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Die Bedeutung phonologischer Prozesse für den Leseerwerb
Maria Götzinger-Hiebner
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Betreuer*in
Chris Schaner-Wolles
DOI
10.25365/thesis.34259
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30087.93587.930562-7
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Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Probleme beim Lesenlernen werden meist aus psychologischer und pädagogischer, mitunter auch aus medizinischer Sicht betrachtet. Dabei steht das einzelne Kind mit seinen individuellen Problemen im Mittelpunkt. Doch manche dieser Schwierigkeiten treten regelmäßig auf und betreffen eine große Anzahl von Schülerinnen und Schülern. Es ist daher naheliegend, auch die Rolle der Lesemethodik zu betrachten. Das kann nur vor dem Hintergrund der jeweiligen Sprache erfolgen, denn das Verhältnis von gesprochener Sprache und ihrer schriftlichen Entsprechung unterscheidet sich von Sprache zu Sprache und von Schrift zu Schrift. Es kann daher keine universell gültige Erstlesemethode geben. Ob ein methodischer Ansatz zur Vermittlung des Lesens geeignet ist, hängt wesentlich davon ab, wie gut er den Zusammenhang zwischen den Gegebenheiten der jeweiligen Sprache und der dazugehörigen Schrift darstellt. Im deutschsprachigen Elementarunterricht wird bevorzugt eine Erstlesemethode, die überwiegend synthetisch ausgerichtet ist, verwendet. Dabei werden zuerst einzelne Phoneme den entsprechenden Graphemen zugeordnet und danach im Akt der so genannten „Lesesynthese“ verbunden. Dieser Vorgang erweist sich als überaus schwierig. Er stellt sich in der Schulpraxis als häufigstes Problem beim Lesenlernen dar und wird auch in der methodischen Literatur als große Schwierigkeit beschrieben. Aus linguistischer Sicht ist das Konzept des Synthetisierens einzeln erarbeiteter Laute problematisch, denn die in Wörter eingebundenen Phoneme sind verschiedenen phonologischen Prozessen, insbesondere Koartikulationsphänomenen, unterworfen und unterscheiden sich daher von den isoliert gesprochenen Varianten. Ohne Beachtung dieser Veränderungen ist das Verbinden einzelner Laute zu sinnvollen Lautketten nicht möglich. Vor allem die durch antizipatorische Koartikulation vom Nukleus aus bewirkte Veränderung des Onsets steht dem Zusammenziehen einzeln in Schreibrichtung abgelesener Laute entgegen. Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass beim einzelnen Benennen der Buchstaben den Obstruenten zur besseren Hörbarkeit ein Schwa-Laut nachgestellt wird, der die Synthese erschwert beziehungsweise verhindert, was sich am deutlichsten an den Plosiven zeigt. Zusätzlich wird der Lesefluss durch Nichtbeachten der Auslautverhärtung in der Silbenkoda gestört, weil an die nicht verhärteten silbenschließenden Lenes, denen in der Regel ein Schwa folgt, keine weitere Silbe angeschlossen werden kann. Im Hinblick auf die Häufigkeit mehrsilbiger Wörter im Deutschen ist auch dieses Problem nicht als gering zu betrachten.
Im Zug dieser Arbeit entstand auch ein Lesetest für die 5.-9. Schulstufe, der als förderdiagnostisches Instrumentarium konzipiert ist. Er misst besonders im unteren Bereich genau und bietet somit die Grundlage für gezielte Förderung. Bei der Auswertung der für die Normierung erforderlichen Daten wurden die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Aspekten der Lesefähigkeit, vor allem die Frage nach der Bedeutung des Lesetempos, untersucht. Die anhand einer Eichstichprobe von 864 Testpersonen ermittelten Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass das Lesetempo nicht als sicherer Indikator für die Lesekompetenz angesehen werden kann. Zwischen Lesezeit und Sinnerfassung von Texten erwies sich die Korrelation als „sehr gering“ (nach Ebermann 2010). Die Korrelationskoeffizienten nach Pearson von r=−0,189 für bedeutungsrelevante Inhalte und r=−0,178 für Details gelten nur aufgrund der großen Stichprobe als signifikant. Der Zusammenhang des Lesetempos und der Leserichtigkeit bei Einzelwörtern war nach Ebermann (ebd.) „gering“. Zwischen der beim Lesen von Einzelwörtern gemessenen Geschwindigkeit und der Sinnerfassung von Texten konnte kein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden.
Abstract
(Englisch)
Problems in reading acquisition are usually looked at from a psychological, pedagogical, or sometimes medical point of view. The focus is on the child and his or her individual situation. As some of these problems occur regularly and in a large number of students, the role of early reading method should be observed. This is only possible against the background of a specific language with its innate relationship between speech and writing. There is no such thing as the one and only early reading method. In order to determine whether a method is suitable for early reading instruction, one has to find out how well it describes the relationship between a language and its script. In German-speaking early reading classes preference is given to a method which is primarily synthetic. This means that graphemes are matched with corresponding single phonemes which are then blended into words. This appears to be very difficult and is often named as the main problem in early reading classes. From a linguistic position this is a problematic approach. When we read we do not encounter phonemes as isolated sounds but as elements of words. They are subject to coarticulation and other phonological processes. If the difference between single phonemes and their realisation in spoken words is not respected, blending into meaningful units will fail. Especially the changes of the onset caused by anticipatory coarticulation from the nucleus obstructs all efforts to synthesise sounds that are produced by reading aloud single letters from left to right. Another problem stems from the schwa that is added to obstruents to make them audible, which obstructs blending. This is most obvious in plosives. In addition, fluent reading becomes difficult if lenes are not devoiced in the coda, which is mandatory in German. Then it is almost impossible to start the next syllable, especially if the lenes are followed by a schwa. As bisyllabic and multisyllabic words are common in German, this is not a trivial issue.
As a part of the work on this thesis, a reading test for grades 5 to 9 has been developed. Its aim is to be more accurate in the assessment of poor readers and to provide a structured profile for successful remedial teaching. With the data collected for test standardisation, the interrelationship between different aspects of reading ability has been studied, with special regard to the relevance of reading speed. The results gathered from a sample of 864 test subjects lead to the conclusion that high reading speed does not indicate good reading competence. The correlation between reading time and text comprehension is “very low” (see Ebermann 2010), with a Pearson correlation of r=−0,189 for meaningful contents and r=−0,178 for details, which are only significant due to the size of the sample. According to Ebermann (ibid.), the correlation between speed and correctness of word reading is “low”. There is no significant correlation between the speed of word reading and the comprehension of texts.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
early reading coarticulation dyslexia
Schlagwörter
(Deutsch)
Leseerwerb Koartikulation Legasthenie
Autor*innen
Maria Götzinger-Hiebner
Haupttitel (Deutsch)
Die Bedeutung phonologischer Prozesse für den Leseerwerb
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
183 S. : Ill., graph. Darst.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Chris Schaner-Wolles ,
John Rennison
Klassifikation
80 Pädagogik > 80.39 Teilgebiete der Pädagogik: Sonstiges
AC Nummer
AC12088153
Utheses ID
30410
Studienkennzahl
UA | 092 | 327 | |
