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"Über diesen Koffer könnte man einen Roman schreiben..."
quellenkritische und diskursanalytische Lesearten eines Anschreibebuches aus dem Weinviertel ; 1945-1950
Ulrich Schwarz
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Edith Saurer
DOI
10.25365/thesis.2861
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29622.80135.756253-8
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Diplomarbeit befasst sich mit der Schreibpraxis einer Frau aus dem südöstlichen Weinviertel während der unmittelbaren Nachkriegszeit. Drei der Geschäftsbücher, in denen diese ab dem Sommer 1945 nahezu täglich Tagesaufschreibungen verfertigte, welche in der „Sammlung Frauennachlässe“ archiviert sind, wurden hier aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, in ihrer Materialität, ihrer Formensprache und ihren Inhalten analysiert, sowie nach ihrem Wert für die Akteurin, beziehungsweise nach ihren Funktionen in deren Alltag befragt.
Der Schwerpunkt dieser Studie wurde auf die Praktiken gelegt, von denen die überlieferten Schriftstücke ein Produkt darstellen. Durch dekonstruierende und rekonstruierende Lesarten wurde versucht, die Situation, die Kontexte, die Handlungsrepertoires und die Strategien dieser Produktion näher zu bestimmen. Gleichsam im Hintergrund dieser Betrachtungen stand das Interesse an Gebrauchsweisen der Kulturtechnik Schreiben, die als Diskurspraxis Wahrnehmungsschemata, Wechselbeziehungen zwischen dem Sichtbaren und dem Sagbaren, ein spezifisches Wissen und Handlungsweisen erkennbar werden lässt.
Insbesondere die vorherrschenden Muster und der hohe Grad an Regelhaftigkeit, die sowohl in der Sprachverwendung und der thematischen Selektion als auch in der Anordnung der Texte innerhalb des materialen Settings der Bücher sichtbar wurden, ließen danach fragen, was den Stil dieser Praktiken regelte, aber auch wie diese Vertextungen, dieses lesbar machen regelnd im Selbstverständnis, in den Interpretationsleistungen der Erfahrungsproduktion und im Lebensvollzug der Akteurin wirkte.
Trotz der Selektivität der überlieferten Berichte, deren Informationen wiederum vielfach nur durch elliptische Satzstrukturen ausgedrückt wurden, lassen sich doch bestimmte Aspekt der mehr oder weniger routinisierten Alltagsabläufe innerhalb des Lebens der historischen Person ausmachen, welches durch wahrgenommene Brüche im Kontext der Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, sowie durch Problematiken der Aneignung von Sozialverhalten die aus diesen resultierten, geprägt war. So war speziell die Position der Akteurin als Mutter, durch die Abwesenheit des nicht von der Front heimgekehrten, einzigen Sohnes, gerade in der Ungewissheit über dessen Überleben eine problematische geworden. Aber auch die Veränderungen in Bezug auf die ökonomische Lage des ländlichen Kleingewerbes im Zuge der beschleunigten Konzentration und die eng damit verknüpfte Krise der Ehe der Akteurin, konfrontierten diese mit einer Wirklichkeit, in der verinnerlichte Normen, Sinnkonzepte und Handlungsweisen ihre Schlüssigkeit verloren und die Dispositionen der Akteurin ihre Lage und Stellung als eine unerwünschte wahrnehmbar machten.
In diesem Zusammenhang stellt der überlieferte Quellenkorpus eine Spur dar, wie die Akteurin, mit ihr bekannten und von ihr gekonnten Praktiken auf diese Situation reagierte, beziehungsweise welches kulturelle Handlungsrepertoire sie verwendete um wahrgenommene Inkohärenzen ihrer gesellschaftlichen Existenz in eine bestehende Ordnung zu integrieren, kurz, wie sie (sich) in den veränderten sozialen Bedingungen – ihrer Umwelt – (ver-)stand.
Diese Spur lässt sich als Transformationen von Praktiken, innerhalb institutionalisierter Redeweisen verfolgen, die eine Übertragung von Formen einer kleingewerblichen und bäuerlichen Buchführung, einer ökonomischen Bilanzierung auf immer weitere Bereiche des Alltags sichtbar macht. In dieser Anwendung solcher Anschreibe-, solcher Objektivierungspraktiken wurden diese einerseits mit anderen, verfügbaren sprachlichen Handlungstypen verwoben, andererseits verwandelten sich die Wahrnehmungsschemata und Relationsstrukturen, die solche Schreibweisen ermöglichten/limitierten gerade durch die Anwendungen dieser in veränderten, “fremden“ Bereichen. Neben diesen Transformationen blieb jedoch der Stil dieser Verbuchungen weitgehend durch die effektive Präsenz einer spezifischen Rechenhaftigkeit bestimmt.
Eine solche Analyse von Trans-Formationen, die einen Rahmen dieser Arbeit bildete, erlebt dort ihre Intensitäten, wo, wie es Judith Butler formulierte, »Zwischenräume zwischen Redundanz und Wiederholung« deutlich werden. Diese Zwischenräume, die in dieser Arbeit durch die widersprüchliche Schreibweise (Re-)Produktion bezeichnet wurden, lassen nach der Handlungsmacht der Akteurin fragen. Wie diese in ihren situierten sprachlichen Handlungen, Formationen und Strukturen einsetzte, die die Erzeugungsgrundlage dieser Handlungen, sowie die Regeln unter denen die Handlungen im jeweiligen Feld Wirkmächtigkeit erlangten, darstellten; jedoch durch die wiederholende Anwendung in veränderten Kontexten, eine Aktualisierung, eine Ableitung ihrer selbst erfuhren.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Alltagsgeschichte Diskursanalyse Nachkriegszeit Weinviertel
Autor*innen
Ulrich Schwarz
Haupttitel (Deutsch)
"Über diesen Koffer könnte man einen Roman schreiben..."
Hauptuntertitel (Deutsch)
quellenkritische und diskursanalytische Lesearten eines Anschreibebuches aus dem Weinviertel ; 1945-1950
Publikationsjahr
2008
Umfangsangabe
263 S. : graph. Darst., Kt.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Edith Saurer
Klassifikation
15 Geschichte > 15.07 Kulturgeschichte
AC Nummer
AC07111446
Utheses ID
2487
Studienkennzahl
UA | 312 | | |
