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Lösung des Ödipuskomplexes im Roman "Zabavky z plot'i ta krovi" von Larysa Denysenko / Vyrišennja edipovoho kompleksu v romani "Zabavky z ploti ta krovi" Larysy Denysenko
Irén Likovics
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Alois Woldan
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.34797
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29929.47800.109669-2
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Literaturwissenschaftliche Psychoanalyse ist ein im westlichen Kulturkreis gut erforschtes Gebiet, aber dennoch relativ neu für die Ukraine. Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Solomija Pavlychko bezeichnet die Situation der Psychoanalyse in der Ukraine als „Hundert Jahre ohne Freud“ (2002). Nur wenige ukrainische LiteraturwissenschaftlerInnen setzten sich in ihren Interpretationen mit Psychoanalyse auseinander: Solomija Pavlychko, Nila Zborovs’ka, Vira Ahejeva, Tamara Hundorova. Die vorliegende Arbeit schließt an ihre Forschungen an und analysiert, wie Literatur genützt wird, um kollektive oder eigene unbewusste seelische Probleme zu sublimieren oder sie als Quelle für die Lösung dieser Probleme zu nützen. Der Zweite Weltkrieg und der Zusammenbruch der Sowjetunion haben die Bindung der „Eltern-Kinder“-Kette, laut Zborovs‘ka, deutlich gestört, was sich in Texten der Autoren der sog. „dritten Generation“ durch das Bearbeiten von Neurosen äußert. Mit „dritter Generation“ sind Menschen gemeint, die in der Sowjetunion geboren wurden, aber ihre Jugend bereits in der unabhängigen Ukraine verbrachten. Diese Menschen sind von den Traumata ihrer Elterngeneration (Zusammenbruch der Sowjetunion) und Großeltern (Zweiter Weltkrieg) geprägt, was sich in Ödipalität1 äußert. Die Ödipalität der postsowjetischen Generation hängt mit einer emotional abwesenden Elterninstanz zusammen. In der vorliegenden Arbeit bin ich der Frage nachgegangen, welche psychischen Störungen sich hinter dem in der neuen ukrainischen Literatur thematisierten Körper- und Elternhass verbergen. Laut der Literaturwissenschaftlerin Tamara Hundorova (2013) werden neurotische Handlungen in der ukrainischen Literatur oft über Körper vermittelt. Über behinderte, kranke, verhasste Körper (z.B. in Werken von I. Karpa, T. Maljartschuk, K. Kalytko, L. Denysenko, S. Uschkalov) zeigen die Autoren der „dritten Generation“ „das Schreckliche“ (жахливе) in ihren Unbewussten. Dass der Körper dabei nur eine Projektionsfläche für ihre verletzten Seelen darstellt, ist den Autoren nicht bewusst. In der vorliegenden Arbeit wird Hundorovas These mit der Familientheorie des US-amerikanischen Psychotherapeuten Murray Bowen verknüpft. Bowen geht davon aus, dass nicht aufgedeckte Traumata durch drei Generationen innerhalb einer Familie „wandern“, und sich über psychische Störung in der Enkelgeneration äußern. Die Traumata der Vorfahren sind der Enkelgeneration zumeist nicht bewusst und werden deshalb nicht reflektiert. Stattdessen äußern sich die nicht bearbeiteten Traumata der Vorgenerationen in den Neurosen der Enkelgeneration, wie z.B. in der Ablehnung des eigenen Körpers (Selbsthass) und der Eltern (Elternhass). In der vorliegenden Arbeit wird der Roman „Zabavky z plot‘i ta krovi“ von Larysa Denysenko durch eine realistische Psychoanalyse2, im Kontext von vergangenen soziopolitischen und geschichtlichen Ereignissen, interpretiert. Mit Hilfe einer psychoanalytisch ausgerichteten Literaturwissenschaft werden in der vorliegenden Arbeit die unbewussten Prozesse der dritten Generation offen gelegt. Zentrales Thema des Romans ist die Neurose des Hauptprotagonisten Erik, den ich als Repräsentanten der postsowjetischen Jugend betrachte. Anhand seiner Situation (beispielhaft für die dritte Generation) analysiere ich, welche psychische Konstellation zur Neurose geführt hat. Die realen, liebesunfähigen Eltern werden durch symbolische Eltern ersetzt. Diese Ersatzpersonen können zumeist die unbewussten in sie gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. In der Arbeit wende ich Murray Bowen's Theorie auf das Werk von Larysa Denysenko an, die Kampf, Ablehnung und Hass zwischen den „sowjetischen“ Eltern und ihren „postsowjetischen“ Kinder aufzeigt. Der Protagonist Erik nützt seinen Körper um seine neurotische Verschmelzung (Symbiose) mit der eigenen Mutter, die ihn hasst, zu zeigen. Das unterbewusste Ziel ist dabei die Identifikation mit der Mutter. Freud spricht von der Identifizierung mit „dem Schrecklichen“ als einem Selbstschutzmechanismus. Durch die Identifikation mit der Mutter und bei gleichzeitiger Abwesenheit des Vaters, konnte der Protagonist keine männliche Sexualität entwickeln und möchte von Mira als Frau begehrt werden. Das Fehlen einer Über-Ich Instanz bei Erik hat zu Inzestwünschen mit seiner Mutter geführt, die er mit dem „sich als Frau fühlen“ kompensiert. Erik wurde in seiner Kindheit von seiner Mutter permanent psychisch missbraucht, seine Rettung findet er in einer neurotischen Störung. Weil seine kindlichen Bedürfnisse und Gefühle nicht wahrgenommen wurden, ist es ihm nicht möglich, sich mit seinem eigenem innerem Kind auseinander setzen. Dadurch kann er keine „gesunde“ emotionale Nähe zu anderen Menschen aufzubauen. Daraus folgt, dass seine Annäherungsversuche durch Wiederholungszwang geprägt sind, wodurch er auch als Erwachsener keine seelische Ruhe findet. Die einzige Lösung für ihn ist, sich eine neue Familie zu finden, in der er nachholen möchte, was ihm in der Kindheit gefehlt hat. Seine „neue“ Familie ist aber nur um eine Spur besser als seine Herkunftsfamilie. Mira – seine Geliebte – wird von ihm unterbewusst als Mutter wahrgenommen und begehrt, während Mira ihren Bruder Rudyj unbewusst begehrt. Das Fehlen von realen oder funktionalen Eltern resultiert im Ödipuskomplex. Daran geknüpft ist der unbewusste Wunsch nicht Erwachsen sein zu wollen und Hassgefühle gegen die Eltern zu haben, weil diese als „verantwortlich“ für die eigenen Probleme betrachtet werden. Im analysierten Roman wird diese Problematik auf den Körper übertragen, der zur Projektionsfläche seelischer Ohnmacht wird. Über ihren Körper äußert sich Miras Ohnmacht gegenüber dem geerbten Trauma. Erik sucht mittels des Körpers eine Identität zu finden. Träume nehmen in „Zabavky iz plot’i ta krovi“ eine zentrale Rolle ein. In den nach der Traumdeutung von Freud interpretierten Träumen, hat die Kastrationsangst von Erik dieselben Ursprünge, wie alle Neurosen im Roman: fehlende Elterninstanz und Bruch zwischen Generationen. Laut Sigmund Freud ist die Elterninstanz für das Funktionieren des Über-Ichs verantwortlich, welches die Verbote repräsentiert. Erik, der den durchschnittlichen postsowjetischen Bürger repräsentiert, wie ist von dieser unbewussten Last der fehlenden Elterninstanz der zweiten Generation betroffen, was sein Beziehungsleben negativ beeinflusst. Im ersten Kapitel der Arbeit („Zur Genese der literarischen Werkes“) analysiere ich den schöpferischen Akt des Schreibens. Das Kapitel legt den Fokus auf die psychischen Mechanismen des Schreibens, das Unbewusste des Autors und dessen Sichtbarkeit im Text. In Hauptteil („Lösung des Ödipuskomplexes in dem Roman „Zabavky iz plot’i ta krovi“ von Larysa Denysenko“) gehe ich von der These aus, dass der Ödipuskomplex als Kernkomplex für alle Neurosen dient (nach S. Freud und M. Klein), und dass seine positive oder negative Lösung für das Funktionieren eines Menschen in der Gesellschaft verantwortlich ist. Der nicht gelöste Ödipuskomplex, kann durch die Verwischung der Rollen zu Inzestwünschen oder -handlungen führen, löst Kastrationsangst aus und führt zu einer ständigen Regression der betroffenen Person. Erklärung dafür ist die fehlende Über-Ich Instanz (Instanz des Verbotes), die dazu führt, dass man erotische Wünsche gegenüber Familienmitgliedern entwickelt. Da Inzest aber ein gesellschaftliches Tabu darstellt, lösen inzestuöse (bewusste oder unbewusste) erotische Phantasien Kastrationsangst aus. Die ukrainische postsowjetische Gesellschaft leidet unter Ödipalität der „dritten Generation“, was sich in der Literatur spiegelt. Diese Ödipalität hängt stark mit der emotionalen Kluft zwischen den Generationen (ausgelöst vom Zusammenbruch der Sowjetunion) zusammen. Anhand der Literatur können diese unbewussten Prozesse, wie sie auch innerhalb der ukrainischen Gesellschaft im Gange sind und sich durch Neurosen äußern, aufgezeigt werden: emotionale Elternlosigkeit, Elternhass, eigene Kinderlosigkeit, kranker Körper, Amoralität, Drogen, Alkohol und perverse Sexualität. Neben dem von mir untersuchten Roman sind auch die Texte von Tanja Maljartchuk, Irena Karpa, Ljubko Deresch, Kateryna Kylytko durchzogen von diesen Themen. Durch die Anwendung Freud´scher Psychoanalyse, in Kombination mit der Bowen´ schen Familiensystemtheorie, analysiere ich, wie sich Neurosen entwickeln und innerhalb der Generationen wandern, bis sie letztlich anhand des Körpers greifbar werden. Das passiert auch mit dem Protagonisten von Larysa Denysenko. Seine Neurosen wurzeln in der Ablehnung durch die sowjetischen Eltern und deren Unfähigkeit ihren Kindern wahre Liebe und Anerkennung zu schenken. Seine leibliche Mutter will sich Selbstmord begehen – womit sie Erik keine Liebe mehr geben kann. Erik flüchtet von zuhause und sucht sich eine neue Familie. Dort übernehmen die Geschwister Mira und Rudyj die Rolle von Eriks Eltern. Die Kinder (Erik und Mira) entwickeln eigene Strategien um damit klar zu kommen: Erik verkleidet sich als Frau, lehnt sein Männlichkeit ab und leidet letztlich an Kastrationsangst. Weil Erik aber nie einen Vater hatte (mit Ausnahme von Ernest Hemingway, dem Idol seiner Mutter, den er als Vater introjizierte), pflegt er erotische Fantasien zu seiner leibliche Mutter. Er überträgt die alten Beziehungsmuster auf seine „neue“ Familie. Er begehrt Mira, weil er sie als Mutter und ihren Bruder Rudyj als ihren Mann betrachtet. Um sie erotisch anziehend zu finden, braucht er eine Vaterinstanz, die ihm die sexuelle Fantasie zur Mutter verbietet. Nur wenn diese Konstellation eintritt, kann er Mira als Frau und nicht als Mutter betrachten. Die Geschwister befinden sich jedoch nur symbolisch in einer inzestuösen Beziehung, daher untersagt Rudyi Erik die Beziehung zu Mira nicht, was für Erik in Retraumatisierung endet. Der Roman ist von Wiedergutmachungsversuchen der Protagonisten geprägt, weil diese sich von den Eltern nicht lösen konnten. Eriks Neurosen sind beispielhaft für den Zustand der ukrainischen Nation, die durch den Zweiten Weltkrieg und den Zerfall der Sowjetunion traumatisiert wurde. Laut Tamara Hundorova sind Personen, die unter solchen Traumata leiden, mental und emotional nicht in der Gegenwart angekommen. Sie regredieren permanent und leben in Vergangenheit. Permanente Regression ist laut Freud ein Merkmal von neurotischen Störungen. Das große Thema der ukrainischen Gegenwartsliteratur ist die Suche nach einer Bewältigung der geerbten Traumata: Wie soll man mit einem nicht existierenden Über-Ich (Elterninstanz) überleben? Wie kann man von den durch die Traumata der Vorfahren verursachten psychischen Leiden befreit werden? Wie kann damit ein als angenehm empfundenes und lustvolles Beziehungsleben geführt werden? Doch zumeist endet der Versuch, sich als Erwachsener eine Elterninstanz zu schaffen, lediglich in einem retraumatisierenden Wiederholungszwang.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Literaturwissenschaftliche Psychoanalyse Ukraine „dritte Generation“ Körper- und Elternhass Murray Bowen Familientheorie Tamara Hundorova Neurose Ödipuskomplex Regression
Autor*innen
Irén Likovics
Haupttitel (Ukrainisch)
Lösung des Ödipuskomplexes im Roman "Zabavky z plot'i ta krovi" von Larysa Denysenko / Vyrišennja edipovoho kompleksu v romani "Zabavky z ploti ta krovi" Larysy Denysenko
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
105 S. : graph. Darst.
Sprache
Ukrainisch
Beurteiler*in
Alois Woldan
Klassifikation
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.70 Literaturwissenschaft: Allgemeines
AC Nummer
AC12114492
Utheses ID
30869
Studienkennzahl
UA | 066 | 896 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1