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Koloniale Entwicklungsdoktrinen und geplante Siedlungsstrukturen
Schlafkrankensiedlungen in Tanganyika, 1920 - 1960
Petra Steidl
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Kirsten Rüther
DOI
10.25365/thesis.31574
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30427.79620.279069-9
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die Tsetse, die für die Übertragung der Schlafkrankheit (Trypanosomiasis) auf den Menschen und seine Nutztiere verantwortlich ist, wurde von kolonialer Seite nicht nur als medizinisches und epidemiologisches Problem, sondern auch als eines der größten Hindernisse für die landwirtschaftliche Entwicklung Tanganyikas betrachtet. Die Entwicklung der Landwirtschaft bedeutete für die britische Kolonialregierung die Steigerung der Cash-Crop-Produktion und die Einführung „fortschrittlicher“ und „produktiver“ Landwirtschaftsmethoden sowie umfassender Maßnahmen gegen Boden-erosion. Die Kolonialadministration machte die Tsetse einerseits für „Unterbevölkerung“ und „Arbeitskräftemangel“ und andererseits auch für „Bevölkerungsdruck“ und Boden-erosion mitverantwortlich. Diese angenommenen oder tatsächlichen demografischen und landwirtschaftlichen Krisen stellten zentrale Verbindungselemente zwischen den kolonialen Entwicklungsdoktrinen und der Tsetse-Kontrolle dar.
Die britische Kolonialadministration Tanganyikas setzte im Rahmen der Tsetse-Kontrolle auf die Errichtung konzentrierter Schlafkrankensiedlungen und damit verbundenen Abholzungen der umliegenden Buschvegetation, die der Tsetse als Lebensraum dient. Mit der Errichtung dieser gerodeten und somit theoretisch Tsetse-freien Pufferzonen sollten die Siedlungsgebiete von der Buschvegetation getrennt und Schlafkrankheitsinfektionen verhindert werden. Zudem erleichterten die konzentrierten Siedlungsstrukturen der Kolonialadministration Eingriffe in die landwirtschaftliche Produktion und die Einführung den kolonialen Anforderungen entsprechender Anbaumethoden, Bodenerhaltungsmaßnahmen und Agrarprodukte. Auch die Positionierung der Schlafkrankensiedlungen entlang wichtiger Straßen und Eisenbahnstrecken weist auf die agrarökonomischen Entwicklungsabsichten hin. Neue Siedlungen wurden so positioniert, um für ausreichend Arbeitskräfte für die Instandhaltung von Eisenbahnstrecken zu sorgen.
Die Schlafkrankensiedlungen waren zudem auf administrativer und sozialer Ebene bedeutend und stellten für die Kolonialregierung ein Werkzeug für eine allumfassende Bevölkerungskontrolle dar. Durch die konzentrierte Siedlungsstruktur wurde die administrative Umstrukturierung und Kontrolle erleichtert. Die Schlafkrankensiedlungen sollten die Bevölkerung zudem den „zivilisierenden“ Einflüssen westlicher Medizin, Bildung und Religionen näher bringen, denn theoretisch waren für alle Siedlungen Krankenstationen, Schulen und Missionsstationen vorgesehen. Diese „entwicklungs-fördernden“, „zivilisierenden“ Einflüsse sollten auch der Steigerung der Bevölkerung dienen und eine Lösung für die angenommene Unterbevölkerung und den daraus resultierenden Arbeitskräftemangel bereitstellen. Mit der Errichtung von Schlafkranken-siedlungen stand der Kolonialadministration der organisatorische, institutionelle und rechtliche Rahmen für Eingriffe in die Siedlungsstrukturen zur Verfügung.
Das Konzept der Schlafkrankensiedlungen zielte in erster Linie auf die schwer kontrol-lierbaren Bevölkerungsgruppen in den sowohl geografisch, als auch ökonomisch peripheren Regionen des Territoriums ab. Dort lebte die Bevölkerung meist verstreut in den oft Tsetse-befallenen Buschlandschaften außerhalb der Reichweite kolonialstaatlicher Entwicklungseinflüsse. Die Errichtung von Schlafkrankensiedlungen bot aber auch in den landwirtschaftlichen Zentren, den sogenannten Kultursteppen, Abhilfe für die realen oder angenommenen Erosionsprobleme, die auch und in manchen Regionen vor allem auf die kolonialen Initiativen zur Steigerung der Cash Crop-Produktion zurückzuführen waren. Durch die Abholzung angrenzender Buschlandschaften und die Umsiedlung eines Teils der Bevölkerung in die dort neu errichteten Schlafkrankensiedlungen sollte der Bevölke-rungsdruck in den Kultursteppen verringert werden.
Mit der Institutionalisierung, dem verstärkten Fokus auf eine interdisziplinäre Zusam-menarbeit zwischen den technischen Abteilungen und der allumfassenden wissenschaft-lichen Planung, wurden die konzentrierten Schlafkrankensiedlungen ab den 1930er Jahren zu einem wichtigen Werkzeug um die ländliche Bevölkerung auf allen Ebenen den kolonialen Vorstellungen entsprechend zu „entwickeln“.
Abstract
(Englisch)
Being responsible for transmitting sleeping sickness (trypanosomiasis) to humans, the colonial administration not only regarded the tsetse-fly as a medical and epidemiological problem but also as one of the most crucial hindrances of Tanganyika’s agricultural development. What the British colonial administration meant by agricultural development was first and foremost an increase of cash crop production and the introduction of progressive and productive agricultural techniques as well as measures against soil erosion. On the one hand the tsetse fly was blamed for underpopulation and shortage of manpower but on the other hand it was also made responsible for population pressure and soil erosion. These perceived and actual demographic and agricultural crises constituted an essential link between colonial development doctrines and tsetse control.
In the context of tsetse control Tanganyika’s colonial administration focused on building concentrated sleeping sickness settlements and cutting down the surrounding bush vegetation, which served as the tsetse fly’s habitat. By setting up these cleared and theoretically tsetse free barriers, settlements were supposed to be separated from bush vegetation, resulting in the prevention of sleeping sickness infections. Additionally, the concentrated settlement structure facilitated interventions in agricultural production and the introduction of new cultivation methods, soil conservation measures and cash crops. The fact that most sleeping sickness settlements were built along major roads and railway tracks indicates economic development aims. New settlements were strategically set up in order to provide for sufficient workforce for the maintenance of railway tracks.
Moreover, sleeping sickness settlements were of great administrative and social importance, as they constituted an effective tool for population control. The concentrated settlement structure facilitated administrative reorganisation and control considerably. In addition, the camps should expose the population to the “civilising” influence of western medicine, education and religion, since each camp was supposed to have dispensaries, schools and mission stations. This “civilising” influence was also expected to increase population and solve the region’s assumed underpopulation and shortage of workforce.
The establishment of sleeping sickness settlements provided the colonial administration with an institutional, legal and organisational framework for interventions in settlement structures. First and foremost the concept of sleeping sickness camps was aimed at population groups in geographically and economically peripheral regions of the territory, which were hard to control. There the population was mostly dispersed and lived in tsetse infested bush, beyond the reach of colonial development influences.
Still, setting up sleeping sickness camps also offered a remedy for real or assumed problems of soil erosion in agricultural centres, although soil erosion often was a result of colonial initiatives for increasing cash crop production. By clearing the surrounding bush vegetation and relocating parts of the population in newly built sleeping sickness camps, population pressure in so-called cultivation steppes was supposed to be reduced.
From the 1930s onwards, institutionalisation, an increased focus on interdisciplinary collaboration between the technical departments and the overarching scientific planning made concentrated sleeping sickness settlements an important tool for „developing“ the rural population according to colonial conceptions.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Colonial Development Doctrines Planned Settlement Patterns Tanganyika Tsetse Sleeping Sickness Sleeping Sickness Settlements Soil Erosion Labour Shortage Population Pressure
Schlagwörter
(Deutsch)
Koloniale Entwicklungsdoktrinen Geplante Siedlungsstrukturen Tanganyika Tsetse Schlafkrankheit Schlafkrankensiedlungen Bodenerosion Arbeitskräftemangel Bevölkerungsdruck
Autor*innen
Petra Steidl
Haupttitel (Deutsch)
Koloniale Entwicklungsdoktrinen und geplante Siedlungsstrukturen
Hauptuntertitel (Deutsch)
Schlafkrankensiedlungen in Tanganyika, 1920 - 1960
Paralleltitel (Englisch)
Colonial Development Doctrines and Planned Settlement Patterns: Sleeping Sickness Settlements in Tanganyika, 1920-1960
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
89 S. : Kt.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Kirsten Rüther
Klassifikationen
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.00 Geisteswissenschaften allgemein: Allgemeines ,
15 Geschichte > 15.01 Historiographie ,
15 Geschichte > 15.06 Politische Geschichte ,
15 Geschichte > 15.08 Sozialgeschichte ,
15 Geschichte > 15.92 Afrika südlich der Sahara ,
15 Geschichte > 15.99 Geschichte: Sonstiges ,
43 Umweltforschung > 43.70 Entwicklungsländer und Umwelt
AC Nummer
AC11455187
Utheses ID
28075
Studienkennzahl
UA | 057 | 390 | |
