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Die Sprache der Ansichtskarte
eine Studie zur visuellen Reflexion der Spannungsverhältnisse zwischen Deutsch und Tschechisch von 1884 - 1945 in den böhmischen Ländern
Michèle Yvonne Bayer
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Stefan-Michael Newerkla
DOI
10.25365/thesis.24660
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29716.44581.671055-1
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die Arbeit hat die sprachlichen und bildlichen Komponenten von Ansichtskarten aus dem Zeitraum von 1884 bis 1945 in den historischen böhmischen Ländern untersucht. Es wurde vor allem auf die kulturhistorischen und nationalpolitischen Hintergründe jener Zeit und die Rezeption des Kommunikationsmediums eingegangen, um die Zusammenhänge zwischen Text und Bild besser darstellen zu können.
In den 1880er Jahren wurde eine neue Art der Postkarte eingeführt, die nun mehr auch eine Bildbotschaft beinhaltete. Die „Ansichtskarte“ war damals ein beliebtes und innovatives Kommunikationsmedium mit vielen Vorteilen (Ökonomisierung von Zeit und Geld) gegenüber dem Brief oder der Zeitung und erfreute sich v. a. zur Zeit der Industrialisierung einer breiten Anhängerschaft. Die Verbreitung von Ansichts-karten wurde allerdings schon bald zur Verbreitung von eindeutig national kodierter Ansichten v. a. um die Jahrhundertwende. An dieser Stelle ist zu bemerken, dass die ersten offiziellen tschechischsprachigen Postkarten erst 1899 in Umlauf kamen. Davor gab es nur wenige tschechische Drucker bzw. Herausgeber, die sogar in deutschen Sprachgebieten die Beförderungsbestimmungen der Post und die Zensur der Monarchie ignorierten.
Es war die Zeit, als das Zusammenleben der Tschechen und Deutsche auf einem gemeinsamen Territorium, das die Einen als ihre Erblande und die Anderen als ihre Jahrhunderte lange Heimat sehen, zu einem Auseinander-Leben führte. Parallelgesellschaften mit scheinbar denselben Forderungen und Zielen entstanden, ohne die Bereitschaft, ihre Gemeinsamkeiten zu erkennen und diese positiv zu nutzen. Es waren, wie so oft, tiefverwurzelte Ressentiments, die einen Keil zwischen sie trieben. Der Grund dafür waren Ethnie bzw. nationales Zugehörigkeitsgefühl, Kultur (Tradition, Lebensweise etc.) und das wohl zweiteinfachste Unterscheidungsmerkmal (nach „Rasse“ – im Sinne von Hautfarbe, Gesichtszügen etc.) unter den Einwohnern der späten Habsburgermonarchie: die Sprache.
Während der Inhalt (nationale Symbolik, pauschalisierte Identifikationsmuster, etc.) beider Darstellungsformen – des Textes und des Bildes – die Karte national aufladen sollte, gewann die Wahl der Sprache (Tschechisch bzw. Deutsch) an immer größerer Bedeutung. Dieses eindeutige nationale Symbol und stand letztendlich für die politische Positionierung.
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Anhand einschlägiger Postkarten wurde in der Arbeit gezeigt, dass die nationalen Emanzipationsbestrebungen der Tschechen sowie die immer größer werdende Anspannung zwischen ihnen und der zweitgrößten Bevölkerungsgruppe in den böhmischen Ländern – den Deutschen – zu teils humoristischen bis hin zu verhöhnenden und radikalnationalen Visualisierungen zur Folge hatte.
Einer der bedeutendsten Meilensteine in der kulturellen Eigenständigkeit sollten die „Badenischen Sprachverordnungen“ aus dem Jahr 1898 werden, die auch auf Postkarten ausgeschlachtet wurden. Graf Badeni, der k. u. k. Innenminister wurde für seine „tschechisch freundliche“ Haltung von den Deutschböhmen auf dem Papier sprichwörtlich in Stücke gerissen. Bald kam es sogar zu einem Verbot dieser „Obstruktionskarten“.
Die teils blutigen Auseinandersetzungen zwischen einigen nationalen Gruppierungen, wie den deutschen „Burschenschaften“ und tschechischen Studentenvereinigungen (Gründung der tschechischen Universität in Brünn) oder die sog. „Zde-Affäre“ in den Reihen der tschechischnationalen Soldaten (Veweigerung der deutschen Kommandosprache) fanden dank moderner Herstellungstechniken und dem Reportagecharakter der Ansichtskarten rasch großen Absatz. Nationale Symbole und fiktive Heldenfiguren wurden gegeneinander ausgespielt, um die jeweilige Überlegenheit zu manifestieren.
In weiterer Folge spaltete v.a. die Entwicklung des 1. Weltkriegs mit seinen Propagandakarten die beiden Nationen. Tschechen suchten oft die Schirmherrschaft ihres „großen Bruders“ Russland oder zogen Verbindungen zu anderen slawischen Völkern, um die panslawische Gemeinschaft zu demonstrieren.
Der sog. „Kaiserkult“, der auch auf zahlreichen Ansichtskarten zu beobachten ist, sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Tschechen und Deutschböhmen als Teil der k. u. k. Monarchie stärken. Die Abbildung von scheinbar neutralen Besuchen des Kaisers in Böhmen sollten die Idylle zwischen den beiden Völkern demonstrieren, allerdings blieben diese zentralistischen Bemühungen ohne große Wirkung.
Der Umbruch kam mit der Entstehung von neuen Nationalstaaten, u. a. auch der Tschechoslowakei im Jahr 1918. Nationalpolitische und panslawische Motive kamen wieder in Mode. Alte deutschsprachige Karten wurden entweder mechanisch überdruckt oder manuell durchgestrichen. Die steigende politische Frustration der sog. „Sudetendeutschen“ konnte nun kaum mehr öffentlich ventiliert werden.
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Mit dem der Entstehung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ sollten die Postkarten wieder zweisprachig bedruckt werden, mit tschechischem Text an zweiter Stelle, so wie in den letzten Jahren 1871-1899. Darüber hinaus luden postalische Zusätze wie Briefmarken oder Stempel mit nationalistischen Symbolen (Hakenkreuz, Adolf Hitler, etc.) die Karten politisch auf.
Wie die Arbeit demnach gezeigt hat, kann die Sprache auch zur Abgrenzung der deutschböhmischen von der tschechischen Bevölkerung oder eben umgekehrt ge- bzw. missbraucht werden. Einen Aufruf zu einem tschechisch-deutschen – das hieße einem böhmischen – Miteinander hingegen gab es scheinbar nicht. Dies bestätigt auch Rudolf Jaworski: „Nein, solche Karten habe ich nicht gefunden. Was ich gefunden habe, sind einige wenige sozialdemokratische Karten, die in ganz allgemeiner Form dem Zusammenleben der Völker galten. Aber Karten mit Parolen wie ´Deutsche und Tschechen, vereinigt Euch!´ – so etwas habe nicht gefunden.“275
Die Frage, wie sie bereits der jesuitische Theologe, Mathematiker und ehemaliger Rektor der Karlsuniversität Prag Stanislav Vydra Ende des 18. Jahrhunderts stellte: „Cur inter Germanum & Bohemum rara sit amicitia?“276 kann auf das komplizierte, meist erzwungene Zusammenleben unter deutschen Machthabern, zurückzuführen sein. Der tschechische Historiker und Politiker Palacký meinte diesbezüglich im Jahr 1848: „že dějiny české vůbec na sporu s Němectvem se zakládají, čili na pojímání a zamítání způsobův a řádův německých od Čechův“ (zu Deutsch: „dass die tschechische Geschichte überhaupt auf der Auseinandersetzung mit dem Deutschtum gründet, also auf der Aufnahme und der Ablehnung der deutschen Art und Ordnung seitens der Tschechen“)277.
Trotz der scheinbar schon lange unüberwindbaren Differenzen zwischen Tschechen und ihren deutschsprachigen Nachbarn soll die Arbeit aufzeigen, dass sie viele Gemeinsamkeiten teilen, die sie zusammen in der Zukunft nutzen sollten, anstatt sich durch politische Provokationen gegeneinander ausspielen zu lassen.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Tschechisch Postkarten Ansichtskarten Badeni-Krise deutsch-tschechische Verhältnisse historische Karten Protektorat Böhmen und Mähren Tschechoslowakische Republik Tschechoslowakei Obstruktion Burschenschaft Zde-Affäre
Autor*innen
Michèle Yvonne Bayer
Haupttitel (Deutsch)
Die Sprache der Ansichtskarte
Hauptuntertitel (Deutsch)
eine Studie zur visuellen Reflexion der Spannungsverhältnisse zwischen Deutsch und Tschechisch von 1884 - 1945 in den böhmischen Ländern
Publikationsjahr
2012
Umfangsangabe
107 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Stefan-Michael Newerkla
AC Nummer
AC10681404
Utheses ID
22042
Studienkennzahl
UA | 243 | 370 | |
