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Literatur und Politik - Moderne jiddische Literatur in Wien und "Jiddischismus" (1904 bis 1938)
Thomas Soxberger
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Klaus Davidowicz
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.14408
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29613.91504.182760-5
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die Entstehung einer, dem eigenen Selbstverständnis nach modernen, jiddischen Literaturszene in Wien ist vor dem Hintergrund politischer Bewegungen vor dem Ersten Weltkrieg zu sehen. Im Kontext der Nationalitätenkonflikte der Habsburger Monarchie wurde die Anerkennung des Jiddischen sowohl bei den jüdischen Diasporanationalisten wie in der jüdischen Arbeiterbewegung zu einem politischen Ziel. Dieses wurde teilweise gemeinsam verfolgt, etwa bei den Kampagnen, die vor den Volkszählungen für das Recht, Jiddisch als "Umgangssprache" anzugeben, geführt wurden. Vor diesem Hintergrund entstand in Galizien eine nationalromantische literarische Bewegung, bekannt als „Yung-Galtisye“ (Jung-Galizien), die auf eine Modernisierung der jiddischen Literatur ausgerichtet war und geprägt wurde von ihrem Wortführer S. J. Imber. Die kulturpolitischen Ideen des „Jiddischismus“ wurden nach dem Ersten Weltkrieg zum bestimmenden Bestandteil der Ideologie des Linken Poale Zionismus. Die Linke Poale Zion, die eine kommunistische Bewegung darstellte, berief sich dabei ebenso wie die sozialdemokratische (rechte) Poale Zion auf das Erbe von Ber Borochow. Jiddisch sollte Träger einer modernen, weltlichen jiddischen Kultur sein. Darin kam auch eine Abgrenzung von den bürgerlichen Zionisten zum Ausdruck. Diese standen dem Jiddischen entweder distanziert gegenüberstanden oder akzeptierten es nur aus pragmatischen Gründen als Kommunikationsmittel der jüdischen Diaspora. Die besonderen ökonomischen und politischen Bedingungen zu Anfang der 1920er Jahre brachten eine kurze „Blüte“ jiddischen literarischen Lebens in Wien hervor. Einige Autoren, wie Melech Rawitsch oder Moses Liwschitz, wandten sich ganz bewussten den Strömungen der literarischen Moderne und auch der revolutionären Bewegung zu, was ihren weiteren Lebensweg entscheidend beeinflusste. Der Zustrom galizischer Kriegsflüchtlinge erweckte Hoffnungen für eine stabile soziale Basis für jiddische Kultur in Wien. Um Moses Silburg und seine Zeitschrift „Kritik“ sammelten sich Schriftsteller, die Wien in einer Brückenfunktion zwischen den Zentren der jiddischen Literatur in Amerika und Osteuropa sahen. Die verlegerischen Ambitionen der Gruppe kamen durch die Hyperinflation und die Währungsreform an ein Ende. Nach Mitte der 1920er Jahre blieb in Wien nur mehr eine kleine jiddische Literaturszene bestehen. Weiterhin hielt man Kontakte mit der jiddischen Kulturbewegung in anderen Ländern aufrecht. Dabei fällt eine starke Nähe zur jiddischsprachigen Linken auf, was sich auch in den Themen der jiddischen Literatur aus Wien widerspiegelt. Proletarische Szenen und das Leben der Unterschichten werden oft behandelt. Das Gefühl der „Krise“ der jiddischen Kultur in Wien und der vergebliche Versuch, aus der Isolation des engen jiddischistischen Milieus auszubrechen, prägte die Stimmung dieser Jahre. Neben der bewusst modernen jiddischen Literatur mit linker Tendenz gab es in Wien auch eine Reihe von politisch konservativen Autoren, deren literarische Produktion eine gesonderte Untersuchung erfordern würde und die in dieser Arbeit nur am Rande behandelt werden. Oft waren diese Autoren journalistisch tätig und schrieben Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur. Bereits mit der Errichtung des Ständestaats kam es zur Beschränkung der Aktivitäten der jiddischen Kulturszene in Österreich. Nach dem Anschluss 1938 wurden auch die noch verbliebenen Aktivisten der jiddischen Kultur in Wien in die Emigration getrieben oder wurden Opfer der Shoah. Ein abschließendes Kapitel behandelt die komplexen Beziehungen zwischen Politik, Wissenschaft und Literatur der Wissenschaft der „jiddischen Philologie“, deren Grundsätze Ber Borochow aufgestellt hatte. Eine kleine Textauswahl im Anhang soll die Behandlung politischer Themen in der jiddischen Literatur im Wien der Zwischenkriegszeit verdeutlichen.
Abstract
(Englisch)
The development of modern Yiddish literature in Vienna between the Wars has to be seen in the context of political movements, which had an impact on Jewish life in Austria and Vienna before WWI, especially Jewish nationalism and the Jewish Workers Movement. The nationality conflicts of the late Habsburg monarchy were the background for the aim of both “diaspora nationalists” and the Jewish Workers Movement to gain official recognition for the Yiddish language in Austria. At the same time, a nationalist-romantic Yiddish literary movement was born, Yung-Galitsye (Young Galicia), led by S. J. Imber. After WWI, the Zionist Workers movement, Poale Zion, and especially its radical left wing, adopted the agenda of Yiddishism for its cultural politics. Both the Left Poale Zion (which was basically a Jewish Communist Party) and the Social Democrat (“right”) Poale Zion claimed the ideological heritage of Ber Borokhov for themselves. Yiddish was to be the foundation of a modern, secular Jewish Culture. This was also a statement against the bourgeois Zionist movements, which saw Yiddish at best in terms of its usefulness as a means of communication but had no special regard for it. The political and economic conditions of Vienna just after WWI and at the beginning of the 1920s allowed for a short flourishing of Yiddish cultural activity in Vienna. Several writers of the Yung-Galitsye joined the modernist and revolutionary camp. The influx of Galician Jews during the War provided for a local audience for Yiddish theatre and Yiddish popular culture. The writers, involved in the Viennese Yiddishist scene, also wanted to see Vienna as a bridge between the Yiddish literary centres of the Old and the New World. The most remarkable achievement of this literary group, whose central figure was Moses Silburg, was the literary journal Kritik. Inflation and the following austerity measures ended the ambitious plans to make Vienna into a centre of Yiddish publishing. From the mid-1920s onwards, only a small literary scene was able to survive in Vienna. However, it remained in contact with other Yiddish literary centres and links to the Yiddish left movements still existed. This political background is also obvious in the Yiddish literature produced in Vienna in the 1920s and 1930s. Quite often it treats themes of proletarian life and describes the lives of the lower classes of society. In general, the mood of the Yiddishists in Vienna was one of isolation in a largely assimilated Jewish community. Besides the leftist Yiddish writers, it should not be forgotten that there was also a group of writers with a more conservative outlook. They often worked as journalists and produced popular forms of literature. The last chapter explores the complexities of politics, science, and literature in “Yiddish Philology”. The foundations for this scientific discipline had been laid by Ber Borokhov. A few examples of Yiddish writing from Vienna have been given in German translation at the end to illustrate the political aspects of Viennese Yiddish literature.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Yiddish /Yiddish Literature Vienna /20. Century Politics
Schlagwörter
(Deutsch)
Jiddisch /Jiddische Literatur /Wien 20. Jahrhundert Politik
Autor*innen
Thomas Soxberger
Haupttitel (Deutsch)
Literatur und Politik - Moderne jiddische Literatur in Wien und "Jiddischismus" (1904 bis 1938)
Paralleltitel (Englisch)
Literature and Politics - Modern Yiddish Literature in Vienna and "Yiddishism" (1904-1938)
Publikationsjahr
2010
Umfangsangabe
227 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Klaus Davidowicz ,
Armin Eidherr
Klassifikation
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.02 Germanische Sprachen und Literaturen: Allgemeines
AC Nummer
AC08576781
Utheses ID
12928
Studienkennzahl
UA | 092 | 379 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1