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Panchayati Raj: ein Weg zu sozialer Gerechtigkeit?
Potentiale und Probleme von Lokaler Demokratischer Selbstregierung als entwicklungspolitischer Strategie, anhand der Lebenswelten von Frauen im ländlichen Indien
Laura Magenau
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Gerald Faschingeder
DOI
10.25365/thesis.31356
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29112.24875.133069-4
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Diese Arbeit wurde von dem Erkenntnisinteresse geleitet, ob das indische System lokaler de-mokratischer Selbstregierung – das Panchayati Raj – zur selbstbestimmten Verbesserung der Lebenswelten von traditionell diskriminierten sozialen Gruppen, im Falle dieser Arbeit von Frauen, beitragen kann. Vom konkreten indischen Kontext ausgehend, wollte ich mich an die dahinter liegende Frage herantasten, inwiefern institutionalisierte, partizipative Strukturen einen Weg aus sozialer Ungleichheit und zu sozialer Gerechtigkeit darstellen könnten.
Die Erkenntnis der strukturellen Dimension sozialer Ungleichheit veranlasste zur Annahme, dass ein sozialer Wandel nur dann geschehen könne, wenn Strukturen des Systems, und zwar Tiefenstrukturen sowie institutionalisierte Strukturen, verändert würden. Ebenso ist aber zent-ral, dass Strukturen mit AkteurInnen in einem dialektischen Verhältnis stehen und es also einen Ansatz auf beiderlei Ebenen brauche, um sozialen Wandel zu initiieren.
Als Umsetzungsmöglichkeit eines solchen Ansatzes erkannte ich „partizipative Strukturen“, die durch strukturelle Veränderungen mehr Handlungsmöglichkeiten für AkteurInnen eröff-nen, um selbstbestimmt den Wandel zu gestalten. In diesem Sinne erschien das Panchayati Raj interessant und inspirierend, da es durch Dezentralisierung und Demokratisierung mehr Partizipation, Inklusion und Ermächtigung der Menschen in den Dörfern Indiens anstrebt. Vor diesem Hintergrund stellt die Realität des Panchayati Raj auch eine Erkenntnisquelle für den „Entwicklungsdiskurs“ sowie den „Demokratiediskurs“ dar und so wurde die Arbeit in diesen theoretischen Bezugsrahmen gesetzt.
Der Frage nach den Potentialen eines solchen Ansatzes, ging ich durch eine qualitative For-schung im indischen Bundesstaat Karnataka nach. Während ich mir von Gesprächen mit Re-präsentantinnen der Dorfregierungen Einblicke in deren Wahrnehmung, Umgang und die Auswirkung des Panchayati Raj auf ihre Lebenswelt erhoffte, sollten Gespräche mit Frauen-Selbsthilfegruppen selbiges aus dem Blickwinkel der „Zivilgesellschaft“ beleuchten.
Das Eintauchen in die Lebenswelten meiner Gesprächspartnerinnen ermöglichte mir schließ-lich zu erkennen, dass partizipativen Strukturen nicht automatisch eine „Entwicklung von unten“ anregen können, da der lokale Kontext voller Tiefenstrukturen sozialer Ungleichheit und Machtverhältnissen es erschwert, dass Akteurinnen diese Möglichkeit wahrnehmen kön-nen. Darüber hinaus zeigte sich, dass eine „von oben“ gestaltete partizipative Struktur immer Machtstrukturen repräsentieren und reproduzieren würde und nie einen absoluten fairen Handlungsrahmen im Sinne Rawls ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ sein könne.
Doch auch wenn meine Gesprächspartnerinnen mit den Barrieren der Genderdiskriminierung, des Kastismus, der weit verbreiteten Korruption und dem Klientelismus zu kämpfen hatten, so schafften es manche, sehr beeindruckende Verbesserungen in der Infrastruktur ihrer Dörfer durchzuführen. Inwiefern dies aber auch einen Wandel der Tiefenstrukturen ihrer „Ungleich-heit“ darstelle, inwiefern ein Emanzipationsprozess der Frauen vor sich ging, blieb zu hinter-fragen, da dies nicht Thema ihrer Aktivitäten im Panchayati Raj zu sein schien.
Vielleicht weil der Leidensdruck am Mangel an Ressourcen so stark war, vielleicht weil die Tiefenstrukturen der Diskriminierung ihre Problemwahrnehmung verschleiert hatten, vielleicht weil es aus ihrer innigen und von Abhängigkeit geprägten Beziehung zur Familie und ihrer Rolle darin nur Schmerz verursachen würde, aufzubegehren, und schließlich weil das Aufbegehren sehr schnell auch bedrohliche Folgen haben könnte – strebten sie nicht nach „Emanzipation“, sondern nach Verbesserungen der Infrastruktur für ihr Dorf.
Doch so wie eine institutionelle Struktur Momente entfaltet, in denen AkteurInnen hand-lungsunfähig und „Reproduzenten“ der Tiefenstrukturen werden, so kann eine neue Struktur auch Momente entfalten, in denen AktuerInnen zu neue Handlungen inspiriert werden.
Und diese Momente konnte ich ebenfalls wahrnehmen, wenn ich Gesprächspartnerinnen ge-genüber saß, die mir von ihrem Glück berichteten, durch ihre Funktion im Gram Panchayat eine neue Welt außerhalb des Hauses entdeckt zu haben, eine neue, selbstbewusste Kommu-nikation erlernt zu haben, und wohl ein neues Selbstwert- und Wirksamkeitsgefühl.
Dieser „Lernprozess“ im Rahmen der partizipativen Struktur schien besonders dann stattzu-finden, wenn die Frauen auf dem neuen Weg, auf dem sie sich unverhofft wiederfanden, un-terstützend begleitet wurden (im Fall dieser Arbeit von einer NGO).
Die Forschung ergab also, dass eine partizipative Struktur zwar einen vereinenden Ansatz auf Strukturebene und Akteursebene darstellt, dabei aber nicht automatisch die transformative Kraft beider Ebenen aktiviert. So erscheint es wichtig, dass eine partizipative Struktur durch direkte „Interventionen“ auf der Ebene der AkteurInnen (zum Beispiel durch kontextsensible, alternative Bildungskonzepte) sowie durch direkte Maßnahmen der Umverteilung „von oben“ und schließlich durch aktive Stellungnahme im diskursiven Raum zu diesem Thema, begleitet wird. Und so schließe ich diese Arbeit mit der Zuversicht, dass partizipative Strukturen als EIN Weg in Begleitung vieler anderer Wege, ganz in Amartya Sens Sinn, zu sozialer Gerech-tigkeit beitragen können, da Akteurinnen in partizipativen Strukturen eine transformative Kraft entwickeln, sofern sie in diesem Sinne unterstützt werden – und nur das kann der Be-ginn von sozialem Wandel sein.
Abstract
(Englisch)
This thesis was driven by the question of whether the Indian system of local democratic self-government – the Panchayati Raj – can contribute to a self-determined improvement of the lives of traditionally discriminated social groups – in the case of this thesis, women. Starting with this specific Indian context, I wanted to approach the underlying question, to which ex-tent institutionalised, participatory structures can constitute a way out of social inequality, and towards social justice.
Recognising the structural dimension of social inequality lead to the supposition that social change could only be achieved, if structures of the system – deep and institutionalised struc-tures – could be changed. Just as central, however, is the fact that structures and actors are dialectically related to each other, and that it would require an approach on both levels to ini-tiate social change.
I recognised “participatory structures” as a possible implementation of such an approach, be-cause they make use of structural changes to open up more possibilities for the actors to craft and shape the change they require. The Panchayati Raj seemed interesting and inspiring in this respect, because it strives for more participation, inclusion and empowerment of people in the villages of India, through decentralisation and democratisation. Against this background, the reality of the Panchayati Raj can also provide a source of insight for the “development discourse” and the “democracy discourse” – thus the thesis was placed in these theoretical frames of reference.
I explored the potentials of such an approach by qualitative field research in the Indian state of Karnataka. From interviews with women representatives of these village governments I hoped to gain insight into their perception of, and contact with, the Panchayat Raj, as well as into its influence on their lives. I hoped that talks with women self-help groups, meanwhile, would shed light on the same questions, but from the perspective of “civil society”.
This immersion into the lives of my interview partners eventually allowed me to recognise that participatory structures can’t automatically stimulate “bottom-up development”, because the local context – full as it is of deeply underlying structures, social inequality and asymmetric relationships of power – makes it very difficult for women actors to make use of this pos-sibility. What is more, it became evident that a participatory structure crafted from the “top-down” would always represent and reproduce structures of power, and could never provide an absolutely fair setting in the sense of Rawls ‘Justice as Fairness’.
But even if my interview partners faced barriers of gender discrimination and castism, and had to contend with widespread corruption and clientilism, some of these women nevertheless were able to achieve remarkable improvements to the infrastructure of their villages. To which extent this also constituted a change to the deeply underlying structure of their “inequality”, and whether it signified a process of emancipation, remained to be questioned, because this did not appear to be relevant to their activities in the Panchayati Raj.
Be it because their distress from lack of resources was so high, be it that deep structures of discrimination had clouded their perception of problems, be it that revolt against systemic structures would be too painful in light of their deep and dependent relationship to their fami-lies, and their roles therein, or be it lastly that such revolt could quickly have menacing con-sequences – these women did not strive for emancipation, but merely for improvements to the infrastructure of their villages.
But just as an institutionalised structure can take on a momentum in which the actors are in-capable of action and become “reproducers” of the deeply underlying structures, so can a new structure develop a momentum that can inspire the actors to new actions.
I was able to experience these moments as well, when sitting opposite interview partners who told me about their good fortune to have discovered, through their functions in the Gram Pan-chayat, a new world outside of their houses, a new self-confidence in their communication, and also a new feeling of self-esteem and self-efficacy.
This “learning process” within the framework of the participatory structure appeared to take place particularly whenever women were accompanied supportively (in this case, by an NGO) on this new path, on which they unexpectedly found themselves.
Thus, my research showed that a participatory structure does indeed represent a unifying ap-proach on both the structure and actor level, but that this is not automatically sufficient to activate the transformative power of both these levels. It appears important that a participatory structure be accompanied by direct “interventions” on the actor level (for example through context-sensitive, alternative concepts of education), through direct measures of “top-down” redistribution, and through an active shaping of the public discourse on these matters.
And so I close this thesis, confident that participatory structures can contribute to social jus-tice as one means accompanied by many other means – much in the sense of Amartya Sen – because actors, women and men alike, can develop a transformative power in participatory structures, provided they are supported in this endeavour – and therein only can lie the begin-nings of social change.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Panchayati Raj Local democratic self-government Local Governance Participatory Democracy Participaton Decentralization Democratization
Schlagwörter
(Deutsch)
Panchayati Raj Lokale demokratische Selbstregierung Partizipative Demokratie Partizipation Dezentralisierung Demokratisierung
Autor*innen
Laura Magenau
Haupttitel (Deutsch)
Panchayati Raj: ein Weg zu sozialer Gerechtigkeit?
Hauptuntertitel (Deutsch)
Potentiale und Probleme von Lokaler Demokratischer Selbstregierung als entwicklungspolitischer Strategie, anhand der Lebenswelten von Frauen im ländlichen Indien
Paralleltitel (Englisch)
Panchayati Raj: a path to social justice?
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
250 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Gerald Faschingeder
Klassifikationen
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.99 Geisteswissenschaften allgemein: Sonstiges ,
70 Sozialwissenschaften allgemein > 70.99 Sozialwissenschaften allgemein: Sonstiges ,
89 Politologie > 89.35 Demokratie ,
89 Politologie > 89.39 Politische Systeme: Sonstiges ,
89 Politologie > 89.42 Staat und Bürger ,
89 Politologie > 89.52 Politische Psychologie, Politische Soziologie
AC Nummer
AC11993038
Utheses ID
27879
Studienkennzahl
UA | 057 | 390 | |
