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"Europa" als historisches Argument
Fortschrittsnarrative, Zivilisierungsmissionen und Bollwerkmythen als diskursive Strategien polnischer und ukrainischer Nationalhistoriker im habsburgischen Galizien
Burkhard Johannes Wöller
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Burkhard Wöller
DOI
10.25365/thesis.30776
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29770.63688.688866-7
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
In dieser Arbeit wird der Europa-Diskurs in der polnischen und ruthenischen (ukrainischen) Geschichtsschreibung im habsburgischen Kronland Galizien im Zeitraum von ca. 1830 bis 1918 untersucht. Es wird ausgegangen von der These, dass das in den verschiedenen Geschichtsdarstellungen vorgenommene mental mapping „Europas“ eine wesentliche identitätsstiftende und nationsbildende Funktion erfüllte. Im Vordergrund steht die Frage, auf welche Weise „Europa“ von den galizischen Historikern konstruiert und für nationale Zwecke instrumentalisiert wurde.
Diese in der Europa- und Nationalismusforschung angesiedelte Studie leistet somit einen wesentlichen Beitrag zur bislang kaum erforschten Funktion von Europa-Bildern in der Geschichtsschreibung. Ihr komparatistisch und transfergeschichtlich ausgerichteter Ansatz vermag insbesondere die aktuelle polnische und ukrainische Historiografieforschung zu bereichern. Zu Beginn der Arbeit wird ein konziser Überblick über die organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen für die Entwicklung der geschichtswissenschaftlichen Forschung sowie der Lehre und Popularisierung von Geschichte in Galizien gegeben. In den anschließenden Kapiteln erfolgt eine historische Diskursanalyse der verschiedenen Aspekte und Funktionalisierungen „Europas“ in den nationalen Geschichtsnarrativen.
Der historiografische Europa-Diskurs in Galizien manifestierte sich entlang drei eng ineinander verschränkter Diskursstränge: in Fortschrittsnarrativen, Zivilisierungskonzeptionen und Bollwerkmythen. Historiker instrumentalisierten Kategorien wie „Fortschritt“ und „Rückständigkeit“, um die Teilnahme der eigenen Nation im „europäischen Fortschrittsprozess“ zu belegen. Sie erkannten in der Nationalgeschichte bestimmte „Missionen“ zur „Zivilisierung“ des „Ostens“, welche die besonderen Verdienste des eigenen Volkes in der Verbreitung „europäischer Kultur“ aufzeigen sollten. Schließlich etablierten sie Mythen von der eigenen Nation als „Bollwerk Europas“, das sich ihrer Meinung nach in der Geschichte stets durch die Verteidigung der „europäischen Zivilisation“ gegen feindliche Angriffe aus „Asien“ hervorgetan hatte. In den polnischen und ruthenischen Meistererzählungen fungierte „Europa“ somit als wichtiges historisches Argument, da es half, eine eigene nationale Identität zu bestimmen und diese im sich zuspitzenden polnisch-ruthenischen Nationalitätenkonflikt zu behaupten. Außerdem konnte auf diese Weise nationalen Ansprüchen auf einen ebenbürtigen und gleichberechtigten Platz in der „europäischen Völkerfamilie“ Ausdruck verliehen werden.
Die im polnischen romantischen Geschichtsdenken lange Zeit vorherrschende Auffassung von einer Mittelposition Polens „zwischen Osten und Westen“ wurde ab der Mitte der 1860er Jahre durch die Vorstellung vom „westlichen Charakter“ Polens abgelöst. Eine solche Verortung Polens in der „westeuropäischen“ Geschichte wurde in der polnischen Historiografie nun grundsätzlich nicht mehr infrage gestellt; eine Identifikation mit dem „Osten“ diente allenfalls zur Vereinnahmung der ehemaligen ruthenisch-litauischen Grenzgebiete („Kresy“) als „eigener Osten“. Im Gegensatz dazu diente das in der ruthenischen Geschichtsschreibung sowohl von Russophilen als auch von Ukrainophilen fast das gesamte 19. Jahrhundert lang geprägte Selbstverständnis der eigenen „Östlichkeit“ als Abgrenzungsstrategie gegenüber einem mit Polen gleichgesetzten „Westen“. Im Zuge einer verstärkten Ausrichtung der ruthenischen Geschichtsschreibung auf den gesamtukrainischen Kontext ab den 1890er Jahren setzte sich jedoch allmählich die Vorstellung von der Ukraine „zwischen Osten und Westen“ durch, die der Notwendigkeit einer Distanzierung nicht nur vom polnischen, sondern auch vom russisch-nationalen Diskurs Tribut zollte. Vor dem Hintergrund der zweimaligen russischen Okkupation von Teilen Galiziens im Ersten Weltkrieg erreichten historiografische Instrumentalisierungen „Europas“ schließlich ihren Höhepunkt. Sowohl in der polnischen als auch in der ukrainischen Geschichtspropaganda wurde nun die eigene Zugehörigkeit zum „Westen“ im Gegensatz zum „asiatischen“ Russland hervorgehoben.
Abstract
(Englisch)
This work examines the discourse on “Europe” in Polish and Ruthenian (Ukrainian) historiography in the Habsburg crownland Galicia (ca. 1830-1918). The analysis is based upon the thesis that mental mapping strategies found in historical narratives fulfilled major nation-building functions. The main question is how Galician historians constructed „Europe“ and in which manner they utilized it to pursue national goals.
Being rooted in the field of European and nationalism studies, this work makes a significant contribution to the research on images of “Europe” and their function in national historiography. Following approaches of comparative and transfer analysis, the study adds to Polish and Ukrainian research on historiography. The introductory chapter gives a concise overview of the organizational and institutional framework for the development of historical research, and describes the way history was taught and popularized in Galicia. The following chapters analyze the various aspects and strategies of implementing “Europe” in national historical narratives.
In the different historical works, “Europe” presents itself along three interdependent lines of discourse, such as “progress”, “civilizing missions” and “bulwark myths”. Historians utilized categories such as “progress” and “backwardness” to prove that their own nation was part of the “European process of progress”. In addition, they identified certain historical „civilizing missions“ which were meant to emphasize the own nation’s outstanding achievements in spreading “European culture” to the “uncivilized East”. Finally, they acknowledged the nation’s role as a “bulwark of Europe” which in their opinion had excelled in defending “European civilization” against “hostile Asia”. Thus, “Europe” served as an important historical argument in Polish and Ruthenian master narratives, helping to assert national identity in the prevailing Polish-Ruthenian nationality conflict and to claim the nation’s right to an equal place in the “community of European nations”.
Up to the 1860s, Polish Romantic historical thought was dominated by the general notion of Poland’s position “between East and West”. Afterwards, the conception of Poland’s “Western character” and its place in “Western European history” gained in importance. The reference to the former Lithuanian-Ruthenian borderlands (“kresy“) as “the own East” served only to claim their affiliation with the Polish nation. In contrast, both Russophile and Ukrainophile Ruthenian historians formulated “Easternness” as a decisive trait of the own national character distinguishing it from Polish “Westernness”. As Ruthenian historiography began to focus more on an All-Ukrainian perspective in the 1890s, historians developed the idea of Ukraine “between East and West” due to the growing need to differentiate their history not only from Polish but also from Russian national narratives. Against the backdrop of two occupations of Eastern Galicia by Russian troops during World War I, the use of „Europe“ in historiographical debates peaked. Both Polish and Ukrainian historical propaganda now stressed the own affiliation with the „West“ in contrast to „Asian“ Russia.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Galicia Polish Ukrainian Ruthenian historiography mental mapping discourse analysis 19th century Europe East West
Schlagwörter
(Deutsch)
Galizien polnisch ukrainisch ruthenisch Geschichtsschreibung Historiografie mental mapping Diskursanalyse 19. Jahrhundert Europa Osten Westen
Autor*innen
Burkhard Johannes Wöller
Haupttitel (Deutsch)
"Europa" als historisches Argument
Hauptuntertitel (Deutsch)
Fortschrittsnarrative, Zivilisierungsmissionen und Bollwerkmythen als diskursive Strategien polnischer und ukrainischer Nationalhistoriker im habsburgischen Galizien
Paralleltitel (Englisch)
"Europe" as a historical argument ; progress, civilizing missions and bulwark myths as discursive strategies of Polish and Ukrainian national historians in Habsburg Galicia
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
445 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Burkhard Wöller
AC Nummer
AC11845315
Utheses ID
27405
Studienkennzahl
UA | 792 | 243 | |
