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Transversale Politiken
Verhandlungen von Positionen und Positionierungen in der Antirassismusarbeit
Veronika Siegl
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Sozialwissenschaften
Betreuer*in
Sabine Strasser
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.21897
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30255.79611.163370-0
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Auseinandersetzungen mit Fragen nach Gleichheit und Differenz haben eine lange Geschichte innerhalb politischer Theorie und Praxis. Diese lassen sich u.a. im größeren Kontext von Neuen Sozialen Bewegungen und Anerkennungsbewegungen verorten, speziell in den Arbeiten von Women of Color und Schwarzen Feminist_innen sowie queeren und postkolonialen Theoretiker_innen und Aktivist_innen. Diese sehen sich oft vor das Dilemma gestellt, dass sowohl das Hervorstreichen von Differenzen, als auch das Postulat der Gleichheit Gefahr laufen, soziale Kategorien und Machtverhältnisse zu (re-)produzieren. Während es auf theoretischer Ebene viele Annäherungen an dieses Spannungsverhältnis gibt, fehlen Dokumentation und Analyse der konkreten politischen Praktiken. Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen. Den Kontext meiner Forschung bildet die migrantische Selbstorganisierung „1. März – Transnationaler Migrant_innenstreik“. Die Gruppierung kann als Plattform für politische Akteur_innen beschrieben werden, die jenseits von Identitäten, Identifizierungen und Zugehörigkeiten gegen Rassismen eintreten. Dabei geht es dem Transnationalen Migrant_innenstreik um eine provokante, kreativ-subversive Intervention in die Diskurse und Strukturen der Mehrheitsgesellschaft. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Frage, wie Prozesse der Zusammenarbeit in antirassistischen Gruppen gestaltet werden können, um Diskriminierungen aufgrund von Differenzen anzuerkennen, aber Differenzen nicht zu essentialisieren. Diese Form der Zusammenarbeit bezeichnet Nira Yuval-Davis (1997) als transversale Politik. Gleichzeitig frage ich, welche Rolle (selbst gewählte) Positionierungen sowie (zugeschriebene) gesellschaftliche Positionen von Personen für die Zusammenarbeit spielen. Diesen Fragen ging ich im Rahmen einer kultur- und sozialanthropologischen Forschung nach, die sich methodisch an der Grounded Theory orientierte. Während meiner ca. neun-monatigen Feldforschung nahm ich an zahlreichen Treffen des Transnationalen Migrant_innenstreiks teil und führte sieben qualitative halb-strukturierte Interviews durch. Durch die Forschung konnten drei relevante Ebenen identifiziert warden. Die erste Ebene behandelt das gemeinsame Wir des Transnationalen Migrant_innenstreiks, die zweite fragt nach Zugehörigkeiten und damit verbundenen gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen, und die dritte nach den konkreten Formen transversaler Politik. Die Ergebnisse zeigen, dass den unterschiedlichen Formen von Diskriminierung mit je unterschiedlichen Strategien begegnet wird. Dazu zählt die strategische Übernahme von Repräsentationsfunktionen durch Migrant_innen, Versuche der (spielerischen) Differenzierung von Selbst- und Fremdzuschreibungen, solidarische Positionierungen in Situationen von Diskriminierung sowie der Grundsatz unterstützende Arbeit zu leisten und keine Stellvertreter_innenpolitik zu machen. Dabei manifestiert sich auch, dass neben Zugehörigkeiten im Sinne von Positionen auch Zugehörigkeiten im Sinne von politischen Positionierungen sowie gegenseitigem Vertrauen und emotionalen Verbindungen eine wichtige Rolle spielen. Die Analyse veranschaulicht die Vielschichtigkeit und Interdependenz von Differenzen und Zugehörigkeiten, aufgrund derer Strategien der Zusammenarbeit immer nur als situativ und temporär begriffen werden können.
Abstract
(Englisch)
Debates about equality and difference have a longstanding history within political theory and practice. These have always been prominent in the context of New Social Movements, particularly in the works of Women of Color and Black Feminists, as well as queer und postcolonial theorists and activists. Many find themselves confronted with the difficulty that both the promotion of difference and the promotion of equality run the risk of (re-)producing social categories and power relations. What is lacking from these debates is documentation and analysis of the practices employed by political groups who try to overcome the dilemma. This thesis aims at contributing to closing this gap. My research focused upon the political activism of a migrant self-organised protest called the „1st of March – Transnational Migrant Strike“, based in Vienna. The initiative can be described as a heterogeneous non-ethnic platform for antiracist activism that transcends identities, identifications and belongings. Thereby the activists seek to produce provocative, creative and subversive interventions in the discourses and structure of the majority society. The research addresses the question of how processes of activist cooperation can be shaped that acknowledge differences while avoiding the pitfall of essentialising these differences. This form of cooperation is what Nira Yuval-Davis (1997) refers to as transversal politics. At the same time I also ask what role (self-chosen) positionalities and (ascribed) social positions play in transversal politics. These questions are pursued in the context of an anthropological field-study. Methodologically guided by the principles of Grounded Theory, I accompanied the group for nine months as an acitivst and researcher, took part in meetings and actions, and conducted seven semi-structured interviews. The thesis approaches the stated research questions on three levels. The first level examines notions of a collective “We“; the second looks at types of belonging and how these are connected to societal mechanisms of exclusion; the third looks at specific strategies of transversal politics. The results show that activists adopt a diverse range of strategies to tackle the different forms of discrimation against migrants. These include measures often termed as strategic essentialism, e.g. the decision that migrants should take over representative functions, but also the play with ascriptions and self-ascriptions, the importance of solidary positionings and supportive work and the principle of avoiding proxy activism. What is also shown is that group belonging is not so much constituted by people’s social positions (e.g. migrant – non migrant), but rather by the active positioning they choose as well as emotional ties and ties of mutual trust. The analysis illustrates the complexity and interdependency of differences and belongings due to which strategies of transversal politics can only be conceived as situational and temporary.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
transversal politics antiracism intersectionality identity difference migration
Schlagwörter
(Deutsch)
transversale Politik Antirassismus Intersektionalität Identität Differenz Migration
Autor*innen
Veronika Siegl
Haupttitel (Deutsch)
Transversale Politiken
Hauptuntertitel (Deutsch)
Verhandlungen von Positionen und Positionierungen in der Antirassismusarbeit
Paralleltitel (Englisch)
Transversal politics ; negotiating positions and positionalities in antiracist struggles
Publikationsjahr
2012
Umfangsangabe
184 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Sabine Strasser
Klassifikationen
73 Ethnologie > 73.00 Ethnologie: Allgemeines ,
73 Ethnologie > 73.06 Ethnographie
AC Nummer
AC09446808
Utheses ID
19559
Studienkennzahl
UA | 307 | | |
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