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Das Dublin-System
aktuelle Entwicklungen nach richtungsweisenden Gerichtsurteilen
Katrin Leirich
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Stefan Brocza
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.31186
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30483.87381.537162-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die Frage der Zuständigkeit für Personen, die einen Antrag auf internationalen Schutz in der Europäischen Union stellen, beschäftigt die Mitgliedstaaten schon seit langem. 2003 wurde die Verordnung (EG) Nr. 343/2003 (Dublin-II-Verordnung) verabschiedet, um die Zuständigkeit nach einem bestimmten Kriterienkatalog festzulegen. Schon bald wurde erkannt, dass diese Kriterien erstens von den Mitgliedstaaten unterschiedlich ausgelegt wurden und zweitens dadurch zu einer Überlastung von gewissen EU-(Grenz-)Staaten führten. Vor allem das griechische Asylsystem konnte die große Anzahl an Asylsuchenden nicht bewältigen, wodurch menschenrechtsverletzenden Zustände entstanden. Dies wurde durch die gängige Praxis, jene Staaten für zuständig zu erklären, die für die Einreise der Asylsuchenden verantwortlich sind, verstärkt. Diese unwürdigen Zustände wurden immer wieder von UNHCR und NGOs aufgezeigt, doch die Überstellungen nach Griechenland hielten an. Doch auch die Europäische Kommission erkannte die Missstände, die nicht nur Griechenland, sondern in weiterer Folge ebenfalls die Dublin-II-Verordnung an sich, betrafen. Daher stellte die Europäische Kommission 2008 einen Vorschlag zur Neufassung dieser Verordnung vor. Nach einem langen Gesetzgebungsprozess wurde die Verordnung (EU) Nr. 604/2013 (Dublin-III-Verordnung) schlussendlich im Juni 2013 verabschiedet. Innerhalb dieser fünf Jahre verschlimmerten sich die Zustände in Griechenland zusehends, wodurch sich immer mehr Asylsuchende an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wandten, um so Überstellungen vom jeweiligen Aufenthaltsland nach Griechenland, aufgrund der dort herrschenden Verletzungen der Europäischen Menschenrechtskonvention, unterbinden zu lassen. Im Jänner 2011 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Fall M.S.S. v. Belgien und Griechenland, dass die Zustände in Griechenland eine Verletzung des Art. 3 und des Art. 13 der Europäischen Menschenrechtskonvention darstellen. Doch nicht nur Griechenland hat die Konvention verletzt, sondern auch der überstellende Staat Belgien wurde verurteilt, da dieser trotz der zahlreichen Berichte über menschenrechtsverletzende Zustände den Asylsuchenden nach Griechenland überstellt hat. Belgien hätte zuvor überprüfen müssen, ob in Griechenland die Rechte des Asylsuchenden gewahrt werden. Im selben Jahr urteilte der Europäische Gerichtshof in den verbundenen Rechtsachen C-411/10 und C-493/10, dass EU-Mitgliedstaaten nicht automatisch sichere Drittstaaten sein müssen und somit keine unwiderlegbare Vermutung hinsichtlich dieser Annahme besteht. Die überstellenden Länder müssen die Asylsysteme der Zielländer auf systemische Mängel prüfen. In Ländern mit systemischen Mängeln darf nicht überstellt werden. Diese beiden Urteile wurden als richtungsweisend für die Zukunft der Dublin-Verordnung betrachtet. Aufgrund dieser Ereignisse untersucht diese Diplomarbeit die Forschungsfrage, welche Auswirkungen diese Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte und des Europäischen Gerichtshofs auf den weiteren Umgang mit Überstellungen aufgrund der Dublin-II-Verordnung und auf die Entwicklung der Dublin-III-Verordnung hatten. Dazu wird zuerst ein Augenmerk auf die Dublin-II-Verordnung und deren Anwendungsfolgen geworfen. In weiterer Folge werden die genauen Schritte des Gesetzgebungsprozesses, beginnend mit dem Vorschlag der Europäischen Kommission in 2008 bis hin zur Verabschiedung der Dublin-III-Verordnung 2013, genau nachverfolgt. Am Ende folgt noch eine Analyse der inhaltlichen Veränderung von der Dublin-II-Verordnung zur Dublin-III-Verordnung. Im nächsten Kapitel werden die einzelnen Urteile und deren Begründung dargestellt, wobei anschließend die sofortigen Auswirkungen auf die Überstellungspraxen der Länder aufgezeigt werden. Anhand dieser Informationen lässt sich feststellen, dass die Urteile auf den Gesetzgebungsprozess an sich nur wenig Einfluss hatten, wobei durch die neue Verordnung versucht wird die bestehenden Mängel zu beheben und ein Frühwarnsystem für mangelhafte Asylsysteme eingeführt wurde. Somit strebt die EU nach einer qualitativen Verbesserung der Standards in den Mitgliedstaaten, um so Überstellungen in Asylsysteme mit systemischen Mängeln zu verhindern. Dieses Ziel verfolgten auch die beiden Urteile. Die Urteile hatten jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Überstellungspraxen nach Griechenland. Fast alle Länder setzten die Überstellungen gänzlich aus oder überprüften zumindest jeden Fall einzeln. Zudem wurden auch Überstellungen in andere Staaten mit mangelhaften Asylsystemen teilweise ausgesetzt. In diesem Fall entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2013, dass Überstellungen nach Italien und Ungarn trotz Mängel zulässig seien, da es sich nicht um systemische Mängel und somit um keine Verletzung der Menschenrechtskonvention handelt. Diese Urteile wurden mit Hinblick auf die erhofften Verbesserungen durch die Dublin-III-Verordnung getroffen Daher lassen sich auch hier keine direkten Auswirkungen feststellen, jedoch wird immer wieder Bezug auf die beiden Urteile von 2011 genommen. Diese haben die Diskussion über die qualitativen Standards in den nationalen Asylsystemen, sowie über das gemeinsame europäische Asylsystem wieder in den Vordergrund gerückt und die Europäische Union gezwungen Taten zu setzen.
Abstract
(Englisch)
The member states of the European Union have been concerned with the question which member state is responsible for applications of people who ask for international protection within the European Union for many years. 2003 the regulation (EC) No 343/2003 (Dublin-II-regulation) was adopted. This regulation defines certain criteria in order to identify which state is responsible for processing asylum cases. Soon it became clear that the member states interpreted the criteria in different ways and that some states (at the border of the EU) were overwhelmed with the amount of refugees in their countries. Especially the Greek asylum system was not functioning properly due to the large amount of asylum seekers. This led to a faulty system where violations of human rights occurred. The habit of member states sending asylum seekers back to Greece due to the Dublin-II-regulation aggravated the situation. UNHCR and NGOs published reports to point out the severe state of Greek’s asylum system. The European Commission recognized the deficits not only concerning Greece but also the Dublin-II-regulation itself. Therefore a proposal for a new version of this regulation was published in 2008. The ordinary legislative procedure took five years until the regulation (EU) No 604/2013 was finally adopted in 2013. Within these five years the situation in Greece deteriorated which led to lawsuits at the European Court of Human Rights. Asylum seekers wanted to stop transfers to Greece because they would suffer violations under the European Convention on Human Rights. In January 2011 the European Court of Human rights ruled on the case M.S.S. v. Belgium and Greece. Greece was convicted of a violation of article 3 and 13 of the European Convention on Human Rights and so was Belgium. Belgium did not follow its responsibility to check the Greek situation, if Greek was not violating any laws before the transfers were completed. In December 2011 the European Court of Justice (joined cases C-411-/10 and C-493/10) decided that there was no irrebuttable presumption that every EU-member state can be considered as a safe third country. The countries that want to execute a transfer have to make sure that there are no systemic deficiencies in the whole asylum system. There are no transfers allowed to states with systemic deficiencies. These two judgements were considered as landmark decisions for the future of the Dublin-regulation. All those events led to this thesis which analyzes the following research question: Which effects did the judgements of the European Court of Human Rights and of the European Court of Justice have on the transfer practice between member states as well as on the ordinary legislative procedure of the Dublin-III-regulation? In order to answer this question this thesis concentrates on two aspects. First, the Dublin-II-regulation and its effects on asylum seekers and on states were analyzed. The next chapter concentrates in detail on the ordinary legislative procedure which started with a proposal of the European Commission in 2008 and led to the adoption of regulation (EU) No 604/2013 in June 2013. To finalize this chapter the changes with regards to content from the Dublin-II-regulation to the Dublin-III-regulation were pointed out. Second, the judgements of the European Court of Human Rights and the European Court of Justice were examined concerning their reasons for decisions and their effects on transfer practices. All this information led to the conclusion that these judgements had only little effect on the ordinary legislative procedure. The new Dublin-III-regulation aims to improve the deficiencies and introduces a mechanism for early warning of faulty asylum systems and points out the importance of a common European asylum system. Therefore the EU as well as the two European Courts try to improve the situation for asylum seekers as well as the EU-member states. These judgements did affect the transfer practice to Greece tremendously. Almost all EU-member states stopped transferring asylum seekers to Greece or at least examined every case individually. Additionally some states stopped transfers to other countries with deficient asylum systems. The European Court of Human Rights decided 2013 in different occasions that transfers to Italy and Hungary are not a violation of the European Convention on Human Rights, because the asylum systems in those countries do not show systemic deficiencies. These newer judgements were made in consideration of the Dublin-III-regulations which should improve quality standards of the national asylum systems. The two judgements of 2011 emphasized the discussion of the importance of the quality standards and of the common European asylum system which forced the European Union to finally undertake some improving measures.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Dublin-II-regulation Dublin-III-regulation
Schlagwörter
(Deutsch)
Dublin-II-Verordnung Dublin-III-Verordnung Asylzuständigkeit
Autor*innen
Katrin Leirich
Haupttitel (Deutsch)
Das Dublin-System
Hauptuntertitel (Deutsch)
aktuelle Entwicklungen nach richtungsweisenden Gerichtsurteilen
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
134 S. : graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Stefan Brocza
Klassifikation
89 Politologie > 89.73 Europapolitik, Europäische Union
AC Nummer
AC11350535
Utheses ID
27736
Studienkennzahl
UA | 057 | 390 | |
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