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Der Tod in Venedig: Thomas Mann versus Luchino Visconti
Mária Ukropcová
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Wynfrid Kriegleder
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.1930
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30153.75256.502966-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Der Vergleich des in Film und Novelle eingebrachten Handlungsgeschehens erbringt einen fast identischen Aufbau der Gegenwartshandlung. Differenzen zeigen sich auf der Ebene der Motive, von denen vor allem die Motive der Schaffenskrise und des Künstlerproblems ihre eigene filmische Ausgestaltung erfahren. Dazu kommt, dass der Film das Esmeralda Motiv hinzufügt. Weitere Nuancen sind in der Konstituierung der Hauptfigur zu finden. Thomas Mann porträtiert einen souveränen und angesehenen Schriftsteller, der im Film zu einem angeschlagenen, introvertierten und alternden Musiker wandelt. Dies scheint durch die häufige Einschaltung von Musik in den Filmsequenzen gerechtfertigt, denn neben ihrer Funktion den Stimmungsgehalt des Visualisierten zu widerspiegeln, markiert die Musik das Aufbrechen der Triebwelt und des Unbewussten. Dieser zweideutige Charakter, der dem Original immanent ist, erschließt sich dem Filmrezipienten genauso wenig wie die mythologische und symbolische Qualität der Bilder. Sie sind vorhanden, bleiben jedoch Chiffren, die nur ein Originaltext-Kenner zu entschlüsseln imstande ist. Ob man hier von einem Informationsverlust sprechen kann, hängt von der Gleichwertigkeit des literarischen und filmischen Themas ab. Und tatsächlich stehen sich die Intentionen von Mann und Visconti sehr nahe. Während Mann den Untergang eines einst würdigen großbürgerlichen Künstlertums thematisiert, dessen Repräsentant Aschenbach ist, versucht Visconti den Konflikt zwischen dem realen Leben eines Künstlers und seiner ästhetischen Krise filmisch zu realisieren. Der repräsentative Charakter des literarischen Aschenbachs geht im Film verloren. Die Ambivalenz zwischen Erzähler und Hauptfigur in der literarischen Fassung wird mit großen Abweichungen in den Film übernommen. Manns Erzähler bewahrt die moralischen Grundsätze, gegen die der literarische Aschenbach letztendlich verstößt. Im Film hingegen gibt Alfried, der zuweilen auch als Off-Erzähler agiert, Aschenbach Anregungen, sich das dekadente und krankhafte Denken im Bezug auf die Kunst anzueignen, gegen das sich der filmische Aschenbach bis zum ‚Nicht-mehr-Können’ wehrt. Sie vertreten also auch bis zu einem gewissen Punkt zwei entgegengesetzte Pole, in denen sich die Zwiespältigkeit abzeichnet. Die sich im Originaltext zwischen Décadence und Neuklassik abwickelnde Kunstproblematik geht nur teilweise in den Film ein. Das Gemeinsame läuft auf die ästhetische Krise hinaus, in der der literarische und filmische Protagonist gefangen ist. Der Aspekt der Kunst bleibt damit im Film beibehalten, verliert aber seine leitmotivische Funktion. Während der Text auf Verstand des Lesers appelliert, spricht der Film eher die Emotionen des Zuschauers an. Was in dem Filmrezipienten haften bleibt, ist ein emotionaler Eindruck eines gegenständlichen Verfalls. Vorzüglich ist die dekadente Atmosphäre der Stadt im Film erfasst. Die Visualisierung von Naturbildern setzt die sprachlichen Zeichen adäquat in die filmische um. Die Venedignovelle erweist sich als ein komplexes Motivgeflecht. Ihre Motive verketten sich und kehren wieder. In dieser Wiederholungsmethode Manns wird die Leitmotivtechnik greifbar, die Thomas Mann von Richard Wagner übernahm. In der Nachfolge von Thomas Mann profiliert diese Wiederholungstechnik das filmische Bild, in dem das Motiv des Todes und Verfalls dominiert. Die in der Erzählung entworfene Farbmetaphorik kommt dank der Visualisierungsmöglichkeit des Films hier deutlicher zum Ausdruck. Sie zeigt ihre verdeutlichende Wirkung im Zusammenspiel von Motiven des Todes, Meeres, Liebestodes und der Ironie. In weiterer Analogie zur Novelle wird ihre geschlossene Form im Film sichtbar. Sie wird manifest im Näherrücken von Anfang und Ende, in den Korrespondierungen einzelner Filmeinheiten und der Wiederkehr der Motive. Die größten Unterschiede lassen sich auf der Erzählebene erkennen. Obwohl beide Medien sich ähnlicher Erzählperspektiven bedienen, denn sowohl die literarische Vorlage als auch der Film stellen das Geschehen aus dem Blickwinkel Aschebachs dar, differieren die Erzählsituationen. Der auktoriale Erzähler des Originalstextes ist im Film nicht präsent. Dort nimmt die personale ES überhand, in die sich drei Mal die Off-Stimme einschaltet. Die unterschiedliche Konzeption der Erzählsituationen scheint sich auf die jeweiligen Aussagen beider Werke auszuwirken: die kritische und distanzierte Haltung des Erzählers der Novelle ist auf das Aufzeigen und Verurteilen ausgerichtet. Der Film hingegen zielt mit seiner personalen ES auf die Rechtfertigung Aschenbachs Vergehen, da diese Erzählhaltung dem Filmrezipienten Identifikationsmöglichkeiten mit der Hauptfigur bietet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man bei einem medialen Vergleich dem Begriff des Informationsverlustes sowie der Frage über die Adäquatheit der filmischen Umsetzung kaum ausweichen kann. Viscontis Verfilmung ist eine analogisierende Adaptation, die sich auf die medienspezifischen Mittel besinnt und aus der Novelle das herausholte, was sich verfilmen ließ.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Tod in Venedig Thomas Mann Luchino Visconti
Autor*innen
Mária Ukropcová
Haupttitel (Deutsch)
Der Tod in Venedig: Thomas Mann versus Luchino Visconti
Publikationsjahr
2008
Umfangsangabe
157 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Wynfrid Kriegleder
Klassifikation
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.90 Literatur in Beziehung zu anderen Bereichen von Wissenschaft und Kultur
AC Nummer
AC07069862
Utheses ID
1594
Studienkennzahl
UA | 332 | | |
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