Detailansicht

"Das beste Mittel, das wir zur Verfügung haben" oder "eine Schande für uns Europäer"?
Die Botschafterkonferenz von Konstantinopel als Kollektivorgan des Konzerts der Großmächte und die Kretakrise 1895 - 1898
Andreas Rathberger
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Marija Wakounig
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.29716
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29133.71688.874662-9
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Forschungsarbeit rekonstruiert und analysiert die Botschafterkonferenz von Konstantinopel in ihrem politischen, wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlichen Kontext. Die Botschafterkonferenz stellt eine bislang kaum erforschte Besonderheit im System der internationalen Beziehungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dar. Die im Osmanischen Reich akkreditierten Botschafter sechs selbsternannter "Großmächte" – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich-Ungarn und Russland – übten als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts praktisch permanent aktives, inoffizielles "Kollektivorgan" des sogenannten "europäischen Konzerts" ein komplexes "Mehrfachmandat" aus und verkörperten das Konzert – mit all seinen Schwächen und Stärken – wie kaum ein anderer Akteur der internationalen Politik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die der Botschafterkonferenz angehörenden Diplomaten hatten an ihrem Dienstort die divergierenden politischen Ziele ihrer jeweiligen Regierungen, aber auch die wirtschaftspolitischen Ambitionen der von diesen unterstützten europäischen Banken und InvestorInnengruppen, sowie die mutmaßlichen "kollektiven Interessen" des Konzerts zu vertreten. Als selbsternannte "Kuratoren der Türkei" überwachten und bevormundeten sie gemeinsam die Regierung des Osmanischen Reichs, um es durch von den Großmächten verordnete Reformen in einem Ausmaß zu stärken und stabilisieren, das seinen Fortbestand unter der informellen, kollektiven Hegemonie des Konzerts garantieren sollte. Der wirtschaftliche und politische Einfluss der jeweils eigenen Regierung sollte dabei maximiert, ein offener Konflikt zwischen den um Einfluss im Osmanischen Reich rivalisierenden Großmächten aber verhindert werden. Die Botschafter der Großmächte in Konstantinopel agierten dabei grundsätzlich als internationales "Kollektivorgan", das als Ergebnis regelmäßiger Beratungen kollektive Erklärungen, Ratschläge und Forderungen im Namen des europäischen Konzerts formulierte. Neben Drohungen mit politischem, wirtschaftlichem oder militärischem Druck standen den Botschaftern, die als Einzelpersonen und als Kollektiv zu den angesehensten Diplomaten der Großmächte gehörten, zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse auch noch informelle Einflussnahme und Netzwerke von persönlichen Kontakten zur Verfügung, die während der teils jahrzehntelangen Verweildauer der Botschafter in Konstantinopel geknüpft wurden. Ähnliche informelle Einflussnahmen in ihren jeweiligen Außenministerien gestatteten es den Botschaftern, auch gegenüber ihren eigenen Regierungen als Kollektiv internationaler Experten aufzutreten und die internationale Politik aktiv mitzugestalten. Die Botschafterkonferenz wurde niemals durch einen Vertrag oder eine verschriftlichte Geschäftsordnung als internationales Organ konstituiert. Dieser inoffizielle Charakter bedeutet, dass sich ihre Arbeits- und Funktionsweise, ihre Rolle im System der internationalen Beziehungen, aber auch ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung nur durch eine sorgfältige Erforschung anhand eines konkreten Fallbeispiels erfassen und verstehen lassen. Die vorliegende Forschungsarbeit verfolgt dieses Ziel anhand des Fallbeispiels der Kretakrise und der mit ihr zusammenhängenden Problemstellungen der internationalen Politik zwischen 1895 und 1898. Sie basiert auf der Heranziehung eines umfangreichen, internationalen Quellenmaterials, das neben diplomatischer Korrespondenz auch die zeitgenössische Zeitungsberichterstattung und verschriftliche Erinnerungen von ZeitzeugInnen in eine qualitative Textanalyse einbezieht. Es wird gezeigt, wie die Botschafter 1896 mit unkonventionellen Methoden in ihrer Vermittlung der Kretakrise bemerkenswerte Verhandlungserfolge erzielten und sich dabei einen von ihren Regierungen informell zugestandenen, bemerkenswerten Grad an Selbstständigkeit erkämpften. Diese Entwicklung gipfelte in dem 1897 spektakulär scheiternden Versuch der Botschafterkonferenz, sich als autonomes, internationales "Direktorium" selbst mit der Ausübung eines institutionalisierten Kondominiums der Großmächte über das Osmanische Reich zu beauftragen. Zwischen 1897 und 1898 scheiterte die Botschafterkonferenz dann an ihren eigenen Machtansprüchen, den unzureichend definierten Entscheidungssstrukturen des europäischen Konzerts, an der überheblichen, durch "Orientalismus" geprägten Geringschätzung der KlientInnen ihrer Vermittlungsaktionen, sowie an persönlichen, institutionellen und zwischenstaatlichen Rivalitäten. Der Zusammenbruch der internationalen Zusammenarbeit auf Kreta 1898 führte schließlich zu ihrer politischen Diskreditierung, aber auch allgemein zu einer Diskreditierung der Idee internationaler Konfliktvermittlung durch aus Diplomaten gebildete Kollektivorgane. In Anlehnung an die Methoden der "Neuen Diplomatiegeschichte", die eine Aufwertung der Erforschung staatlicher und nichtstaatlicher DiplomatInnen im Kontext internationaler Organisationen und Netzwerke anstrebt, soll mit dieser Arbeit ein bislang wenig erforschtes Thema erschlossen werden, das zu einem besseren Verständnis der Entwicklung der Regeln und Normen in den internationalen Beziehungen vor 1914 beiträgt.
Abstract
(Englisch)
This thesis reconstructs and analyses the Ambassadors' Conference of Constantinople in its political, economical, social and cultural context. The Ambassadors' Conference constitutes a previously hardly researched special case within the 19th and early 20th century system of international relations. The ambassadors representing six self-proclaimed "Great Powers" – Germany, France, Great Britain, Italy, Austria-Hungary and Russia – in the Ottoman Empire acted as an unofficial "collective organ" of the so-called "European Concert". Being almost permanently active throughout the second half of the 19th century, they aimed to fulfil a complex "multiple mandate" and embodied the Concert – with all its strengths and weaknesses – like no other actor of 19th and early 20th century international politics. The diplomats constituting the Ambassadors’ Conference were expected to represent the political goals of their respective governments, but also the economical goals of the European banks and investors protected by these governments, as well as the supposed "collective interests" of the Concert. As the self-proclaimed "Curators of Turkey" they supervised and patronised the government of the Ottoman Empire, which they were expected to strengthen and stabilise through reforms agreed upon by the Great Powers, to ensure its continued existence under the informal, collective hegemony of the Concert. They were expected to do their utmost to maximise the economical and political influence of their respective governments in the Ottoman Empire, but also to prevent any open conflict between the rivalling Great Powers. Striving to fulfil these conflicting tasks, the ambassadors of the Great Powers in Constantinople generally acted as an international "collective organ", holding regular meetings and issuing collective declarations, suggestions and demands in the name of the European Concert. Apart from threats of political, economical or military pressure, the ambassadors, who – both individually and collectively – were among the most prestigious diplomats of the Great Powers, could also enforce their agreements through informal influence and networks of personal contacts, which they built through tenures in Constantinople that sometimes lasted for decades. Similar methods of informal influence allowed the ambassadors to address their own governments as an international collective of experts and to actively participate in the shaping of international politics. The Ambassadors' Conference was never formally constituted as an international organization through a treaty or any kind of written agreement. This informal character means that its modes of operation, its role within the system of international relations, its self-image and external perceptions of it can only be grasped and understood through an extensive case study. This thesis uses the Cretan Crisis and related problems of international politics between 1895 and 1898 for such a case study. It is based on extensive, international source material, which includes not only diplomatic correspondence, but also contemporary newspaper reports and the written memoirs of witnesses in an extensive qualitative text analysis. It shows how the ambassadors achieved remarkable successes in their mediation efforts on Crete in 1896 through unconventional methods, causing their governments to informally grant them an extraordinary degree of independence. This development culminated in 1897, when the attempts of the Ambassadors' Conference to turn itself into a collective "board of directors" managing an institutionalized Great Power condominium over the Ottoman Empire failed spectacularly. Between 1897 and 1898 the ambassadors suffered additional failures, which were rooted in their own, exaggerated claims for power, the insufficiently defined institutional hierarchies of the European Concert, but also in the inherent arrogance and "Orientalism" of the ways they treated the clients of their mediation efforts, as well as in various personal, institutional and international rivalries. When international cooperation on Crete collapsed in 1898, not only the Ambassadors’ Conference, but also the very idea of international conflict mediation through diplomatic collective organs were politically discredited. Based on the methods of a "New Diplomatic History", which favours researching government and non-government diplomats in the context of international organizations and networks, this thesis is meant to open a previously neglected field of research, which can contribute to a better understanding of the development of norms and regulations in pre-1914 international relations.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Ambassadors' Conference Crete Cretan Crisis Ottoman Empire New Diplomatic History Concert of Powers European Concert Imperialism Orientalism
Schlagwörter
(Deutsch)
Botschafterkonferenz Kreta Kretakrise Osmanisches Reich Neue Diplomatiegeschichte Konzert der Großmächte Europäisches Konzert Imperialismus Orientalismus
Autor*innen
Andreas Rathberger
Haupttitel (Deutsch)
"Das beste Mittel, das wir zur Verfügung haben" oder "eine Schande für uns Europäer"?
Hauptuntertitel (Deutsch)
Die Botschafterkonferenz von Konstantinopel als Kollektivorgan des Konzerts der Großmächte und die Kretakrise 1895 - 1898
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
412 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Marija Wakounig ,
Arnold Suppan
Klassifikationen
15 Geschichte > 15.06 Politische Geschichte ,
15 Geschichte > 15.07 Kulturgeschichte ,
15 Geschichte > 15.08 Sozialgeschichte ,
15 Geschichte > 15.36 Europäische Geschichte 1815-1914 ,
15 Geschichte > 15.68 Türkei ,
15 Geschichte > 15.69 Griechenland ,
15 Geschichte > 15.70 Balkanstaaten ,
15 Geschichte > 15.76 Vorderer und mittlerer Orient
AC Nummer
AC11061523
Utheses ID
26495
Studienkennzahl
UA | 092 | 312 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1