Detailansicht
Die Paradoxa der Stimme
zwischen Leben und Tod
Georg Pöchhacker
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Betreuer*in
Arno Böhler
DOI
10.25365/thesis.17688
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30486.50230.361666-5
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Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Vielleicht ohne Absicht – dennoch,
John L. Austin thematisierte das Problem der Sprache aus einem
›neuen‹ Blickwinkel, führte die Sprachwissenschaft und -philosophie auf einen neuen Weg
und trug (mit anderen) zu einem neuen Verständnis von Sprache, zu einem neuen Umgang mit
Sprache im 20. Jahrhundert bei. Ein Ziel dieser Arbeit, wenn auch eher als Nebeneffekt, wird
es daher sein, das Verständnis von Sprache in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand
eines – sehr ausgesuchten – Querschnitts zu portraitieren. Auf diesem Portrait wird (der frühe)
Jacques Derrida deutlich seine Spuren hinterlassen. Vielleicht ist es auch ein Ziel dieser
Abschlussarbeit, dieses Portrait in Derridas Sinne aus einer kulturwissenschaftlichen
Perspektive heraus zu ›dekonstruieren‹ im Zuge einer „Metaphysik der Performanz“, was
eine Kritik an der Dekonstruktion nicht leisten kann, welche sich leise in diese Arbeit
einzuschleichen sucht.
Und damit wird jenes Phänomen immer lauter, das den Hauptteil dieser Arbeit
anstimmen soll, und worin mein eigentliches wissenschaftliches Interesse liegt: die Stimme.
Als ein Phänomen, das uns unaufhörlich warnt, soll sie als Paradigma fungieren, an dem
gewisse Entwicklungen sichtbar werden. Wie Sybille Krämer und Doris Kolesch in ihrem
Sammelband Stimme. Annäherung an ein Phänomen5 bemerken, „erlebt die Stimme [seit
einigen Jahren] eine augenfällige Renaissance“ – und zwar (auch) als begehrtes Objekt in
verschiedenen Wissenschaften, vor allem jedoch unter performativen Vorzeichen. Die
Wiedergeburt der Stimme aus einem performativen Geist deutet bereits an, dass sie, die
Stimme, ehemals unter anderen Geistern vornehmlich zu verstummen hatte, ehe sie schweigen
durfte. Diese Erlaubnis zum Schweigen, Flüstern oder Schreien, die sie überhaupt erst
anerkennt, macht sie als Eigenständigkeit sichtbar. Ihr Eigenes wird sie im Dritten Teil der
Arbeit zeigen. Damit erst kann sie auf ihre geschlagene Flucht aus dem ersten diskursiven Teil
hindeuten, in dem zwar mitunter von ihr gesprochen wird – mal als sang- und klanglose
Übermittlerin, zuweilen als Oppositionsfigur in metaphysischen Kreisen – niemals aber wurde mit ihr gesprochen. Im Anklang an diese Zeilen will ich versuchen, diese Stimme zu stärken
und ihr die Kraft zu geben, nicht von einer Totalität überstimmt zu werden.
Der Sprechakt soll daher nicht auf seine sprachliche Dimension reduziert werden, um den
Körper zunächst mit Judith Butler als einen sprechenden Körper zu vergessen. Die Stimme
positioniert sich hier als ein Schwellenphänomen, das sowohl dem körperlichen, als auch dem
sprachlichen Aspekt des Sprechakts Rechnung trägt. Letzterer soll mit dem Versuch einer
Verortung der Stimme im frühen Werk Jacques Derridas verstärkt werden, um mit Roland
Barthes, Dieter Mersch und Sybille Krämer auf eine stimmliche Qualität – vielleicht auf eine
Ritze – hinweisen zu können, die selbst in einer totalen Verstärkung der Abwesenheit als
Präsenz aufblitzt.
Als die Nymphe Echo verflucht wurde, ging ihr Leib an der ewigen Wiederholung zugrunde, die ihr selbst die Möglichkeit zum Schweigen – die Möglichkeit zur Andersheit (in der Wiederholung) – genommen hatte. Ihr Fluch machte sie zu einem toten Automaten.
Obwohl ihre Strafe nicht in der Stummheit lag, hatte sie ihre Stimme verloren. Echos Mythos
eröffnet die Spannung, in der die Stimmbänder im dunklen Rachen der Abwesenheit vibrieren. In diesem Sinne verkörpert die Stimme eine Lebendigkeit, weil sie an der
Schnittstelle zwischen Körper und Geist weder in dem einen, noch dem anderen völlig aufgehen wird können. Dieser so entstandene Überschuss, dieser Rest überrascht uns mit
seiner Unberechenbarkeit; entzieht sich uns und hinterlässt uns nur seine Spuren, denen wir nachgehen müssen.
Die Stimme bedroht uns.
Und gleichzeitig zeigt sie uns das, was uns am Leben erhält.
Wir hören das Erlischen der Stimme.
Wir hören die Anderen, das Andere in ihr.
Und gleichzeitig hören wir durch sie uns selbst. Per – sonare.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Stimme Performanz Poststrukuralismus Leben Tod Negativität Abwesenheit Präsenz Metaphysik
Autor*innen
Georg Pöchhacker
Haupttitel (Deutsch)
Die Paradoxa der Stimme
Hauptuntertitel (Deutsch)
zwischen Leben und Tod
Publikationsjahr
2007
Umfangsangabe
118 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Arno Böhler
AC Nummer
AC06412849
Utheses ID
15851
Studienkennzahl
UA | 296 | | |
