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Die mittelneolithischen menschlichen Skelettreste aus dem Osten Österreichs: Pathologie, Taphonomie und Bestattungsritus im Kontext
Johanna Mayrwöger
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Lebenswissenschaften
Betreuer*in
Maria Teschler-Nicola
DOI
10.25365/thesis.13145
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29326.08057.426260-1
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Aus dem Osten Österreichs (Niederösterreich, Wien) sind aus der Zeit des Mittelneolithikums (4800-4115 v. Chr.) mit Ausnahme der Gräbergruppen von Friebritz und Mauer bisher keine größeren Gräberfelder bekannt. Es sind vorwiegend Einzelfunde dokumentiert, die meist von interessierten Laien und HeimatforscherInnen geborgen und oft nur lückenhaft beschrieben wurden. Einige dieser Funde und Befunde wurden bereits vorgelegt, eine systematische Sichtung und Analyse der menschlichen Skelettreste unter Einbeziehung aller zur Verfügung stehender archäologischer Informationen fehlt aber bis dato. Die Funde ergeben ein sehr heterogenes Bild, es lassen sich weder gesicherte Rückschlüsse auf die gebräuchlichste Bestattungsform noch auf krankhafte/traumatische oder perimortale Veränderungen ableiten. Ein erster Schritt, diese offenen Fragen zu beantworten, soll mit der vorliegenden Arbeit geleistet werden. Die mittelneolithischen menschlichen Skelettfunde wurden zunächst erfasst und die Fundumstände recherchiert und dokumentiert. Nach Ausschluss einiger unsicher datierter Fälle blieben zur Analyse der archäologischen Daten 62 Sklelettindividuen aus 26 Fundorten Ostösterreichs. Davon konnten 41 Skelettindividuen in die anthropologische Analyse miteinbezogen werden. Der Fokus der anthropologischen Analyse lag auf der Erfassung von Nahrungsmangelsymptomen, des Gesundheitszustandes der Zähne und des Zahnhalteapparates sowie auf der Erhebung perimortaler Veränderungen. Eine Auswertung der archäologischen Parameter erschien ebenfalls notwendig um etwaige Regelmäßigkeiten im Bestattungsritus ausfindig zu machen. Außerdem wurde der Versuch unternommen Zusammenhänge zwischen archäologischem und anthropologischem Befund aufzudecken. An den mittelneolithischen Skelettindividuen finden sich auffällig häufig unspezifische Nahrungsmangelsymptome in Form von linearen Schmelzhypoplasien (18,8%), Cribra orbitalia (50%), porotischer Hyperostose (86,4%) und Periostitis (72,4%). Auch hämorrhagisch-entzündliche Veränderungen an der Lamina interna (13,3%) sowie entzündliche Veränderungen der Nasennebenhöhlen (Sinusitis: 20%) und des harten Gaumens (Stomatitis: 88%) kommen häufig vor. Die Kariesfrequenz der gesamten mittelneolithischen Stichprobe liegt bei 18,8%, Zahnstein tritt zu 34,3% auf. Auch perimortale Brüche am Cranium (50%) und an den postcranialen Skelettelementen (28,6%) sind an den Mittelneolithikern zahlreich zu finden. Die übliche Form der Bestattung scheint jene der Einzelbestattung (54,2%) gewesen zu sein. Die Verstorbenen wurden in Grab (25,5%)- oder Siedlungsgruben (23,5%) meist in rechtsseitiger Hockerstellung (40%) niedergelegt. Bezüglich der Orientierung der Toten sind keine bestimmten Trends abzulesen. Die hohen Frequenzen für unspezifische Mangelsymptome sprechen für eine insuffiziente Zufuhr von wichtigen Nährstoffen (wie etwa Eisen oder Vitamin C). Ein Vergleich mit den beiden frühneolithischen Populationen aus Kleinhadersdorf (5950-5150 v. Chr.) und aus Asparn/Schletz (5000 v. Chr) lässt auf eine Verschlechterung der Ernährungssituation im Laufe des Frühneolithikums schließen — vielleicht auch saisonal bedingt. Auch die häufig auftretenden entzündlichen Veränderungen sprechen für eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit durch Mangelernährung. Die im Vergleich mit den chronologisch älteren Kleinhadersdorfern weit niedrigere Kariesfrequenz und etwas höhere Zahnsteinfrequenz der Mittelneolithiker lässt sich am ehesten mit einer Umstellung der Ernährung von kohlenhydratreicher auf proteinreiche Nahrung im Laufe der Jungsteinzeit erklären. Die perimortal entstandenen Brüche am Cranium geben einerseits Hinweise für interpersonelle Gewalt (scharfe und stumpfe Gewalteinwirkung, eventuell mit letalen Folgen). Andererseits können sie durch sekundäre Eingriffe oder ungewöhnliche Bestattungsweisen (z.B. Friebritz oder Mauer) erklärt werden. Perimortale Frakuren am Postcranium ließen sich nur bei Skelettindividuen aus zwei Fundstellen (Friebritz und Mauer) feststellen und lassen sich durch einen gewaltsamen Tod (Doppelbestattung Friebritz), sekundäre Störungen (Grabgruppe Friebritz) und besondere Bestattungsweisen (Mauer) erklären. Neben der scheinbar gebräuchlichsten Bestattungsweise (rechtsseitige Hockerbestattungen in Grab- oder Siedlungsgruben), lassen sich in der mittelneolithischen Stichprobe auch viele Abweichungen davon beobachten. Es kommen Doppelbestattungen, Schädeldeponierungen und Niederlegungen in sehr ungewöhnlicher Körperlage (z.B. Bauch- oder Rückenlage) vor. Diese „Sonderbestattungen“ können in vielen Fällen durch den anthropologischen Befund erklärt bzw. mit diesem in Einklang gebracht werden. Für weitere Interpretationen der nachgewiesenen hohen Frequenzen an Nahrungsmangelsymptomen und an perimortalen Brüchen gilt es die Auswertung des gesamten mittelneolithischen Kollektivs abzuwarten.
Abstract
(Englisch)
Up to now bigger graveyards dated to the middle Neolithic (4.800-4.1150 BC) are unknown in eastern Austria (Lower Austria and Vienna). There were merely two burial grounds (Friebritz and Mauer) where skeletal remains of several skeletal individuals were found. Apart from that, predominantly scattered finds were recovered in the area of interest (often by amateur archaeologists). So far, we lack a comprehensive investigation of pathological features and the variability of the observed burial practices — obviously characteristic for this period. The present study, a systematic survey including both, archaeological (mode of burial) and anthropological (paleopathological) findings and arguments was aimed to bridge this gap. For that purpose, all the middle Neolithic skeletal remains recovered from eastern Austrian sites (62 individuals from 26 find spots) were recorded, the preservation and location of the skeletal remains within the grave/pit documented. From a subsample of 41 individuals the biological parameters (age-at-death, sex) were ascertained. Moreover, pathological (in particular unspecific stress lesions and dental pathologies) and traumatic and taphonomic alterations were investigated as well. An evaluation of the archaeological parameters was also required to reveal any regularity in the middle neolithic burial rites. The observed individuals are characterized by a high frequency of unspecific stess markers caused by malnutrition, such as linear enamal hypoplasia (18,8%), cribra orbitalia (50%) and periostitis (72,4%). Haemorrhagic-inflammatory changes of the inner table of the skull (13,3%) and inflammatory changes of the paranasal sinus (20%) and the palatine (88,8%) are also frequently noted. The frequency of caries ist relatively low (18,8%), whereas dental calculus occurs more often (34,3%). Moreover, perimortem fractures are identified in a higher degree at cranial (50%) than at postcranial (28,6%) elements. The most common burial is the single burials (54,2%) in regular graves (25,5%) as well as in settlement pits (23,5%). The deceased were most often grounded in a dexter crouched position (40%). The high frequencies of nutritional deficiences indicate an insufficient ingestion of crucial nutritions (such as iron or vitamin c). A comparison with the chronologically older sites of Kleinhadersdorf (5.950-5.150 BC) an Asparn/Schletz (5.000 BC) suggests an aggravation of nutrition during the early Neolithic — possibly conditional on seasonal changes. The comparatively low frequencies of caries and high frequencies of dental calculus point to an albuminous nourishment in the middle Neolithic. Perimortem fractures of the crania provide an indication for interpersonal violence (sharp and blunt force), but they probably can also be explained by secondary interferences or special burialrites. Besides the apparently usual burials, there are also “special burials” (such as double burials, deposits of skulls or exceptional position of the body), which can be partially interpreted by the anthropological results. Perimortem fractures of the postcranial remains exclusively were observed at the skeletal remains recovered at Friebritz and Mauer and can be related to violent death (Double Burial/Friebritz), secondary interferences (grave group/Friebritz) and special treatment of the deceased (Mauer). For further interpretations of the high degree of nutricional defincies and perimortem alterations, an evaluation of the entire middle Neolithic collective has to be performed.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Neolithikum Pathologie Taphonomie Bestattungsrituale
Autor*innen
Johanna Mayrwöger
Haupttitel (Deutsch)
Die mittelneolithischen menschlichen Skelettreste aus dem Osten Österreichs: Pathologie, Taphonomie und Bestattungsritus im Kontext
Publikationsjahr
2011
Umfangsangabe
246 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Maria Teschler-Nicola
Klassifikation
42 Biologie > 42.88 Physische Anthropologie
AC Nummer
AC08451363
Utheses ID
11820
Studienkennzahl
UA | 442 | | |
