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Die Sprache und die Kultur der Bosniaken in der Türkei
Ifet Sivic
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Katja Sturm-Schnabl
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.23330
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30385.58864.274866-2
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Das Flüchtlingsleben hat eine Regel: nur derjenige, der aus einer Not lernen kann und zwar so, dass es für andere Menschen auch nützlich ist, kann sich stolz vor das eigene Volk stellen. Fast alle Völker erleben in ihrer Geschichte Migrationen und Emigrationen. In Bosnien und Herzegowina waren sie eine sehr häufige Erscheinung. Sie waren von ökonomischer, politischer oder freiwilliger Natur. Aus Bosnien emigrierten alle: Serben, Kroaten, Bosniaken. Außer in einigen Dokumenten aus dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wurde die Emigrationsgeschichte Bosniens, besonders der Bosniaken, früher nicht besonders behandelt. Die österreichische Administration hinterließ ein paar fragwürdige Dokumente aus ihrer Regierungszeit in Bosnien und Herzegowina, dann nur in Bezug auf die Emigration in Exjugoslawien. Forschungen zeigen, dass in der Zeit der österreichisch-ungarischen Herrschaft mehr als 300.000 Bosniaken aus Bosnien und Herzegowina ausgewandert sind. Die Daten der österreichisch-ungarischen Behörden sind sehr unverlässig, sie führten keine Evidenz über die Emigration der Bosniaken. Über den Ausmaß dieser Emigration berichtet der serbische Anthropogeograph Jovan Cvijić, der schrieb, während er auf dem Belgrader Hauptbahnhof all die Bosniaken beobachtete, die in die Türkei auswanderten: „Wenn dieser Völkersturm nicht aufhört, wird nicht einmal die Hälfte der Bosniaken in Bosnien bleiben...“ (1910). Das Auswandern der Bosniaken aus Bosnien und Herzegowina in die Türkei setzt sich auch nach der Gründung des ersten Jugoslawiens fort. Damals emigrierten die Bosniaken ohne Recht auf Rückkehr. In dieser Zeit begannen die Bosniaken, außer in die Türkei, auch in den Westen auszuwandern. Die meisten Emigranten waren die Bosniaken aus der östlichen Herzegowina, wo der Staatsterror ihnen gegenüber am größten war. Auch im zweiten Weltkrieg wanderten die Bosniaken aus ihrer Heimat aus. Diese Vertreibungen passierten meist innerhalb Bosniens und Herzegowina und zwar im östlichen Bosnien und der östlichen Herzegowina. Gleich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges emigrierten 10.000-15.000 Bosniaken nach Westeuropa. Dieses Auswandern hatte einen politischen und keinen ökonomischen Charakter und ist das Ergebnis der Situation nach dem zweiten Weltkrieg. Diese Flüchtlinge könnte man also als „freiwillige Flüchtlinge“ bezeichnen. Die kommunistische Regierung hatte auch einen Vertrag mit der Türkei, über die Emigration der Bosniaken ohne Recht auf Rückkehr. 70.000 Bosniaken emigrierten so, zwischen 1950 und 1960. Die Auswanderer waren meistens Bauern. Gleichzeitig emigrierten sie in westeuropäische Länder, am häufigsten nach Deutschland, und in die USA. Die Bosniakischen Vereinigungen In der Diaspora gab es keine besonders organisierten Aktivitäten. Eine derartig organisierte Tätigkeit in verschiedenen Klubs gab es bei den Serben und Kroaten. . Trotzdem kann man nicht behaupten, dass es keine Einzelpersonen gab, die sich um Aufklärung der Bosniaken kümmerten, wie z.B. Adil Zulfikarpasić, der ein Bosniakisches Institut in der Schweiz gründete. Anfang 1992 versammelten sich die Bosniaken zuerst um verschiedene islamische Kulturzentren. Danach begannen sie Klubs zu gründen, die nicht nur humanitären Charakter hatten, sondern auch die Kultur und die Tradition Bosniens und Herzegowinas bewahrten und pflegten. Sodann gegründeten sie Kulturverbände beziehungsweise Solidaritätsvereine. . Es gibt hievon 23 allein in der Türkei. Die Dachorganisation ist die „Föderation bosnisch-herzegowinischer Kultur in der Türkei“. Der erste Präsident dieser Föderation war Fehmi Arazi. Fehmi Arazli wurde 1944 in Adana geboren. Er studierte Ökonomie und Handel. Seine bosniakische Familie übersiedelte nach Adana im Jahre 1908. Er begann seine Karriere mit verschiedenen Führungspositionen in namhaften Firmen. Später gründete er seine eigene Bau- und Großhandelsfirma. Mit ein paar Freunden gründete er 1995 in Adana den Verband für Bosniakische Brüderliche Unterstützung und Kultur. Er kooperierte mit jenem Team, das die Föderation der bosnischen Verbände gegründet hatte und wurde zu ihrem Vizepräsidenten. Nachfolger waren Ahmet Kemal Baysak, geboren 1933 in Izmir, Gemeinde Krasyaka. Er war ein Enkelkind der Familie Grebo väterlicherseits und Resuloć mütterlicherseits, die im Jahre 1878 aus Bosnien in die Türkei geflohen ist. Von 1994 bis 1999, als er Gemeindepräsident in Karsyaka war, pflegte er einige internationale Beziehungen und bemühte sich, das Land sozial, kulturell, sportlich und intellektuell weiter zu entwickeln. Der heutige Präsident ist Džemal Šenel.Er ist im Jahre 1960 in Pljevlja, Montenegro geboren. Die Familien Šenel väterlicherseits und Gačo mütterlicherseits wurden 1961 in die Türkei vertrieben. Die ersten drei Jahre lebten sie in der Stadt Bursa, später übersiedelten sie nach Sefakoy-Istanbul.Er besuchte die Schule in Sefakoy und war aktives Mitglied des Bosnien-Sandžak Kultur- und Bildungsvereines, den er 1994 in Sefakoy gegründet hatte. Wo leben die Bosniaken in der Türkei? Die Bosniaken leben heutzutage auf 80% des türkischen Territoriums. Meinen Forschungen zufolge und dem Buch „Türkiye Bosna Hersek Kültür dernekleri federasyonu ve bagli dernekleri albümü, Adana 2011“ bzw. mit Hilfe der Kulturföderation Bosniens in der Türkei wird auf Seite 31 eine geographische Karte der Türkei , auf der genau die Orte und Städte abgebildet sind, in denen überwiegend die Bosniaken leben, dargestellt. Ankara dient und der die aktuelle Lage gut kennt, glaubt, dass es sogar zwölf Millionen sind. Die größte Anzahl, um 70.000, lebt in Inegol, einer Gemeinde in der Nähe von Bursa. Die genaue Zahl der heute in der Türkei lebenden Bosniaken ist unbekannt. Sie wird auf acht Millionen geschätzt. Die Sprache der Bosniaken in der Türkei Auf der dialektalen Ebene ist die Sprache der Bosniaken sehr bunt. Diese Emigranten sprechen verschiedene Dialekte, es überwiegt aber, die Süd-Sandzak-Variante, mit der älteren Akzentuierung. viele aber auch aus verschiedenen Gegenden Bosnien und Herzegowinas. Bei den Bosniaken in der Türkei kommt Ikavisch vor, das sonst ein bosnisches (vorwiegend westbosnisches) Merkmal ist. Das sehen wir in Interview 4 auf Seite 75. Der Befragte spricht seine Muttersprache ziemlich gut. Seine Sprache ist Stokavisch mit den Elementen aus dem Ikavischen und Jekavischen. Bei der Akzentuierung sind auch Elemente aus dem ikavisch-scakavischen Dialekt Westbosniens auffällig. Die grammatischen Fälle werden oft anders eingesetzt: Šta ima u Bihača? Hier steht Lokativ statt Genitiv. Das Fragepronomen što erscheint in der Variante šta. In manchen syntaktischen Konstruktionen werden ganze Satzteile ausgelassen, ohne dass dabei der Sinn des Satzes verloren geht: Muri je prijatelj. Hier fehlt auch das Personalpronomen mi. Ikavisch und Ekavisch sieht man in den Beispielen: did, misto, lito, ovde. Der Gesprächspartner verwendet keine Turzismen und ist seiner Muttersprache mächtig, aber er möchte auch dieses Erbe an seine Kinder hinterlassen, was jedenfalls lobenswert ist, da er nur so die Tradition seiner Vorfahren bewahren kann. Interview 1 sehen wir auf Seite 34-39. In diesem Gespräch sind Merkmale eines Regiolekts aus dem Gebiet Zeta-Ostsandžak sichtbar, und zwar auf dem phonologischen, morphologischen, syntaktischen, etymologischen und lexikalischen Niveau. Der Gesprächspartner verwendet in diesem Gespräch auch alle Akzent-Merkmale dieser regionalen Sprache. Gesprächspartner spricht schnell oder chaotisch, oder dass er veraltete Ausdrücke verwendet, da er die Muttersprache zu wenig aktiv benutzt. Zum Beispiel: stavili taj obicaj ta kultura. Hier wird statt des Nominativs der Akkusativ verwendet. Pola familije je u Bosno, auch ein Beispiel, bei dem die grammatischen Fälle anders eingesetzt werden. Im Bereich der Syntax kommt es innerhalb des Satzes zur Inversion: to je jedna politika drzavna. Der Gesprächspartner gebraucht parallel ekavica, jekavica und ijekavica: celu, ovde, vera, mjenja, rijec, usw. In manchen Sätzen wird statt des Verbs das Substantiv in der Prädikatsfunktion eingesetzt. z.B.: oni govoru. Die Phoneme j und h werden ausgelassen: celo Jugoslaviji, istorijski, usw. Es werden auch kürzere Formen der Wörter tko und koliko genutzt: ko, kolko. Interview 2 sehen wir auf Seite 48-58.In diesem Gespräch sieht man, dass beide Gesprächspartner ihre Muttersprache sehr gut beherrschen, sowie dass sie sie aktiv benutzen und ihre sprachliche Tradition zu pflegen versuchen. In manchen syntaktischen Konstruktionen kommt es zur Verwendung anderer Präpositionen: on je izasao na penziju; zaljubio za djevojku. In diesen Beispielen werden auch zweckfremde Fälle verwendet. Das sieht man auch in der syntaktischen Konstruktion: imam pet braća.. Und das Gleiche beim Genus: nema nijedna da je siromah. Die Sprachen der zwei Gesprächspartner aus diesen zwei Interviews haben viele Gemeinsamkeiten (phonologisch, morphologisch, syntaktisch, lexisch) Die Gesprächspartner benutzen oft ekavisch, Verändern des Platz des Wortes im Satz, lassen manche Wörter oder Phoneme aus, verändern die Funktionen der Fälle, Genus, Numerus oder Funktion mancher Wörter. Türkisch-islamisches Kulturerbe bei Bosniaken Die bosnischen Moslems haben von den Türken die religiösen Bräuche und Feiertage übernommen, wie Mevlud , Sunnet, beide Bairams. Der Bairam findet am Ende des Fastenmonats Ramadan und dauert drei Tage. Den ersten Bairam-Tag verbringt man meistens in dem Kreis der Familie, die sich bei den ältesten Mitglieder versammelt. Bei dieser Gelegenheit werden Glückwünsche und Geschenke ausgetauscht und in den nächsten Tagen besucht man die Nachbarn, die anderen Verwandten und die Freunde. Dieses Fest bedeutet auch eine große Freude für die Kinder, sowohl in Bosnien und als auch in der Türkei. Kurban-Bairam (das Opferfest) ist in der moslemischen Kultur ein Ereignis, das vier Tage dauert (in dem 10., 11., 12., und 13. Monat Zulhidže ) und mit dem Brauch Haddsch verbunden ist. Während des Kurban-Bairams (Kurban – der Widder) schlachten die Muslime ein Schaf und verteilen ihn an die Arme, die Nachbarn und die Verwandte und zwar nach fixen Regeln: 1/3 für die Armen, 1/3 für die Freunde und Nachbarn und 1/3 für die Familie. Falls jemand eine sehr große Familie hat, darf er alles für sich behalten, aber er kann auch das ganze Kurban-Fleisch verteilen. Wie bei dem Ramadan-Bairam, beschenken auch bei diesem Fest die Väter und die Mütter großzügig ihre Kinder und ihre jungen Verwandten. Die Frauen bereiten festliches Essen für die Gäste. Die traditionellen moslemischen Gerichte in der Bairam-Zeit sind: Kraut- oder Weinblätterwickel (sarma), gefüllte Paprika, Suppe, der Bosnische Eintopf, Kebab und viele andere. Die Süßigkeiten sind ein wichtiges Element beim Festmahl und am häufigsten sind das Baklawa, Halva, Tufahije.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Bosniaken in der Türkei
Autor*innen
Ifet Sivic
Haupttitel (Deutsch)
Die Sprache und die Kultur der Bosniaken in der Türkei
Publikationsjahr
2012
Umfangsangabe
115 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Katja Sturm-Schnabl
Klassifikation
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.60 Südslawische Sprachen und Literaturen
AC Nummer
AC10504435
Utheses ID
20870
Studienkennzahl
UA | 243 | 364 | |
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