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Wahrheitsspiele der Pathologisierung im klinisch-psychologischen und psychiatrischen Diskurs über die sogenannte Geschlechtsidentitätsstörung
eine kritische Diskursanalyse von Lehrbuchtexten
Valerie Rott
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Psychologie
Betreuer*in
Thomas Slunecko
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.32711
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29655.27181.194163-7
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Pathologisierung von Transgender im klinisch-psychologischen und psychiatrischen Diskurs. Als Manifestationen dieser stellen die Existenz der Diagnose ‚Geschlechtsidentitätsstörung’ im DSM-IV-TR und in der ICD-10 sowie das Prozedere der Begutachtung und Kontrolle – welchem sich Personen, die eine operative Geschlechtsangleichung vollziehen möchten, in Österreich zu unterwerfen haben – die Ausgangspunkte der Arbeit dar. In der Auseinandersetzung mit Foucaults Entwurf der Disziplinar- und Normalisierungsmacht werden Verbindungen zu mainstream-psychologischer Wissenschaft und Praxis gezogen sowie die Rolle von Wissenschaft in der Frage der Wahrheitsproduktion beleuchtet. Es folgt eine Auseinandersetzung mit Butlers Geschlechtertheorie – im Besonderen mit den Begriffen der Intelligibilität und Performativität – die ermöglicht, Geschlecht als gesellschaftliche, diskursiv hervorgebrachte Kategorie bzw. als Machteffekt zu verstehen. Vor diesem Hintergrund sind folgende Fragen in der empirischen Untersuchung des interessierenden Diskursstrangs handlungsleitend: Welche Strategien der Pathologisierung von Transgender sind rekonstruierbar? Wie wird die Kategorie Geschlecht gedacht? Wie gestalten sich die Regeln der Wahrheitsproduktion und welche Machtwirkungen sind rekonstruierbar? Hierzu werden Texte aus Lehrbüchern der Klinischen Psychologie und Psychiatrie kritisch-diskursanalytisch untersucht, die sich mit der ‚Geschlechtsidentitätsstörung’ beschäftigen. Beim Materialkorpus handelt es sich um Lehrbücher, die gegenwärtig an österreichischen Universitäten in den Subdisziplinen Klinische Psychologie und Psychiatrie in der Lehre Verwendung finden und Zugang zum hegemonialen Diskurs bieten. Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass die Pathologisierung von Transgender auf einer Geschlechter- konzeption basiert, die zum einen von ‚natürlicher’ Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität ausgeht und zum anderen Geschlecht in mehrere Anteile zerlegt, welche zeitlich überdauernd im Sinne heteronormativer Kohärenz ineinander aufzugehen haben, um als intelligible Geschlechter zu gelten. Als weitere Strategien wirken u.a. die Konstruktion eines ‚großen Leidens’ von Transgender Personen – welches durch die ahistorische Betrachtungsweise und die Ausklammerung einer gesellschaftlichen Einbettung des Phänomens stark individualisiert wird – die Konstruktion einer Behandlungsbedürftigkeit, die Passivierung von ‚Betroffenen’ sowie Mechanismen der Anormalisierung. Dies geschieht im Rahmen der Entfaltung eines objektiv gerahmten wissenschaftlichen Diskurses der ‚Wahrheit’, dem ein subjektiv gezeichneter ‚Betroffenendiskurs’ der Wahrnehmung gegenüber gestellt wird. Am Beispiel der Untersuchung des Diskurses über die sogenannte Geschlechtsidentitätsstörung wird verdeutlicht, welch’ zentrale Rolle psychologischer und psychiatrischer Wissenschaft im Macht-Wissen-Komplex zukommt.
Abstract
(Englisch)
This thesis deals with the current pathologisation of transgender in the discourse of clinical psychology and psychiatry. The existence of the diagnosis ‘gender identity disorder’ in the DSM- IV-TR and in the ICD-10 as well as the procedure of assessment and control – which people who want to undergo a surgical gender reassignment are subjected to in Austria – are seen as manifestations of this pathologisation and therefore build the starting points for this thesis. With Foucault's concept of the disciplinary power and the normalising power connections to mainstream psychological science and practice are drawn. Furthermore the role of science concerning the question of how ‘truth’ is produced is illuminated. The thesis is also based on a discussion of Butler's theory of gender – in particular of the terms of intelligibility and performativity; accordingly, gender is understood as a social, discursively produced category and as an effect of power. The following questions are guiding the empirical investigation of the discourse segment under scrutiny: Which strategies of the pathologisation of transgender can be reconstructed? How is the category gender constructed? What are the rules like that guide the production of truth and what effects of power can be reconstructed? For this purpose texts which deal with the so-called gender identity disorder are examined using the method of critical discourse analysis. These texts are taken from textbooks that are currently used in teaching at Austrian universities in the sub-disciplines of clinical psychology and psychiatry and therefore provide access to the hegemonial discourse. The results of this investigation show that the pathologisation of transgender is based on a gender concept that encompasses both the idea of a ‘natural’ two-gender system as well as the idea of a ‘natural’ heterosexuality. Gender is disassembled in several parts that have to fit to each continuously over the life time in a heteronormative ‘coherent’ way in order to be intelligible. Another strategy of pathologisation is the construction of a ‘great suffering’ of transgender people. Due to the ahistorical approach and its exclusion of embedding the phenomenon in its societal context this ‘suffering’ is solely portrayed as individual problems of isolated persons. The construction of a need for treatment, the passivation of ‘affected’ individuals and mechanisms of anormalisation are also used in the examined discourse to pathologise transgender people. This is done by developing an objectively framed scientific discourse of ‘truth’ opposite a subjectively drawn discourse of ‘perception’ of the ‘affected’ individuals. This analysis of the discourse about the so-called gender identity disorder serves as an example that enlightens the important role that psychological and psychiatric science hold in the power-knowledge-complex.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
critical psychology clinical psychology psychiatry discourse analysis gender identity disorder power truth pathologisation transgender queer-feminist critique of science
Schlagwörter
(Deutsch)
kritische Psychologie Klinische Psychologie Psychiatrie Diskursanalyse Geschlechtsidentitätsstörung Macht Wahrheit Pathologisierung Transgender queer-feministische Wissenschaftskritik
Autor*innen
Valerie Rott
Haupttitel (Deutsch)
Wahrheitsspiele der Pathologisierung im klinisch-psychologischen und psychiatrischen Diskurs über die sogenannte Geschlechtsidentitätsstörung
Hauptuntertitel (Deutsch)
eine kritische Diskursanalyse von Lehrbuchtexten
Paralleltitel (Englisch)
On pathologisation in the discourse of clinical psychology and psychiatry on the so-called gender identity disorder
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
240 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Thomas Slunecko
Klassifikationen
77 Psychologie > 77.24 Kritische Psychologie ,
77 Psychologie > 77.29 Strömungen und Richtungen in der Psychologie: Sonstiges
AC Nummer
AC11716807
Utheses ID
29047
Studienkennzahl
UA | 298 | | |
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