Detailansicht
Trauer und Trost der Musik
Adornos frühe Ästhetik
Franz Baumgartner
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Betreuer*in
Günther Pöltner
DOI
10.25365/thesis.2284
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29316.88099.336963-5
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Arbeit stellte sich die Aufgabe, die These zu belegen, daß das Frühwerk Theodor W. Adornos (anzusetzen ca. von 1920-1937) als vollgültiger Teil seines Gesamtwerks betrachtet werden könne, allerdings innerhalb desselben auch eine eigenständige, terminologisch wie inhaltlich deutlich von späteren Phasen unterschiedene Formation darstellt. Innerhalb eines vom Verfasser geplanten größeren Projekts zur Rekonstruktion des adornoschen Frühwerks und seiner Ästhetik bildet die vorliegende Arbeit einen ersten, in sich abgeschlossenen Teil, welcher sich vorwiegend auf die umfänglichen und vielfältigen 'Musikalischen Schriften' jenes Zeitraums konzentriert und diese sowohl hinsichtlich ihrer Thematik wie ihrer philosophischen Implikationen darstellt.
Spezifische Themen des Frühwerks bilden etwa die geschichtsphilosophische Problematik der ästhetischen Formen (aufgrund von Vorgaben durch Siegfried Kracauer und Georg Lukacs) sowie, daraus sich ergebend, die Frage der Möglichkeit einer Überwindung des Subjektivismus (wie er sich zeitgenössisch etwa in Gestalt des Expressionismus verkörpert fand) durch Gestaltung, die 'vom Ich' ausginge, aber nicht dabei stehen bliebe, sondern es zu Resultaten von objektiver Geltung bringen sollte; spezifisch nun in Gestalt musikalischer Problemlösungen, welche exemplarisch auch für außer-ästhetische (d.h. ethische, gesellschaftliche) stehen können sollten. (Dabei durfte im Sinne der Dialektik der individuelle Ausdruck freilich nicht einfach negiert, sondern mußte seiner Wahrheit nach auch erhalten werden; geleistet worden sein sollte dies nach Adornos damaliger Auffassung durch den von Schönberg inaugurierten 'Funktionswandel' des musikalischen Ausdrucks, im Zusammenspiel mit kompositorischen Verfahren 'rationaler Konstruktion'.)
Weiters war zumindest skizzenhaft zu exponieren, worin der von Adorno postulierte Erkenntnischarakter der Musik, in Zusammenhang mit seinem Konzept von Philosophie als Deutung, bestehe. Musik erscheint bzw. fungiert als 'Erkenntnis' nur indirekt, als Ausdruck bzw. Darstellung, bleibt also angewiesen auf Interpretation und Begriff. Ihre philosophische Deutung bezeichnet Adorno als 'Dechiffrierung', wobei allerdings seiner dialektischen Hermeneutik kein vorgegebener, bewährter 'Schlüssel' oder 'Code' zur Verfügung steht, sondern nur quasi versuchsweise am konkreten Modell gearbeitet werden kann; daher gibt es bei ihm auch keine systematische Theorie oder Methodologie musikalischer Ästhetik, sondern 'nur' ein Ensemble von Analysen, als deren Inbegriff jene allenfalls zu fassen wäre.
Inhaltlich betrifft die durch Musik verkörperte bzw. dargestellte und von Philosophie als ihrer Interpretation ausgesprochene Erkenntnis v.a. den Gang von Geschichte, das menschliche Verhältnis zur Natur, die Formen der Vergesellschaftung und das daraus resultierende Leiden, in der Moderne bes. als Erfahrung der Entfremdung und Sinnleere; all das aber nicht in der Weise der Abspiegelung oder konventionellen Repräsentation, sondern vermittelt durch den (Selbst-)Ausdruck von Subjektivität als aktiver und erleidender in der Dialektik zwischen Natur und Geist/Geschichte/Gesellschaft; sowie evtl. antizipativ das Telos geschichtlich-menschheitlichen Fortschritts, die Utopie von Versöhnung, sowohl als innergesellschaftliche wie in bezug auf Natur und Übernatur.
Da sich die Vielzahl der Texte und Gegenstände, angelegentlich derer das Denken Adornos die Konstellation seiner zentralen Motive auf immer neue Weise vornimmt, ihr stets verschwiegenes Zentrum aus wechselnder Entfernung und auf verschiedenen Umlaufbahnen umkreist, jeglicher Absicht auf 'Zusammenfassung' sperrt, mag hier nur eine (Haupt-)Tendenz hervorgehoben sein, die sich darin abzeichnet und gewissermaßen als letztes Stadium des Entwicklungsprozesses verstanden werden kann, in dem er die abendländische Musikentwicklung etwa von der Zeit der Herausbildung der Tonalität bis zur seinerzeit neuesten Musik (v.a. der Schönbergschule) begriffen sah. Bei der Analyse der v.a. zeitgenössischen musikalischen Produktion und ihrer technischen, kompositionellen Verfahrensweisen, der Form der Werke und Beschaffenheit ihrer Elemente schälte sich zusehends ein Phänomen, Aspekt und (schließlich auch m.o.w. ausdrücklich formuliertes) Konzept heraus, welches Adorno später auch anderweitig programmatisch für Philosophie proklamierte, nämlich dasjenige einer Mikrologie.
Das Mikrologische kann nun verstanden werden sowohl:
- Musikalisch: als geschichtliche Tendenz des Materials zur Verkleinerung (der tragenden Entitäten, d.h. motivisch fungierenden Gestalten, v.a. bei Berg, aber auch und damit zusammenhängend: als Konzentration der Form, am deutlichsten bei Webern; Verdichtung der motivisch-thematischen Arbeit; hinsichtlich der Reproduktion: im Erfordernis beschleunigter Tempi auch bei der Interpretation historischer Werke; insgesamt vielleicht auch als Schrumpfen der Produktion von höchster ästhetischer Dignität (repräsentiert v.a. durch die Schönbergschule); rezeptionsseitig begleitet von schwindender Bereitschaft und Fähigkeit zum Verständnis der neuen und geschichtlich 'aktuellen' Musik); letzte Konsequenz wäre gänzliches Verstummen.
- Philosophisch: hinsichtlich der 'dechiffrierenden' Deutung, als geschichtsphilosophischer und metaphysischer Interpretation der musikalischen Vorgänge und Gegebenheiten, bedeutet es fortschreitende Reduktion, Minimierung, (Ver-)Schwinden des metaphysischen Gehalts, d.i. in Adornos Terminologie v.a. 'Hoffnung' (auf inner- oder außerweltliche 'Versöhnung', 'Rettung', 'Erlösung', semantisch changierend zwischen Sozial-Utopie und Krypto-Theologie); gerade dadurch soll dieser aber auch - paradox - gerettet werden können: in Analogie zum Unendlich-Kleinen, welches als solches eben doch vom absoluten Nichts absolut und unendlich, ewig verschieden bleibt. Seinen (allegorischen) Ausdruck findet das musikalisch in Gestalt des 'kleinsten Schrittes', vom philosophischen Deuter gefaßt in die formelhafte Wendung, der Schritt von Trauer in Trost sei nicht der größte, sondern der kleinste. - Philosophisch zum Ausdruck gebracht wird dies, d.h. eigentlich die gesamte Konzeption des Mikrologischen, auf entsprechend konzentrierte Weise, nicht zuletzt in dem wiederkehrenden und vielfältigen Gebrauch des Leibniz'schen Monaden-Begriffs, sowohl in ästhetischen wie gesellschaftstheoretischen und (existenzial-/sozial-)psychologischen Kontexten.
- Ethisch angewendet (interpretativ-rekonstruktiv behauptet, nicht ausgeführt bei Adorno, formelhaft angedeutet in Wendungen wie 'so wie diese Musik sollst du dich verhalten') bedeutete das Prinzip jener Ästhetik der 'infinitesimalen' Verkleinerung, daß kein 'Schritt' (in Richtung der Realisierung der Utopie) jemals zu klein sein könnte, um unterlassen zu werden. - Dem entspricht eine philosophische Haltung und Verfahrensweise, welcher ebenso kein Phänomen, Gegenstand oder Wesen als zu klein, zu geringfügig oder unbedeutend gelten würde, um sich nicht darin zu 'versenken'. Ebendies könnte womöglich auch die Leitlinie für ästhetische Reflexion auf Musik nach Adorno umschreiben.
Entsprechend dem Grundsatz Adornos, daß es, wie an den musikalischen, auch an philosophischen Texten womöglich nur die kleinsten Züge seien, in denen das Entscheidende geborgen sei, an denen sich die Entscheidung über Wahrheit oder Unwahrheit, Gelingen oder Scheitern ihres Anspruchs festmachen treffen ließe, versuchte die Untersuchung diesen so weit als möglich zu folgen, wohin sie von ihnen geführt wurde und wählte daher anstelle systematischer Darstellung das Verfahren eines fortlaufenden Kommentars zu den Texten, aus denen um jener kleinsten Züge willen auch extensiv zitiert wurde. Verfolgt wurde die Konstellation deren zentraler Motive (etwa von Trauer und Trost, Hoffnung und Verzweiflung, Untergang und Rettung, Entfremdung und Versöhnung, Verkleinerung und Verschwinden) durch die meisten Texte des fraglichen Zeitraums, sowohl repräsentativ bzw. programmatisch intendierte, wie auch z.T. ephemere und Gelegenheitsarbeiten. Des weiteren ausführlich berücksichtigt wurden die Briefwechsel Adornos mit Alban Berg und Ernst Krenek.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
music aesthetics philosophy 20th century Adorno critical theory criticism Frankfurt School Vienna School Second Viennese School Modern Twelve-Tone Marxism Wiesengrund
Schlagwörter
(Deutsch)
Musik Ästhetik Philosophie 20. Jahrhundert Adorno Kritische Theorie Frankfurter Schule Wiener Schule Schönberg Berg Webern Krenek Moderne Zwölfton
Autor*innen
Franz Baumgartner
Haupttitel (Deutsch)
Trauer und Trost der Musik
Hauptuntertitel (Deutsch)
Adornos frühe Ästhetik
Publikationsjahr
2008
Umfangsangabe
283 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Günther Pöltner
Klassifikationen
08 Philosophie > 08.25 Zeitgenössische westliche Philosophie ,
08 Philosophie > 08.41 Ästhetik ,
08 Philosophie > 08.43 Geschichtsphilosophie ,
08 Philosophie > 08.44 Sozialphilosophie ,
24 Theater > 24.40 Musik: Allgemeines ,
24 Theater > 24.43 Musikphilosophie, Musikästhetik ,
24 Theater > 24.45 Musiksoziologie ,
24 Theater > 24.55 Komponisten, Musiker, Sänger ,
24 Theater > 24.75 Musiktheorie ,
24 Theater > 24.77 Musikinterpretation
AC Nummer
AC07101642
Utheses ID
1932
Studienkennzahl
UA | 296 | 295 | |
