Detailansicht

„Die Fliege sitzt nicht an der Wand, sie schwimmt in der Suppe“
der autoethnografische Dokumentarfilm Spaniens als Produkt und Spiegel digitaler Subjektkulturen
Hanna Hatzmann
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Jörg Türschmann
Volltext herunterladen
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.29750
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30072.55102.943062-4
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Im Zentrum des Forschungsvorhabens stand die Untersuchung neuer Subjektivitäten im Dokumentarfilm. Untersuchungsobjekte sind Filme an der Grenze zwischen bildender Kunst und Dokumentarfilm mit Produktionsort Spanien, die in einem autobiografischen Zusammenhang entstanden sind, also in der ersten Person erzählt werden. Selbstbefragung verbinden die Regisseure und Regisseurinnen der behandelten Filme häufig mit der Reflexion über den „familiären“ Anderen, ihre Eltern und Großeltern. Das Forschungsinteresse lag auf den Fragen, was die subjektive Wende im spanischen Dokumentarfilm hervorgerufen hat, welcher Rolle die Narration als Modell der Welterfassung im digitalen Dispositiv spielt und wie sich 1st Person Filme zu den utopischen Ansprüchen des Dokumentarfilmgenres positionieren. Entscheidend erschien mir dabei die Wechselwirkung zwischen dem in den Dokumentarfilmen selbst durch Form und Inhalt repräsentierten Subjekt mit den lokalen und globalen Subjektivierungsformen des aktuellen Kreativitätsdispositiv einerseits und der Eigenmacht des digitalen Medienapparats andererseits. Die analysierten Filme sind nicht nur individueller Spiegel für den/die Künstler_in, sondern zugleich Fenster auf eine Zeitgenossenschaft, auf die Konstruktionsweisen und Praktiken eines Subjekttyps und seiner Antisubjekte. 6 Fallanalysen fokussieren auf folgende Filme: El cielo gira (2004) von Mercedes Álvarez, Retrato (2005) von Carlos Ruiz, Bucarest, la memoria perdida (2008) von Albert Solé, Nadar (2008) von Carla Subirana, Color perro que huye (2011) von Andrés Duque und Los materiales (2010) vom Kollektiv Los hijos. Ergänzt werden die mit einem filmwissenschaftlichen und kultursoziologischen Instrumentarium durchgeführten Filmanalysen durch einen Selbstversuch: die Beschreibung und Kontextualisierung eines autoethnografischen Workshops der Künstlerin Virginia Villaplana zu Mediabiografía, an dem ich im Februar 2010 im MNCARS teilgenommen habe. Ein signifikanter inhaltlicher Schwerpunkt der untersuchten Filme betrifft die Aufarbeitung unterdrückter Gegenerinnerungen der spanischen Zeitgeschichte. Ein Schlüssel zum Verständnis des eigenen Selbst ist die Auseinandersetzung mit dem Schweigen über vergangene Ereignisse, die den Nachkommen über „the language of the family, the language of the body“ (Hirsch 2008: 112) dennoch vermittelt wurden. Der Vergangenheit wird Ende der 2000er Jahre, im Gegensatz etwa zum Kino der Ursprünge des beginnenden Jahrtausends (vgl. El cielo gira), nicht mit Nostalgie begegnet. Es dominiert vielmehr die Suche nach vergessenen Handlungsanleitungen für das Heute. Die Gegengeschichte zu institutionalisierten Bildern der medialisierten Memoria kich (vgl. López 2006) soll in einem historischen Moment zurückerobert werden, wo Spanien vor den Trümmern seiner Leiterzählungen steht, die das Land seit Francos Tod geprägt haben. Auf formaler Ebene entwickelt sich die Datenbank als die Strukturierungsform, die dem Postsujeto (vgl. Català/Viverós 2010) der Spätmoderne möglicherweise mehr entspricht, als die Narration. Die Möglichkeiten eines anti-narrativen Kinos der Datenbank werden gerade erst getestet. Verbunden mit den erwähnten Entwicklungen ist eine Privilegierung des Experiments mit der Wirkung der einzelnen Bestandteile des Filmtexts und eine „Ästhetik der Lücke“: Zwischen den Bildern, in den Leerstellen des audiovisuellen Texts, findet sich Raum für das Utopische, das aber wie in der Urdefinition des Begriffs ein Nicht-Ort bleibt, der erst definiert werden muss. Zusammenfassend produziert der autoethnografische Dokumentarfilm ein fragmentiertes, flüssiges Subjekt „im freien Fall“: Nicht Chronologie, sondern die Gleichzeitigkeit verschiedener Kanäle des Ichs, die sich auch wiedersprechen können, ist charakteristisch.
Abstract
(Englisch)
This research focuses on new subjectivities in contemporary Spanish documentary film. The object of the analysis are films at the boundary of videoart and cinema, produced in Spain and characterized by an autobiographical background. They share an ethnographic look on the familiar other, such as the own parents or grandparents, as a means of approaching the own self and identity. The main research questions of this thesis are 1) what has caused the subjective turn in contemporary Spanish documentary film, 2) what is the role of narrative when understanding the world within a digital paradigm and 3) how does the subjective turn accomodate the utopian origins of the documentary genre. The analysis focuses on the tension between the subject represented and produced in the filmic text and its local and global forms of subjectification on the one hand and the characteristics of New Media on the other hand: The films chosen as case studies are more than a mirror turned on the artists’ identity as an individual. They are also a reflection of contemporary modes of filmic and societal construction as well as practices of subjectivities and their anti-subjects. 6 case studies cover the following films: El cielo gira (2004) by Mercedes Álvarez, Retrato (2005) by Carlos Ruiz, Bucarest, la memoria perdida (2008) by Albert Solé, Nadar (2008) by Carla Subirana, Color perro que huye (2011) by Andrés Duque and Los materiales (2010) by Los hijos. The methodology of the thesis is a detailed film analysis complemented by an autoethnographical self-experimentation: the description and contextualisation of my participation in an autoethnographic workshop by Virginia Villaplana in the MNCARS in February of 2010. The narration of silenced counter memories of recent spanish history is a theme present in a majority of the case studies. The filmmakers seek to find a way to selfunderstanding by artistically approaching the postmemorial heritage of their families, transmitted by „the language of the family, the language of the body“ (Hirsch 2008: 112). Contrary to the so called „cinema of origins“ of the beginning millenium (see El cielo gira), more recent productions renounce approaching the past in a nostalgic way. What moves the filmmakers is understanding and approaching present problems, using forgotten strategies of past generations. A shared aspiration is to write a counter narrative to the institutionalized images of the memoria kich propagated by the mass media (see López 2006). This way of filmic narration is considered subversive in a context where Spain encounters a profound national crisis with the masternarratives of the Spanish democracy after 1975 being thoroughly dismantled. On a formal level, the data base replaces narration as the new approach of the postsujeto (see Català/Viverós 2010) to the surrounding reality. The possibilities of an anti-narrative cinema of the database are yet to be fully explored. The experiment with single components of a filmic text and the esthetic of the gap are part of this new narrative: between images, inbetween the audiovisual text, there is space for utopia – just as in the original deifnition of the concept as a non-place, still to be defined. The contemporary autoethnographic documentary thus produces a manufactured (see Bruss 1980), liquid subject „in free fall“ that is based not on chronologies but on the simultaneity of sometimes contradictory subjectivities.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Documentary Film Spain Cultural Sociology New Documentary Subject History Digitality New Media Videoart Postdocumentary Film Studies New Documentary Memory
Schlagwörter
(Deutsch)
Dokumentarfilm Spanien Subjektulturen Kultursoziologie Zeitgeschichte Digitalität Neue Medien Videokunst Postdocumentary Filmwissenschaften Landeswissenschaft Neuer Dokumentarfilm Erinnerung Gedächtnispolitik
Autor*innen
Hanna Hatzmann
Haupttitel (Deutsch)
„Die Fliege sitzt nicht an der Wand, sie schwimmt in der Suppe“
Hauptuntertitel (Deutsch)
der autoethnografische Dokumentarfilm Spaniens als Produkt und Spiegel digitaler Subjektkulturen
Paralleltitel (Englisch)
„The Fly is Not on the Wall, it’s in the Soup.“ - Digital Subjectivities in Spanish Autoethnographic Documentary Filmmaking.
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
339 S. : zahlr. Ill., graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Jörg Türschmann ,
Brigitte Marschall
Klassifikationen
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.31 Spanische Sprache ,
20 Kunstwissenschaften > 20.05 Kunst in Beziehung zu anderen Wissenschaftsgebieten ,
21 Malerei > 21.98 Mediale Kunst ,
24 Theater, Film, Musik > 24.34 Filmgattungen, Filmsparten ,
71 Soziologie > 71.52 Kulturelle Prozesse ,
73 Ethnologie > 73.50 Kultureller Wandel
AC Nummer
AC11410797
Utheses ID
26525
Studienkennzahl
UA | 092 | 236 | 352 |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1