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Der Transformationsprozess in Estland und seine Auswirkungen auf die russischsprachige Minderheit
Erich Größwang
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Brigitta Busch
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.14766
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29951.94782.780961-3
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Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die zentrale Forschungsfrage dieser Diplomarbeit war, ob die russischsprachige Minderheit in Estland stärker von den negativen Folgen der Transformation betroffen war als die estnische Mehrheitsbevölkerung und was die Gründe für mögliche Disparitäten sind. Um diese Frage zu beantworten, wurde der Transformationsprozess als Ganzes betrachtet und die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen erörtert. Zwanzig Jahre nach der erreichten Unabhängigkeit ist es heute offensichtlich, dass viele Minderheitenangehörige zu den TransformationsverliererInnen zählen. Die Russischsprachigen verdienen durchschnittlich weniger, sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, in der Politik, an den Universitäten und im Management unterrepräsentiert und leben in Regionen, die vom Wirt-schaftswachstum weniger erfasst werden als der Rest Estlands. Die Gründe für diese Ungleichheiten zwischen der Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung sind vielfältig und ergeben sich einerseits aus der Transformations- und Minderheitenpolitik der estnischen Republik und andererseits aus der Nationalitäten- und Industrialisierungspolitik der UdSSR. Die Staatsbürgerschafts- und die Sprachregelungen, die bereits in den frühen 1990er Jahren beschlossen wurden, exkludierten die Russischsprachigen aus vielen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen. Diese Gesetze hatten einen revisionistischen Charakter, da man den Staat in seiner Form, wie er vor der Okkupation durch die Sowjetunion existierte, wieder herstellen wollte und man somit die (meist) russischsprachigen Einwande-rInnen aus anderen Unionsrepubliken nicht mehr als legitime EinwohnerInnen dieser Republik verstand. Gleichzeitig wurden ihnen aber auch umfassende Rechte zugestanden, etwa ein Bildungssystem in ihrer Sprache, die Verwendung des Russischen als Amtssprache in Gebieten wo sie die Mehrheit stellen, kulturelle Förderungen und die gleichen sozialen Absicherungen, wie sie estnische StaatsbürgerInnen genießen. Die Sprach- und Staatsbürger-schaftsregeln kann man deshalb nicht alleine für eine ungleiche Entwicklung verantwortlich machen. Viele Probleme der Gegenwart haben ihren Ursprung in der Sowjetära. Die Industrialisierungspolitik der UdSSR führte in Estland zu einer „ethnischen Arbeitsteilung“. Die russischsprachigen EinwanderInnen waren überdurchschnittlich in großen Industrieunternehmen beschäftigt, die sich in der Hauptstadtregion und im Nordosten konzentrierten, weshalb sie sich auch hauptsächlich in den Städten dieser Gebiete niederließen. Diese Schwer- und Militärindustrie sowie der Bergbau waren jene Bereiche, die nach der Wende nicht überlebensfähig waren, da sie unproduktiv für einen Markt produzierten, der so nicht mehr existierte. EstInnen waren überdurchschnittlich oft in kleineren Betrieben, im Dienstleistungssektor, Kultur-, Gesundheits- und Bildungsbereich beschäftigt und konnten somit durch die breitere Streuung flexibler auf die neuen Anforderungen reagieren. Mit der Annäherung an die EU wurde auch die Minderheitenpolitik Estlands moderater und man formulierte Integrationsstrategien, was bedeutet, dass gegen Ende der 1990er die Rus-sischsprachigen zunehmend als Teil des Staates akzeptiert wurden. Die Teilung Estlands entlang der beiden größten Bevölkerungsgruppen ist aber nach wie vor offensichtlich. Sie agierten schon während der Sowjetära kaum miteinander, was mit der „ethnischen Arbeits-teilung“ und der Dominanz des Russischen als Lingua franca in der UdSSR zusammenhängt. Vor allem in jenen Gebieten, in denen die Minderheit die Mehrheit stellt, kann man erkennen, dass eine gewisse „ethnische Konservierung“ weiter besteht und die sozialen Netze in sich geschlossen bleiben, obwohl der Anteil jener Personen, die auch Estnischkenntnisse haben, deutlich gestiegen ist. Die Teilung der Gesellschaft entlang sprachlicher Linien ist des Weiteren zurückzuführen auf konstruierte, symbolische Grenzen, die bewusst von Politik und Medien aufrechterhalten werden, wie beispielsweise bei dem Konflikt um den „Bronzenen Soldaten“ ersichtlich wurde. Generell kann man allerdings sagen, dass in der Minderheitenpolitik der letzten zehn Jahre deutliche Fortschritte gemacht wurden, auch wenn man nicht von einer vollständig gelunge-nen politischen Integration der Russischsprachigen in Estland sprechen kann, da sie noch immer in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse zu wenig integriert sind. Dessen ungeachtet betrachten sie inzwischen Estland überwiegend als ihr Heimatland und die Zustimmung zu dieser Republik ist beachtlich. Besitzen Russischsprachige die estnische Staatsbürgerschaft und beherrschen sie ausreichend Estnisch, so entstehen für sie auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem deutlich weniger Nachteile. Dadurch, dass die Anzahl der Staatenlosen beständig sinkt und gleichzeitig immer mehr Personen Estnisch sprechen können, ist anzunehmen, dass gewisse Ungleichheiten in Zukunft abnehmen werden.
Abstract
(Englisch)
The paper discusses if the Russian speaking minority in Estonia is more concerned by the negative consequences of the transformation than the Estonian speaking majority and points out the reasons for these disparities. To answer this question, I analyzed the transformational process as a whole and reconsidered the societal, political and economical changes. Twenty years after Estonia regained its independency it is obvious, that many members of the minor-ity don't benefit from the transformation process of the state. The Russian speakers earn on average less, are more often unemployed and underrepresented in politics, in universities and in management as well. They live in areas with lower economic development than in other parts of Estonia. The reasons for these disparities between the majority and minority are manifold and on the one hand a result of the transformation and minority policy of the Estonian republic and on the other hand the nationality and industrialization policy of the Soviet Union. The citizenship regularizations and the language policy of the early 1990ies excluded the Russian speakers from occupational and societal areas. These laws are regarded as revisionist since the state of the interwar period was rebuilt. The occupation of the Soviets was illegal and that was the reason why also the immigrants (most of them Russian speakers) were no longer legal inha-bitants of the Estonian republic. Contemporaneously they were granted several rights like an educational system in their language, the use of Russian as an official language in areas where they are the majority, cultural subsidies and the same social coverage as Estonian cit-izens. Therefore the citizenship and language requirements are not only accountable for the unequal development. Many problems of the present have their origin in the Soviet era. The industrializing policy of the USSR caused a division of the labor market according to ethnicity. The Russian speaking immigrants were employed above average in large scale industrial enterprises in the capital region and the northeast. This is also the reason why they settled mostly in these areas. The military, the mining and the heavy industry were the first collapsing economic branches since they produced highly unproductively for an inexistent market. Estonians worked above average in small enterprises, the tertiary sector, cultural and educational areas and in healthcare. For this reason they were more able to cope with the new requirements of the economy, because they were employed in more different branches. After Estonia entered negotiations for accession to the EU the Estonian minority policy got more moderate and an integration strategy was developed. The Russian speakers were more accepted as part of the state's population by the end of the 1990s. But the division of the main ethnic groups in the country is still evident. Both groups hardly interacted with each other in Soviet times because of the division of the labor market and the dominance of the Russian language as lingua franca in the USSR. Most notably in areas where the Russian speakers are the majority you can see that there is a so called "ethnic conservation". Although the number of the Russians with Estonian language skills is constantly increasing the social structures of both groups still remain closed for each other. The division of the society along linguistic lines is also a result of the created symbolic borders which are perpetuated by politics and media, as seen in the "Bronze soldier" conflict in 2007. Generally, there was a positive development of the minority policy in the last decade although the political integration of the Russian speakers is still not fully achieved since they are not much participating in the political and economical decision-making process. Despite this, they predominantly see Estonia as their homeland and approval for this republic is remarkable. If Russian speakers have the Estonian citizenship and if they have sufficient knowledge of the Estonian language, than they hardly face disadvantages on the job market and in the educational system. Since the number of stateless people is decreasing and at the same time the number of people with Estonian language skills is increasing, it can be assumed that disparities will drop in the near future.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Estonia transformation minority Russian speakers language policy integration
Schlagwörter
(Deutsch)
Estland Transformation russischsprachige Minderheit Sprachpolitik Integration
Autor*innen
Erich Größwang
Haupttitel (Deutsch)
Der Transformationsprozess in Estland und seine Auswirkungen auf die russischsprachige Minderheit
Publikationsjahr
2011
Umfangsangabe
143 S. : graph. Darst., Kt.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Brigitta Busch
Klassifikationen
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.99 Geisteswissenschaften allgemein: Sonstiges ,
15 Geschichte > 15.06 Politische Geschichte ,
15 Geschichte > 15.09 Wirtschaftsgeschichte ,
15 Geschichte > 15.49 Ostmitteleuropa ,
15 Geschichte > 15.73 Baltische Republiken ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.22 Sprachlenkung, Sprachpolitik ,
83 Volkswirtschaft > 83.39 Wirtschaftsentwicklung, Wirtschaftsstruktur: Sonstiges ,
89 Politologie > 89.15 Kommunismus ,
89 Politologie > 89.76 Friedensforschung, Konfliktforschung
AC Nummer
AC08543268
Utheses ID
13248
Studienkennzahl
UA | 057 | 390 | |
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