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Traditionelle Haus-und Wohnformen im Vergleich: Jemen - Marokko
eine strukturelle und terminologische Analyse
Ilse-Maria Striberny
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Betreuer*in
Stephan Procházka
DOI
10.25365/thesis.2266
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29998.25774.766062-1
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
anderem dadurch, dass sie sich in großen, wenig genützten Landschaften
mit wüstenhaftem Charakter befinden.
Es entwickelten sich dort Handel, Kultur, Künste, Wissenschaften, verschiedene
Gesellschaftsformen etc.
Die europäischen Städte hingegen kann man im Allgemeinen als urbane
Ballungsräume bezeichnen, mit Industrielandschaften, vielfältigen
Verkehrsbauten wie Straßen, Autobahnen, Eisenbahnanlagen, umgeben von
landwirtschaftlichen Kulturen.
Im Gegensatz zum arabisch-islamischen Raum findet man kaum noch
unberührte Landschaftsräume, weshalb man daran ging, Naturschutzgebiete zu
schaffen.
Die Gründung von arabisch-islamischen Städten war in weit höherem Maße
abhängig davon, ausreichend Wasservorkommen zur Verfügung zu haben. Falls
in einer Oase in der Wüste ausreichende Wasservorkommen vorhanden waren,
konnte sich aus einer Oasensiedlung eine Stadt entwickeln.
Während fast im gesamten Gebiet des Jemen der Bau von mehrstöckigen
Wohngebäuden vorherrscht, und zwar sowohl im Stadtgebiet als auch in den
Dörfern, und daher keine Hausgärten und begrünten Höfe angelegt wurden,
findet man in Marokko die bekannte Wohnform des Hofhauses, welches im
allgemeinen aus einer viereckigen Anlage besteht, die einen Innenhof
einschließt, der auch meist einen Brunnen und Bäume oder wenigstens
Sträucher enthielt, und dadurch speziell den Frauen der in solch einem Haus
lebenden Großfamilie zum Aufenthalt im Freien dient.
In den Städten wuchsen diese Häuser zusammen, behielten aber ihren
speziellen Charakter bei. Im Anschluss zur Schilderung der Wohnhausbauten
einer Stadt in Sancā’ als Beispiel für den Jemen und Fās für Marokko kann
festgestellt werden, dass es in beiden Fällen gelungen ist die Altstadt in ihrer
ursprünglichen Form weitgehend zu erhalten.
In beiden Fällen wurden eine Neustadt bzw. mehrere Neustadtviertel außerhalb
der Altstadt angelegt und auf diese Weise der Charakter der mittelalterlichen
Stadt erhalten.
Wesentlichster Unterschied der Bauformen in beiden Ländern ist, dass im Jemen
vorwiegend „Turmhäuser“ (insbesondere in Sancā’, dem Berg-Jemen79, aber auch
79 Siehe: Lehner, S.93
111
zum Beispiel in Šibām im Hadramawt), jedoch in Marokko vorwiegend
„Hofhäuser“ zu finden sind.
Vergleich des verwendeten Baumaterials:
In beiden Ländern wurden für den Hausbau Stampflehm, luftgetrocknete
Lehmziegel und Natursteine verwendet, im Jemen auch gebrannte Ziegel. Man
findet in Šibām Häuser, deren untere Geschoße aus Stampflehm gebaut sind, die
oberen Geschoße jedoch aus luftgetrockneten Lehmziegeln. In cAmrān im Jemen
besteht das untere Geschoß der Häuser aus Stein, die darüber liegenden sind
aus Lehm gebaut.
Gänzlich aus Stein sind die Häuser besonders in Sancā’ sowie im Berg-Jemen
(insbesondere in at-Tawīla, Hağāra, Karān, Kaukaban, Tullā). In Sancā’ gibt es
auch Häuser aus gebrannten Ziegeln, ebenso in Zabīd in der Tihāma.
In Marokko sind Steinbauten und Lehmbauten zu finden: das Steinhaus im
nördlichen Gebirgsland, im Süden vorwiegend Bauten aus Stampflehm oder/und
luftgetrockneten Ziegeln.
Die Stadthäuser (Fās) sind überwiegend aus gebrannten Ziegeln erbaut und
weiß getüncht.
Bild 97: Reich verzierte Fassaden der Häuser in Sancā’
112
Vergleich Fassade und Dekor:
Die Turmhäuser des Jemen haben zwar eine glatte Steinfassade, jedoch
besitzen sie reichen Dekor, insbesondere als Fensterumrahmungen, aus weißem
Stuck oder Gips-Anstrich (Bild 97).
In einigen kleinen Städten) (zum Beispiel: at-Tawīla, Karān) wurden als
Dekormaterial verschiedenfarbige Steine verwendet.
Die oberen Stockwerke der Lehmhäuser in der Stadt Šibām werden weiß
getüncht, jedoch nicht zu Dekorzwecken, sondern als Schutz gegen den Regen.
Die weißgetünchten Fassaden der Stadthäuser Marokkos weisen kein Dekor auf,
die Lehmbauten des Südens hingegen weisen an den oberen Stockwerken
geometrische Muster als Dekor auf, die durch Vor- und Zurücksetzen oder
Schrägstellen einzelner Lehmziegel oder Ziegelscharen erreicht werden80.
Manche tigermatin zeigen durchbrochenes Mauerwerk, Scheinfenster,
Schlitzfiguren und Sägezahnfriese, die durch unterschiedlich gesetzte
Lehmziegel gebildet werden81.
80 Siehe: Lehner, S.97
81 Siehe: Vegesack, S. 110, 113
113
5.2. Wohnen im ländlichen Bereich
Sowohl der Jemen als auch Marokko bestehen zu einem erheblichen Teil aus
Bergland. Das Hauptproblem der Landwirtschaft in beiden Ländern ist das
Problem der ausreichenden Wasserversorgung. Dies führte im Jemen, speziell
im Hochland, zu besonderen Kanalisierungssystemen und schon in
vorislamischer Zeit zum Bau des Staudammes von Ma’rib , was zu jener Zeit eine
kulturelle Hochleistung darstellte. Das spezielle Problem der marokkanischen
Siedlungen am Wüstenrand ist das stete Vorrücken der Wüste und die
zunehmende Versandung.
Während die Dörfer des Jemen an Berghängen oder im Berg-Jemen auch auf
Bergrücken errichtet wurden, liegen die Dörfer Marokkos oft in Tallagen (am
Rande von Oasen).
Das verwendete Baumaterial für die Häuser stammt sowohl im Jemen wie auch
in Marokko meist aus der näheren Umgebung. Man baute daher in beiden
Ländern mit Stein und Lehm, letzteren in Form von Stampflehm oder
luftgetrockneten Lehmziegeln. Eine Ausnahme bildet die flache Küstenebene des
Jemen am Roten Meer, die Tihāma, wo Schilfstrohhütten zu finden sind.
Unterschiede gibt es in der Bauweise: Während in Marokko der „Hoftyp“
vorherrscht, baute man im Jemen „Turmhäuser“. Diese können, je nach Lage,
sowohl aus Stein oder Lehm gebaut sein.
Die einfachen Häuser im Rīf-Gebirge im Norden Marokkos sind vorwiegend aus
Stein errichtet.
Die vorherrschend gebauten Häuser im Süden sind die Lehmhäuser im qsar-Dorf
oder die allein stehende tighremt. Es gibt aber auch aber Steinhäuser (zum
Beispiel verputzte Bruchsteinhäuser in Tafraout).
Die „tighremt“ Marokkos ist auch ein turmartiges Gebäude, besitzt allerdings beim
„Hoftyp“ einen patio-artigen Zentralraum82 und einen zumindest hofähnlichen
Lichtschacht. Sie hat meist vier Ecktürme, Dach und Ecktürme tragen Zinnen.
Das Turmhaus des Jemen hingegen hat keinen Innenhof, es verfügt über eine
glatte Dachkante.
Während die tigermatin in den zwei oder drei unteren Geschoßen kaum
Öffnungen nach außen haben, besitzen die Turmhäuser im Jemen zahlreiche
Fenster und manchmal auch Erker. Die tighermatin mit ihren Ecktürmen sind
geschlossene Baukörper, die nicht erweiterbar sind83.
Die räumliche Entwicklung einer marokkanischen tighremt findet man in ähnlicher
Form auch im Jemen, das doch immerhin ca. 6000 km entfernt ist. Hier kann man
eine mögliche Verwandtschaft dieser Baukunst mit dem südarabischen
Wohnhaus des Darhan-Typs erkennen.
Das Darhan-Haus (Bild 98) ist ebenso wie die tighremt ein Solitärbau aus Lehm
und entwickelte sich als Wohngebäude mit einem turmähnlichen Charakter. Auch
82 Siehe: Vegesack, S. 110, 113
83 Siehe: Lehner, S.93
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in der Raumstruktur und Raumnutzung findet man viele Übereinstimmungen.
Diese Bauentwicklung in vertikaler Richtung ist ansonsten für Lehmbauten
außerhalb des Jemen und wie hier gezeigt am Beispiel der tighremt untypisch.
Der Repräsentationsraum liegt bei der tighremt ebenfalls oben unter der
Dachterrasse.
Ein wesentlicher Unterschied bei diesen Wohnhausformen ist aber das Fehlen
der Ecktürme beim Darhan-Wohnhaus. Diesen Ecktürmen verdankt die tighremt
ihr unverwechselbares Erscheinungsbild.
Bild 98: Beispiel eines Wohnhauses des Darhan-Typs im Jemen
Die wehrhaften Dörfer des südlichen Marokko, die qsūr (Bild 70, Seite 80), sind
von Mauern umgeben und haben mehrere Türme. Die Turmhäuser des Jemen
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hingegen haben zwecks besserer Verteidigung in den unteren Geschoßen keine
Wohnräume.
Bild 99: Bergdorf im Süden Marokkos
Bild 100: Bergdorf im Jemen (Seitental des Wādī Dū’an)
Da Bergdörfer des Jemen infolge ihrer manchmal schwer zugänglichen Lage
kaum einnehmbar waren, entfiel die Notwendigkeit einer Ummauerung (Bild 100).
Anderenorts wurden Turmhäuser aus Stein so nahe aneinander gebaut, dass
fast ein festungsartiger Charakter entstand (z.B. in al-Hağāra, Bild 10, Seite 21).
116
Man findet in flacher Lage aber auch Dörfer mit Verteidigungsmauern (z. B.
cAmrān).
Während ein qsar-Dorf infolge der Ummauerung nicht erweiterbar ist und für
zusätzlich erforderliche Häuser ein neues Dorf angelegt wurde, können im Jemen
zusätzlich Turmhäuser bei vorhandenem Baugrund errichtet werden.
Kein Gegenstück im Jemen findet die qasba Marokkos. Diese erst in jüngerer
Zeit errichteten Lehmbauten mächtiger Familien – wohl aus einer ursprünglichen
tighremt entstanden – wurden nach Bedarf erweitert.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Haus-und Wohnformen im Jemen und Marokko
Autor*innen
Ilse-Maria Striberny
Haupttitel (Deutsch)
Traditionelle Haus-und Wohnformen im Vergleich: Jemen - Marokko
Hauptuntertitel (Deutsch)
eine strukturelle und terminologische Analyse
Publikationsjahr
2008
Umfangsangabe
130 Bl. : zahlr. Ill. u. Kt.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Stephan Procházka
Klassifikation
18 Einzelne Sprachen und Literaturen > 18.74 Arabische Sprache und Literatur
AC Nummer
AC07126056
Utheses ID
1914
Studienkennzahl
UA | 385 | | |
