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Unheilige Dualität
das Zusammenspiel freier Märkte und staatlicher Interventionen als Ursache der Finanzkrise 2007-2009
Thomas Sebastian Umlauft
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Peter Eigner
DOI
10.25365/thesis.33146
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29887.34162.859553-3
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Das Versagen internationaler Finanzmärkte in den Jahren 2007-2009 ging mit einer Infragestellung eines auf freien und selbstregulierten Märkten basierenden Kapitalismus einher, dessen Vorherrschen im Mittelpunkt vieler Erklärungsversuche für die Weltfinanzkrise steht. Vorliegende Dissertation untersucht, inwiefern diese Einschätzung gerechtfertigt ist, und kommt zum Ergebnis, dass die Finanzkrise nicht das Resultat freier Märkte war, sondern dem Spannungsverhältnis zwischen denselben einerseits und weitreichender staatlicher Regulierung sowie staatlichen Interventionen andererseits zuzuschreiben ist. Im Zentrum der Forschung dieser Arbeit steht die Einführung staatlicher Einlagensicherung in den USA als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise von 1929-1933. Die Folge der Versicherung von Bankverbindlichkeiten durch den Staat war eine gesteigerte Risikoneigung von Banken („Moral Hazard“), die insbesondere infolge der Erosion der gleichzeitig mit der Einlagensicherung 1933 eingeführten Restriktionen seit den 1980er Jahren zunahm. Diese ab 1933 eingeführten staatlichen Restriktionen waren nämlich durch die Versicherung von Bankverbindlichkeiten erforderlich gemacht worden und sollten der exzessiven Aufnahme von Risiko entgegenwirken. Die zunehmende Anzahl an Finanz- und Bankenkrisen infolge des erhöhten Risikoprofils des Bankensektors machte vermehrt staatliche Intervention notwendig, um die negativen Folgen eines sonst möglichen Kollapses des sukzessiv dominanter werdenden Finanzsektors zu verhindern. Mit jedem staatlichen Eingriff, der Finanzinstitutionen nicht den vollen Umfang ihrer Verluste tragen ließ, wurde diesen ein weiterer Anreiz dafür geliefert, zukünftig exzessives Risiko einzugehen, welches nicht sie – die Finanzinstitute – selbst, sondern der Staat zu tragen hatte. So ist der Zeitraum seit 1980 von einem auf Moral Hazard zurückzuführenden fragilen Bankensektor geprägt. In Zusammenhang mit den staatlichen Versuchen, den zunehmend fragilen Finanzsektor zu stabilisieren, ist vor allem die Entwicklung des Phänomens „Too-Big-to-Fail“ zu nennen. Dieses beschreibt den Unwillen politischer Entscheidungsträger und Regulatoren, große und systemisch bedeutsame Finanzinstitute bei drohendem Bankrott normalen Marktgesetzen zu unterwerfen; stattdessen werden diese Institute aufgefangen („Bailout“). Darüber hinaus kommen der Ausweitung der historisch eng definierten Rolle der Federal Reserve als „Lender-of-Last-Resort“ einerseits und „Regulatory Forbearance“ sowie dem „Greenspan Put“ andererseits eine zentrale Bedeutung zu.
In vorliegender Arbeit wird die Entwicklung oben genannter Phänomene historisch nachgezeichnet und deren Bedeutung in Hinblick auf die Finanzkrise 2007-2009 erläutert. Somit ergibt sich für die Arbeit eine Bedeutung für das Verständnis einerseits der Finanzkrise 2007-2009 selbst und andererseits für die historische Entwicklung der Finanzmärkte generell, welche seit dem frühen 19. Jahrhundert sporadisch und seit den 1970/80er Jahren eingehend analysiert wird. Besondere Beachtung erfährt hier die etwa 1980 einsetzende Phase, die häufig als eine der „Deregulierung“ aufgefasst wird. Die Dissertation soll dazu beitragen, die Charakterisierung des Zeitraums seit 1980 als „Laissez-Faire“ einer Neubewertung zu unterwerfen. Zentrale Aussage der Dissertation ist, dass dieser Zeitraum weniger durch eine Liberalisierung als vielmehr durch eine „selektive Liberalisierung“ gekennzeichnet ist. Basierend auf einem Komplex an Entwicklungen seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts, die zu einem oft als Laissez-Faire-Markt wahrgenommenen Regulierungszustand führten, wurden Banken zunehmend befähigt, aufgrund eines mangelhaften Verständnisses für Liberalisierung für eine Lockerung der historischen Restriktionen zu lobbyieren. Parallel hierzu wurde aber der staatliche Einlagenschutz aufrechterhalten und das staatliche Sicherheitsnetz generell ausgeweitet. Dies hatte eine Destabilisierung der Finanzmärkte zur Folge, indem die Aufnahme extremen Risikos insbesondere durch große Banken staatlich gefördert wurde. Dementsprechend sollten große Finanzinstitute eine maßgebliche Rolle sowohl hinsichtlich der Bildung der Immobilienblase, die zur Weltfinanzkrise 2007-2009 führte, als auch während der Krise selbst spielen und einen kausalen Faktor für deren Ausbruch darstellen.
Abstract
(Englisch)
The failure of financial markets during 2007-2009 fundamentally challenged the belief in capitalist systems based on free and self-regulating financial markets, whose prevalence stands at the centre of many explanations for the financial crisis of 2007-2009. This dissertation analyses to what extent this assessment is justified and finds that the financial crisis was not the result of free markets, but rather the predictable consequence of the interplay of “free” and “liberalised” markets on the one hand and extensive government regulation and interventions on the other. That “selective liberalisation” introduced a predetermined breaking point as it severely distorted financial sector employees’ incentives. The work in hand focuses in particular on the introduction of federal deposit insurance in the United States in response to the Great Depression of 1929-1933, the corollary of which was a heightened risk inclination of banks (moral hazard). In order to attenuate the negative effects of government guarantees for the private sector and to prevent banks from exploiting (underpriced) deposit insurance at taxpayers’ cost, concurrent with introduction of deposit insurance, New Deal legislations severely restricted banking activities. As these New Deal restrictions affecting the banking sector successively eroded, particularly since the 1980s, the risk profile of banks thus increased dramatically. The growing number of financial and banking crises resulting from inordinate risk-taking by the banking sector necessitated an increasingly pro-active role of the government in order to prevent the financial system from collapsing. Government interventions, which sheltered financial institutions from the consequences of risk-taking, however, provided these institutions with a further incentive for aggressive risk-taking, as resulting profits would be private but losses would be socialised. Consequently, the era from c. 1980s onwards is characterised by a successively fragile banking sector owing to moral hazard. In the context of measures undertaken to stabilise the increasingly unstable financial sector the rise of the too-big-to-fail doctrine is of particular importance. The qualifier TBTF implies policy-makers’ and regulators’ indignation to subject large, systemically important financial firms to the rules of the game of market-based economies; instead, such firms are often bailed out by the government. Particular importance is furthermore attached to the expansion of the historically narrowly defined role of the Federal Reserve acting as lender-of-last-resort, regulatory forbearance and the Greenspan put.
The work in hand traces back the development of the above-mentioned phenomena and elucidates their relevance in respect of the financial crisis 2007-2009. The dissertation thus contributes both to the understanding of the financial crisis of 2007-2009 and to the development of US financial markets in general, which is being analysed from the early-1800s and in greater detail from the 1970/80s onwards. Particular emphasis is put on the period starting c. 1980, which is often seen as one shaped by deregulation. The disseration aims at contributing to subjecting this period’s labelling to a serious re-evaluation. The central statement of this dissertation is that the period starting in the 1980s is characerised less by “liberalisation” but rather by “selective liberalisation”. Based on a complex of developments since the mid-1900s, banks and other financial firms were successively enabled to lobby for a relaxation of historical restrictions based on a superficial understanding of liberalisation. Concurrent – and inconsistent – with financial sector liberalisation, however, federal deposit insurance and the government safety net in general were not reformed but instead have been expanded. As a result, “selective liberalisation” destabilised financial markets, as financial institutions – and particularly large financial institutions – were incentivised to take on excessive risk subsidised by the government. As a corollary, large, systemically important financial institutions played a crucial role in the build-up of the bubble leading to the financial crisis of 2007-2009 and indeed proved to be its main catalyst.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Global Financial Crisis Financial Crisis of 2007-2009 Too-Big-to-Fail TBTF Regulation Self-Regulation Conflicts of Interest Deposit Insurance Credit Rating Agencies Liberalisation Moral Hazard Lender-of-Last-Resort Regulatory Forbearance Greenspan Put Government-Sponsored Enterprises Economic Theory of Regulation
Schlagwörter
(Deutsch)
Globale Finanzkrise Weltfinanzkrise Krise von 2007-2009 Too-Big-to-Fail TBTF Regulierung Selbstregulierung Interessenkonflikte Einlagensicherung Kreditratingagenturen Liberalisierung Moral Hazard Lender-of-Last-Resort Regulatory Forbearance Greenspan Put Government-Sponsored Enterprises Ökonomische Theorie der Regulierung
Autor*innen
Thomas Sebastian Umlauft
Haupttitel (Deutsch)
Unheilige Dualität
Hauptuntertitel (Deutsch)
das Zusammenspiel freier Märkte und staatlicher Interventionen als Ursache der Finanzkrise 2007-2009
Paralleltitel (Englisch)
Unholy Duality ; The Interaction of Free Markets & Government Interventions as Cause of the Financial Crisis of 2007-2009
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
363 S. : graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Peter Eigner ,
Carsten Burhop
Klassifikationen
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.00 Geisteswissenschaften allgemein: Allgemeines ,
15 Geschichte > 15.09 Wirtschaftsgeschichte ,
15 Geschichte > 15.87 USA ,
83 Volkswirtschaft > 83.10 Wirtschaftstheorie: Allgemeines ,
83 Volkswirtschaft > 83.13 Theorie der Wirtschaftspolitik, Wohlfahrtstheorie ,
83 Volkswirtschaft > 83.20 Wirtschaftssysteme: Allgemeines ,
83 Volkswirtschaft > 83.50 Geld, Inflation, Kapitalmarkt ,
83 Volkswirtschaft > 83.52 Finanzwissenschaft ,
83 Volkswirtschaft > 83.70 Banken, Versicherungen
AC Nummer
AC11718186
Utheses ID
29441
Studienkennzahl
UA | 092 | 312 | |
