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Platons Biologie und Krankheitslehre
Beurteilung anatomischer, physiologischer und pathophysiologischer Konzeptionen in Timaeus 69ff.
Bruno Schneeweiss
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Eugen Dönt
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.13625
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30268.99143.173853-8
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die Aussagen Platons zur Biologie und Medizin wie sie im Timaeus dargelegt sind, haben in der Vergangenheit unterschiedliche Bewertungen erfahren. Die im Dialog präsentierten Vorstellungen zur Anatomie, Histologie und Nosologie wurden in der Vergangenheit teilweise vollständig abgelehnt, andererseits aber auch als naturwissenschaftlich im modernen Sinn interpretiert. Obwohl in den letzten Jahren ein erhöhtes Interesse an diesem Dialog zu beobachten ist, fehlen systematische Untersuchungen zu dieser Thematik. In vorliegender Dissertationsschrift wird der Versuch unternommen, die Aussagen Platons durch Vergleich mit zeitgenössischen Erkenntnissen zur Biologie und Medizin auf ihre wissenschaftliche Qualität hin zu prüfen und zudem ihre etwaigen Abhängigkeiten von der vorsokratischen Naturphilosophie und den medizinischen Erkenntnissen des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts aufzuzeigen. Platons Schrift steht in Abhängigkeit der περὶ φύσεως Tradition der vorsokratischen Naturphilosophie. Die Methode ist was die Anatomie betrifft deskriptiv, hinsichtlich der physiologischen und nosologischen Konzepte aber weitgehend spekulativ und deduktiv; bis auf eine Ausnahme – die Blutgerinnung – werden keine wissenschaftlichen Versuche erwähnt, die geeignet wären im Sinne eines induktiven Schlusses Hypothesen zu generieren. Modern ist sein Konzept des εἰκὼς λόγος (Aussage mit hohem Wahrscheinlichkeitsgehaltes), das an das Prinzip der Falsifizierbarkeit als essentiellem Bestandteil einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis erinnert. Ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst Platons ist die Einführung der Mathematik in die biologischen Wissenschaften. Sein Konzept, Eigenschaften organischer Substanzen aus der geometrischen Struktur der zugrundeliegenden molekularen Körper abzuleiten mutet geradezu modern an. Obwohl erst Aristoteles den Begriff der Gewebe exakt erarbeitet hat, finden wird ihn schon bei Platon vorgezeichnet, der seinerseits in Abhängigkeit von Empedokles und Anaxagoras steht. Platon gibt eine überraschend detailgerechte Darstellung der Verteilung der Muskulatur am Skelettsystem und der topographisch-anatomischen Verhältnissen an den Akren. In Timaeus werden anatomische und physiologische Fakten zu den Atemwegen, dem Zentralnervensystem, Gefäßsystem, Abdominal- und Geschlechtsorganen präsentiert, wobei die Aussagen zur topographischen Anatomie der Atemwege den größten Raum einnehmen. Mit dem Bild der Fischreuse (ὁ κύρτος) wird erstmals in der abendländischen naturwissenschaftlichen Tradition ein anschauliches Bild des Naso-, Oro- und Hypopharynx geliefert. Seine Verbindung der Physiologie der Atmung mit Aussagen zur Ernährungsphysiologie und Stoffwechsel ist sehr stark von Konzepten der westgriechischen medizinischen Schulen beeinflusst, zeigt aber auch bereits eine Nähe zu modernen zeitgenössischen Konzepten: so können wir z.B. im Timaeus eine erste Formulierung des ersten Hauptsatzes der Wärmelehre finden. Platons Aussagen zur Anatomie des Zentralnervensystems sind einerseits oberflächlich, andererseits finden wird erstmalig einen Hinweis auf die Bedeutung der Zwischenwirbelscheiben für die Beweglichkeit der Wirbelsäule und eine Erwähnung des Liquor cerebrospinalis. Die topographisch-anatomischen Aussagen zum Herzkreislaufsystem zeichnen sich ebenfalls durch eine gewisse Einfachheit aus. Es werden im Wesentlichen nur die Aorta abdominalis und Vena cava inferior beschrieben. Platon gibt aber auch eine anschauliche Beschreibung der Kreuzung der Gefäße im Halsbereich, die allerdings vor ihm schon Diogenes von Apollonia, Synennesis und der Autor der Schrift de morbis I aus dem CH gesehen haben. Die physiologische Bedeutung des Herzkreislaufsystems für die Substratverteilumg im Körper ist richtig erkannt worden und von Platon in einem komplexen Konzept, das die Atmung in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, formuliert worden. Auch Platons Vorstellungen zum Oberbauchsitus beschränken sich auf die Beschreibung der Lage der Leber, Milz und des Omentum majus, dessen Funktion bei pathologischen Prozessen im Abdomen er erahnt. Die Niere wird nicht erwähnt, seine weitgehend falschen Vorstellungen zum Verlauf des Samenleiters sind von der enkephalo-myelogenen Samenlehre geprägt. Platons Nosologie steht in der Tradition der Krankheitslehren seiner Zeitgenossen wie z.B. des Dexippos von Kos, besonders aber auch der westgriechischen Medizin und hier wiederum des Philistion von Lokroi. In ihrer Komplexität gehen seine Theorien allerdings weit über die seiner Vorgänger hinaus. Zudem findet sich meines Erachtens im Dialog eine Auseinandersetzung mit dem Autor de morbo sacro aus dem CH um die Bezeichnung der Epilepsie als heilige Erkrankung. An speziellen Krankheitsbildern finden wir eine Beschreibung der Leberzirrhose, der Splenomegalie, Gangän und von Gerinnungsstörungen, die teilweise auch heutigen Vorstellungen entsprechen. Modern ist seine Vorstellung der somatischen Grundlage psychischer Erkrankungen. Platons therapeutische Vorstellungen zielen auf eine Wiederherstellung der Symmetrie von Körper und Geist durch Modifikation des Lebensstils; eine medikamentöse Therapie soll nur in Ausnahmefällen Verwendung finden.
Abstract
(Englisch)
Platon’s statements concerning biology and medicine, like they are presented in his Timaeus, have been evaluated differently in the past. More than once the statements he made in his dialogue about anatomy, histology and nosology have been dismissed completely, yet also interpreted as “scientific“ in the modern sense. Even though one could witness a growing interest in his dialogue in the last few years, the thematic is still missing thorough systematic examination. The purpose of this dissertation is to try to examine the scientific quality of Platon’s statements through comparison with present-day knowledge of biology and medicine, and also to show any possible connections to the pre-Socratic natural philosophy and the medical knowledge of the fifth and fourth century BC. Platon’s method is mostly deductive; if one ignores the one exception, the blood coagulation, there are no scientific experiments mentioned that could be used to generate hypotheses through inductive reasoning. His concept of εἰκὼς λόγος (a statement with a high probability) which reminds one of the principle of falsifiability as an essential part of natural scientific knowledge is quite modern, though. One cannot overrate Platon’s contribution for including mathematics in biological sciences either. How modern his concept of deducing characteristics organic substances show from geometric shapes and structures sounds! Even though it was Aristotle who coined the term tissue first, we can find traces o fit in Platon’s work, which, in turn, was influenced by Empedokles and Anaxagoras. Very detailed is Platon’s description of the muscle’s arrangement at the skeletal frame and the topographical-anatomical ratio at the acra. The Timaeus presents anatomical and physiological facts concerning the respiratory system, the central nervous system, the vascular system, the abdominal organ and sex organs, with his observations about the respiratory system’s topographical anatomy filling the lion’s share of his dialogue. He is the first in the occidental tradition of natural sciences to present a clear illustration of the naso-, oro- and hypopharynx with the picture of ἐγκύρτια. His connection of the physiology of the respiration with statements about the nutrition physiology is strongly influenced by the medical schools of Western Greece, yet they also show some correspondence to modern-day concepts: i.e. already in Timaeus a forerunner of the first law of thermodynamics can be found. His statements concerning the anatomy of the central nervous system are superficial, but also give a first reference about the role the intervertebral disc plays for the flexibility of the spine as well as a mention of the liquor cerebrospinalis. When it comes to his statements concerning the topographical anatomy of the cardiovascular system, they can be characterized by their simplicity, as all they primarily describe are the aorta abdominalis and the vena cava inferior. Platon does provide his readers with a detailed description of the vascular junctions in the neck area, even though it has to be noted that Diogenes of Apollonia, Synessesis and the author of the de morbis I from the HC had already done that before him. He is right with his remark about the physiological importance the cardiovascular system plays for the substrate allocation in the body, which he formulated in a complex concept that centres on the respiration. Platon’s perception of the topographical anatomy of the epigastria is limited to him describing the location of the liver and the spleen. He also mentions the omentum majus and accomplishes to guess the role it plays in pathological processes of the abdomen. Yet he fails to mention the kidneys, and his false accounts of the spermatic duct’s run have been heavily influenced by the enkephalo-myelogene theory of spermatogenesis. The nosology coined by Platon stands within the tradition of his contemporary’s pathology, especially the medical science of Western Greece and Philistion from Lokroi, even though his accounts are much more complex as a whole. Furthermore, in my opinion, one can find a debate with the author of the de morbo sacro from the CH concerning epilepsy as some kind of sacred disease. Certain clinical pictures he describes show the reader the cirrhosis of the liver, splenomegaly, gangrene and the blood-clotting disorder; some of his accounts even match today’s knowledge of these diseases. Especially modern is also his idea that mental illnesses have somatic causes. When it comes to therapy, Platon aims to re-establish the symmetry of body and mind through modification of one’s lifestyle; only in exceptional cases drug therapies should be used.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Plato Timaeus biology nosology
Schlagwörter
(Deutsch)
Platon Timaeus Biologie Krankheitslehre
Autor*innen
Bruno Schneeweiss
Haupttitel (Deutsch)
Platons Biologie und Krankheitslehre
Hauptuntertitel (Deutsch)
Beurteilung anatomischer, physiologischer und pathophysiologischer Konzeptionen in Timaeus 69ff.
Paralleltitel (Englisch)
Plato's biology and nosology
Publikationsjahr
2011
Umfangsangabe
223 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Eugen Dönt ,
Herbert Bannert
Klassifikationen
08 Philosophie > 08.21 Griechische Philosophie, römische Philosophie ,
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.01 Geschichte der Geisteswissenschaften ,
18 Einzelne Sprachen und Literaturen > 18.42 Klassische griechische Literatur ,
42 Biologie > 42.01 Geschichte der Biologie ,
44 Medizin > 44.01 Geschichte der Medizin
AC Nummer
AC08555883
Utheses ID
12243
Studienkennzahl
UA | 092 | 340 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1