Detailansicht
Erkenntnisverfahren und Zeitkonzepte in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts
Richard Hüttemann
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Marianne Klemun
DOI
10.25365/thesis.27250
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29815.34028.215661-6
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Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Zeit und die Auffassungen von ihr, so scheint es, sind universal und universell. Tatsächlich sind die Konzepte von Zeit aber nicht statisch. Sie existieren ihrerseits in der Zeit und sind somit historisierbar. Beim hier in dieser Arbeit fokussierten Zeitrahmen unterliegen Zeitkonzepte einer schnellen Umwälzung. Das gesamte neunzehnte Jahrhundert ist durchzogen von Beschleunigungseffekten, Modernisierungs- und Normalisierungsprozessen. Auf verschiedenen kulturellen Feldern gibt es ein Streben nach Synchronisation, nach Normierung, nach Vergleichbarkeit wie auch einen Trend zur Entmystifizierung und Säkularisierung des Lebens. Zeit wird eine entscheidende Konstante – in dem im neunzehnten Jahrhundert ausgeformten Arbeitssystem Fabrik ist es z. B. wichtig, dass alle gleichzeitig und pünktlich erscheinen.
Auch in den Wissenschaften differenzieren sich gerade im neunzehnten Jahrhundert während der großen Modernisierungsschübe Zeitkonzepte immer feiner aus, man begibt sich auf die Suche nach so etwas wie einer Allgemeingültigkeit, zunächst nach einer absoluten Wahrheit, später nach einer allgemein kommunizierbaren. Dies hat auch epistemologische Folgen. Die Techniken sowohl des forschenden Subjekts, als auch der wissenschaftlich-mechanischen Praxis werden immer wieder hinterfragt, verworfen, neu geformt, verfeinert und wieder verworfen. Im neunzehnten Jahrhundert findet, legen einem zumindest Daston und Galison nahe, eine Selbstreflexion über die Art und das Wesen der Wissenschaft statt wie nie zuvor und selten danach. Es sind Präzisierungsbestrebungen vor allem in messenden Wissenschaften feststellbar: Die Skalierung in den zeitabhängigen Forschungszusammenhängen wird immer variabler und feiner, die Vorstellungen von der Zeit immer disparater. Kurzum – man ist in der Wissenschaft auf der Suche nach der Objektivität.
Um zeitbeeinflussten Prozessen, die diese Transformation begleitet oder auch bedingt haben, unter wissenschaftshistorischer Perspektive auf die Spur zu kommen, wird analysiert, wie und wann diese Transformation der Zeit in der Wissenschaft ‚auftaucht‘, was sie mit der Wissenschaft macht und welche Diffusionsprozesse zwischen den Diskursen mit dem Wissen um die Zeit ablaufen.
Um diese Prozesse analysieren und darstellen zu können, wird zunächst der Frage nachgegangen, welche epistemologischen Prinzipien und Vorstellungen diesen Prozessen zugrunde lagen. Dies ist umso mehr notwendig, als dass die Zeit als vermeintlich statischer, physikalisch ‚objektiv‘ bezogener Begriff in ein Zeit fällt, in der die epistemologischen Bemühungen und Debatten beginnen, Objektivität zu thematisieren. Danach wird der Gebrauch von ‚psychologischen‘ Instrumenten in physio- und experimentalpsychologischen Experimenten dargestellt und analysiert. Diese Instrumente messen Zeit. Diese Praxis in den Labors des letztens Drittels des neunzehnten Jahrhunderts findet nicht isoliert von allen anderen Prozessen statt und weist Kontexte auf. Die Arbeit lokalisiert diese Kontexte, um zu zeigen, welche Zusammenhänge zwischen den Diskursen möglich sind und inwieweit sie die Epistemologie im neunzehnten Jahrhundert beeinflusst haben und umgekehrt, von ihr beeinflusst wurden. Dies geschieht durch Diskursanalyse, die sich als brauchbar erwiesen hat, wenn es darum geht, historisches Material in Bezug auf Kontexte, Korrelationen und Kohärenzen sowie auf Diskontinuitäten, Transformationen und Brüche hin zu analysieren, ohne dass sich das Historisieren auf die Aneinanderreihung kritikloser Erzählungen beschränken würde. Wenn man die Definition dessen, was ein Diskurs in diesem Zusammenhang sein könnte, auf einen Punkt bringen müsste, so wäre es am sinnvollsten, mit Foucault den Diskurs selbst als Praxis zu verstehen, der ein „Bündel von Beziehungen“ bewirkt. Dieses Bündel von Beziehungen ist dabei nicht vordefiniert, so dass diese Bezüge aus der konkreten Praxis selbst zu analysieren sind. Das Schlusskapitel fragt dann nach dem Ertrag der Analyse dieser wissenschaftlichen Praxis. Welche Epistemologie ist vor allem in den Anfängen Experimentalpsychologie identifizierbar? Welche Diskurse haben die größten Schnittmengen miteinander, wie verhalten sie sich zu einander? Liegen die Zeitkonzepte quer zu den dominanten Diskursen oder nicht, welche Bezüge zu den einzelnen, analysierten diskursiven Formationen werden sichtbar?
Der Arbeit sind vier Abbildungen beigefügt.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Wissenschaftsgeschichte Epistemologie Zeitkonzepte Experimentalpsychologie Modernisierungsprozesse Wissenschaftspraxis
Autor*innen
Richard Hüttemann
Haupttitel (Deutsch)
Erkenntnisverfahren und Zeitkonzepte in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
87 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Marianne Klemun
Klassifikationen
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.01 Geschichte der Wissenschaft und Kultur ,
15 Geschichte > 15.07 Kulturgeschichte
AC Nummer
AC10763080
Utheses ID
24368
Studienkennzahl
UA | 312 | | |
