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Die Anfänge des westlich orientierten Literaturtheaters im Osmanischen Reich
Gina Maksan
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Stefan Hulfeld
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.30959
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30333.38914.553266-7
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Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Sowohl in der Türkei als auch in Europa wurde eine theaterwissenschaftliche Aufarbeitung der Anfänge des westlich orientierten Literaturtheaters im Osmanischen Reich bis dato geringfügig erforscht. Diese Diplomarbeit versucht deshalb die Genese des türk tiyatrosu, wie das Literaturtheater auch genannt wird, zwischen 1858 und 1873 nachzuzeichnen. Im Fokus der Untersuchungen liegt dabei das Gedikpașa Tiyatrosu als Beispiel eines der ersten feststehenden Theaterhäuser in İstanbul, dem kulturellen Zentrum des Landes. Es werden hierfür die (theater)historischen Voraussetzungen respektive gesellschafts-politischen Umstrukturierungen des Tanzîmât (1839-1873) näher erörtert, die das Aufkommen des Literaturtheaters nach westlichem Vorbild im Osmanischen Reich ermöglichten. Zudem werden Aufführungspraxis und Spielästhetik am Gedikpașa Tiyatrosu besprochen und die Werke der ersten osmanischen Literaten vorgestellt. Das Theaterwesen im 19. Jahrhundert profitierte von den sogenannten Tanzîmāt Fermanı - Reformbestrebungen auf militärischer, sozio-politischer und pädagogischer Ebene. Innen- und außenpolitische Krisen, die das Osmanische Reich ab 1683 (Belagerung Wiens) beutelten, zwangen die Sultane, sich dem Westen zu öffnen und den Staat zu konsolidieren. Als Folge der Tanzîmāt Fermanı gab es einen regen internationalen diplomatisch/wirtschaftlichen Austausch, der ausländische Schauspieltruppen an den Bosporus zog. Hier hatten sie in den Botschaftsgebäuden ihrer Landesvertretungen, teilweise aber auch unter den Augen der osmanischen Herrscherfamilien Gastauftritte. Zudem entstanden provisorische Hoftheater, in denen westliche (Musik)Theaterstücke gegeben wurden. Auch die neue osmanische Bürgerschicht förderte das europäische Theaterwesen außerhalb des Hofes und den Botschaften in ihren Bürgerhäusern („konak“). Daneben emanzipierten sich die ethnischen Minderheiten des Vielvölkerstaates - vor allem die Armenier - auf kulturellem Gebiet und begannen, sich professionell dem westlichen Theater zu widmen. Armenische Schauspielensembles wie die Șark- und Naum Tiyatrosu wurden gegründet, europäische Theatertexte ins Armenische übersetzt und erste armenischsprachige Theatertexte geschrieben. Unter der zehnjährigen Intendanz des Armeniers Güllü Agop am Gedikpașa Tiyatrosu wurden dort ab 1869 von der Tiyatro-i Osmanî Kumpanyası 97 armenischsprachige Dramen, 100 Übersetzungen/Adaptionen französischer, italienischer und deutscher Dramatiker und erste osmanische Originaldramen gespielt. In der armenischen Schauspieltruppe spielten neben christlichen Schauspielern auch erstmals Schauspielerinnen. Aufgrund mangelnder Ausbildungsmöglichkeiten und Führungspersönlichkeiten kamen sie aber kaum über das Können eines Laienschauspielers hinaus. Darum wurden ihnen in Zeitungskritiken vor allem eine schlechte osmanische Aussprache und mangelnde Professionalität im Umgang mit dem Dramentext vorgeworfen. Zeitungen spielten eine entscheidende Rolle bei der Installierung des westlich orientierten Literaturtheaters im Osmanischen Reich, denn als Medium war es der Zeitung möglich, eine große Masse an Menschen anzusprechen. Es war somit ein ideales pädagogisches und werbepsychologisches Mittel für osmanische Herrscher, Intellektuelle, ethnische Minderheiten und Theatermänner. So wurden die ersten osmanischsprachigen Zeitungen von Literaten wie Namık Kemal oder İbrahim Șinasi herausgegeben. Etliche osmanische Theaterstücke wie Kemals „Vatan yahut Silistre“ oder İbrahim Șinasis „Șair evlenmesi“ wurden vor der szenischen Umsetzung auf der Bühne als Serie („tefrika“) in Zeitungen veröffentlicht und besprochen mit dem Ergebnis, dass einige Schriftsteller wegen des geschriebenen Wortes von der reaktionären Regierung als Revolutionäre ins Exil verbannt wurden. Das 19. Jahrhundert als „letztes osmanisches Jahrhundert“ war eines der interessantesten und komplexesten (theater)geschichtlichen Epochen, die das Osmanische Reich durchlebte. In ihm begann die Auseinandersetzung mit der Moderne auf politischer, gesellschaftlicher und künstlerischer Ebene. Dieser Ein- und Überblickblick in diese theatergeschichtliche Epoche des von Europa beeinflussten türk tiyatrosu im Osmanischen Reich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist einer der ersten im deutschsprachigen Raum.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Literaturtheater Osmanisches Reich
Autor*innen
Gina Maksan
Haupttitel (Deutsch)
Die Anfänge des westlich orientierten Literaturtheaters im Osmanischen Reich
Publikationsjahr
2013
Umfangsangabe
136 S. : Ill., graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Stefan Hulfeld
Klassifikation
24 Theater, Film, Musik > 24.06 Theatergeschichte
AC Nummer
AC11670935
Utheses ID
27547
Studienkennzahl
UA | 317 | | |
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