal identification with the (Soviet) amateur art system, that folklore in general, including its sovietised form, maintained its importance and reputation. The paper therefore offers a deeper understanding of today’s Estonian, or more general Baltic society, but it is also, as a case study, a contribution to general Soviet everyday history, as the system of amateur art, was quite the same all over the communist block.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Estonia Baltic states Soviet Union folklore folk art Popular culture everyday history history 1945 - 1991
Schlagwörter
(Deutsch)
Estland Baltikum Sowjetunion Folklore Volkskunst Populärkultur Alltagsgeschichte Geschichte 1945 - 1991
Autor*innen
Philipp Herzog
Haupttitel (Deutsch)
Sozialistische Völkerfreundschaft, nationaler Widerstand oder harmloser Zeitvertreib
Hauptuntertitel (Deutsch)
zur politischen Funktion der Volkskunst im sowjetischen Estland
Paralleltitel (Englisch)
Socialist friendship among the peoples, national resistance or harmless pastime ; the political function of folk art in Soviet Estonia
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
243 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Andreas Kappeler ,
Konrad Köstlin
Klassifikationen
15 Geschichte > 15.38 Europäische Geschichte nach 1945 ,
15 Geschichte > 15.71 Osteuropa ,
15 Geschichte > 15.73 Baltische Republiken ,
73 Ethnologie > 73.96 Ethnische Identität ,
89 Politologie > 89.15 Kommunismus ,
89 Politologie > 89.22 Nationalismus
AC Nummer
AC08090900
Utheses ID
8470
Studienkennzahl
UA | 092 | 312 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1