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Giovanni Vergas "Rosso Malpelo"
eine Erzähltextanalyse
Dominika Fuchs
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Birgit Wagner
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30303.80575.298662-4
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Im Zentrum der vorliegenden Diplomarbeit steht Giovanni Vergas erstes veristisches Werk – die Novelle Rosso Malpelo. Verga gründet zusammen mit Luigi Capuana, Felice Cameroni und Roberto Sacchetti in Mailand die literarische Gruppe, die in Anlehnung an den französischen Naturalismus, dessen Hauptvertreter Émile Zola ist, den italienischen Verismo entstehen lässt. Der Beitritt Vergas zum Verismo findet zwischen 1877 und 1878 statt. Auf literarischer Ebene halten die Veristen an einer antiromantischen Poetik fest. Ebenso lehnen die Veristen die Subjektivität des Icherzählers ab. Der Verismo sticht vor allem auf der formalen Ebene durch die sogenannte perfetta impersonalità und die Stilangleichung an das Thema hervor. Auf philosophischer Ebene manifestiert sich ein positivistischer, materialistischer und deterministischer Ansatz. Es handelt sich um eine vollkommen neuartige Erzähltechnik, die sich sowohl von der traditionellen als auch von der zeitgenössischen italienischen beziehungsweise Erzähltechnik außerhalb Italiens abhebt, denn bei Verga befindet sich der Beobachtungspunkt nun innerhalb der dargestellten Welt, das heißt, die Stimme, die erzählt, ist Teil der dargestellten Welt und mit den Figuren auf gleicher Ebene. Der Erzähler tritt durch die Figuren selbst zu Tage. Er nimmt ihre Mentalität, ihre Art zu denken und zu fühlen an, bezieht sich auf die gleichen interpretatorischen Kriterien, auf die gleichen moralischen Prinzipien und drückt sich sprachlich aus wie sie. Wenn er erzählt, ist es so, als ob er einer von ihnen wäre. Allerdings handelt es sich um einen anonymen Erzähler, da er im Geschehen nicht direkt vorkommt. Diese neu ausgearbeiteten Prinzipien setzt Verga erstmals in seiner Novelle Rosso Malpelo (1878) um. Im Vergleich zu seinen früheren Werken unterscheidet sich diese Erzählung deutlich sowohl von der formalen Vorgangsweise, der Thematik als auch von der Sprache von allem bis dato von Verga Geschriebenen. In Rosso Malpelo ist die erzählende Stimme die boshafte und missgünstige Stimme der Gemeinde der Bergleute, die sich gegen Malpelo erbittert, weil er rote Haare hat und somit für sie automatisch böse ist. Die ganze Geschichte wird unter eben diesem Gesichtspunkt erzählt. Wenn bei Verga der Erzähler kommentiert und urteilt, dann macht er das nicht aus der Sicht des gebildeten Autors, sondern aus der Sicht ungebildeter, mit Vorurteilen behafteten Dorfbewohner, die nicht verstehen, welche psychologischen Motivationen tatsächlich hinter Handlungen stehen. Aus Unwissenheit verdrehen sie so jede Tat, indem sie ihre eingeschränkten, interpretatorischen Prinzipien anwenden, die auf dem Gesetz der Nützlichkeit und des egoistischen Interesses aufbauen. Die Verfremdung ergibt sich durch den Unterschied zwischen dem expliziten Gesichtspunkt des Erzählers und dem impliziten Gesichtspunkt des Autors. Das Prinzip der Verfremdung unterliegt folgender Logik: was normal sein sollte, wie etwa wahre Gefühle und Werte, erscheint merkwürdig. Das rührt daher, dass der Erzähler gleichzeitig der Sprecher ist, dessen Vision der Welt die ungebildeter Menschen ist. Werte sind ihm fremd, dafür kennt er das wirtschaftliche Interesse und die Gewalt. In einer Welt, die vom brutalen Mechanismus des Überlebenskampfs dominiert ist und keinen Platz für selbstlose Gefühle zulässt, hat der narrative Kunstgriff der Verfremdung die Funktion, die Werte zu verneinen und gleichzeitig die Unmöglichkeit ihrer Realisierung aufzuzeigen. Ebenso tritt auch eine Verfremdung im umgekehrten Sinn ein, das heißt, das, was merkwürdig sein sollte, wie das vollkommene Fehlen von Empathie, endet damit, normal zu sein. Da der Autor nicht einschreitet, um zu berichtigen, wird der Leser mit der Sichtweise der Welt dieser Umgebung und der dort vorherrschenden sozialen Beziehungen konfrontiert. Allerdings unterliegt nicht die ganze Erzählung dem Effekt der Verfremdung des Protagonisten. Im ersten Teil wird er ausschließlich von außen, vom beschränkten und boshaften Gesichtspunkt seiner Umgebung gesehen, sodass die Motivationen seiner Taten für den Erzähler unverständlich sind und dementsprechend gnadenlos verurteilt werden. Im zweiten Teil taucht der Gesichtspunkt Malpelos selbst auf, sodass der Leser nun erfahren kann, was er denkt und fühlt. Es zeigt sich die pessimistische Sicht Malpelos, der durch die unmenschlichen Lebensbedingungen selbst verhärtet ist. Er weiß, dass das Leben vom Überlebenskampf dominiert ist, wo sich der Stärkere behauptet und der Schwächere unterliegt. Sein ganzes Verhalten ist durch diese Erkenntnis reguliert. Somit ist Malpelo Träger eines klaren Bewusstseins der Mechanismen einer tragischen und unveränderbaren Realität. Folglich steckt hinter Vergas origineller Erzähltechnik der Regression die pessimistische Überzeugung, die Wirklichkeit sei unveränderbar, und daher könne die Literatur auf keine Art und Weise auf sie Einfluss nehmen. Aus diesem Grund steht es dem Schriftsteller auch nicht zu, sein Urteil auszusprechen. Vergas Vorstellung nach hat der Autor sein Augenmerk ausschließlich auf die objektive, nüchterne Wiedergabe zu richten, ohne seine Gefühle oder Ideologie preiszugeben.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Giovanni Verga Rosso Malpelo
Autor*innen
Dominika Fuchs
Haupttitel (Italienisch)
Giovanni Vergas "Rosso Malpelo"
Hauptuntertitel (Italienisch)
eine Erzähltextanalyse
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
123 S.
Sprache
Italienisch
Beurteiler*in
Birgit Wagner
Klassifikation
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.27 Italienische Literatur
AC Nummer
AC10759909
Utheses ID
23193
Studienkennzahl
UA | 236 | 349 | |
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