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Spuren der Gewalt
Zeugnis und Zeugenschaft in mexikanischen Performances der Gegenwart
Anya Natascha Deubel
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Diplomstudium Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Betreuer*in
Brigitte Marschall
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.35330
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29692.89458.538462-6
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Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Zeugenschaft ist nicht nur im Rahmen von Gerichtsverfahren, sondern auch in anderen Bereichen der menschlichen Kultur eine grundlegende epistemische und soziale Praxis zur Übermittlung und Wiederherstellung von Wissen, die dabei auch ethische und politische Funktionen erfüllt. Besonders das Bezeugen von Diktaturen, Kriegen und Menschenrechtsverletzungen ist neben der Wahrheitsfindung und Aufklärung der Verbrechen, entscheidend für deren individuelle und kollektive Verarbeitung und kann als nachträglicher oder auch gegenwärtiger Widerstand gegen das auferlegte Vergessen oder die Verschleierung von Taten gewertet werden. Auch aktuell in Mexiko, das vor allem seit der Kriegserklärung gegen die Drogenkartelle im Jahr 2006 von extremer Gewalt und staatlicher Repression gegenüber der Zivilbevölkerung geprägt ist, sind sowohl in Alltagspraktiken als auch in künstlerischen Aufführungen Zeugnisse ein wichtiges Mittel, um die gegenwärtige Gewalt zu öffentlich zu machen und andere Narrativen und Zugänge zur Realität herzustellen. Die vorliegende Arbeit untersucht die Eigenschaften und Formen von Bezeugungsprozessen in mexikanischen Performances der Gegenwart, welche die aktuelle Situation der Gewalt thematisieren. Dabei wird einerseits nach den unterschiedlichen Arten von Zeugnissen gefragt werden, die in den hier untersuchten künstlerischen Performances und den Formen des politischen Protests auftreten und andererseits auch der Vollzug von Zeugenschaft und deren Wahrnehmung durch die Zuschauer_innen analysiert. Ausgehend von den Grundvoraussetzungen und Charakteristika von Zeugenschaft, die im ersten Teil der Untersuchung vorgestellt werden, wird im zweiten Teil die Verschränkung von Zeugenschaft und Performance betrachtet und dabei die Performativität und der Aufführungscharakter von Bezeugungsprozessen, wie auch das Bezeugen als Wahrnehmungsvorgang in Performances herausgearbeitet. Der dritte Teil beleuchtet die Spezifizität der Zeugenschaft in mexikanischen Performances anhand der gegenwärtigen Tendenzen der mexikanischen Theater- und Performancetheorie und der szenischen Praxis. Ausgehend von der theaterwissenschaftlichen Perspektive auf Zeugenschaft als kulturelle Aufführung wird im vierten Teil der Arbeit gezeigt, dass in den mexikanischen Performances nicht nur der Text, also die gesprochene und geschriebene Sprache, sondern auch der Körper und bestimmte Materialien zu Zeugnissen werden können. Diese drei Formen der Zeugenschaft, Sprach-, Körper- und Spurenzeugnisse, werden anhand der ausgewählten Performances auf ihre jeweiligen Voraussetzungen und Charakteristika befragt und die unterschiedlichen Vorgänge der Wahrnehmung der Zuschauer_innen als sekundäre Zeug_innen analysiert. Neben den künstlerischen Performances von Lorena Wolffer, Rosa María Robles, Teresa Margolles und des Kollektivs Colectivo Danzarena werden dabei auch die Bürger_inneninitiative Bordando por la Paz und die gegenwärtigen Proteste der Angehörigen von verschleppten Menschen untersucht. Die vorliegende Forschungsarbeit eröffnet neue Perspektiven auf Bezeugungsprozesse als wirklichkeitskonstituierende Wissenspraktiken und zeigt, dass diese neben der epistemischen, ethischen und politischen auch eine spezifisch ästhetische Dimension bergen, indem sie „aufgeführt“ werden. Davon ausgehend macht die Untersuchung deutlich, dass gerade in Situationen der extremen Gewalt unterschiedliche Formen des Bezeugens in Performances auftreten, durch die Wissen und Erinnerung „verkörpert“ werden und diese „Performances der Zeugenschaft“ dabei das Potenzial der Resistenz sowie der Erschaffung neuer Wirklichkeiten und Gemeinschaften in sich tragen.
Abstract
(Englisch)
Testimony is a fundamental epistemic and social practice of transmitting and restoring knowledge as well as fulfilling ethical and political functions, not only in the context of court procedures but also in other areas of human culture. Particularly the act of bearing witness of dictatorship, war and violation of human rights functions as a search for truth and clearance of crimes, which is crucial for the individual and collective processing and can be classified as a past or present resistance to imposed oblivion and concealment. Mexico is currently - especially since the declaration of war against the drug cartels - struck by extreme violence and state repression and testimonies are both in practices of daily life and artistic performances an important medium to make the actual violence public and to produce other narratives and approaches to reality. The present study examines the properties and forms of the process of witnessing in contemporary Mexican performances that address the actual situation of violence. On the one hand it explores different modes of testimonies emerging in the consulted artistic performances and forms of political protest, on the other hand it analyses the implementation of bearing witness and the produced perception of the spectators. Based on the main conditions and characteristics of testimony, which are presented in the first part of this paper, the second part focuses on the entanglement between the act of testifying and performance, investigating the performativity of bearing witness, and also on testifying as a process of perception in performances. The third part examines the specifics of testimony in Mexican performances by reference to present tendencies of theory and praxis of theatre in Mexico. Based on a performative perspective on the act of bearing witness, and conceiving testimony as a cultural performance, the fourth part of the paper shows that in Mexican performances not only the text, thus the spoken and written language, but also the body and certain materials obtain the function of testimonies. On the base of the selected performances these three forms of testifying - testimonies of language, body and vestiges - are explored in relation to their requirements and characteristics, analysing the different mechanisms of perception of the audience as secondary witnesses. Apart from the artistic performances of Lorena Wolffer, Rosa María Robles, Teresa Margolles and the group Colectivo Danzarena the paper also examines the citizens’ initiative Bordando por la Paz and the actual manifestations of the relatives of disappeared people. The present research reveals new perspectives on the act of testifying, understanding it as a practice of knowledge constituting reality. It demonstrates that in addition to the epistemic, ethical and political dimension there is a specific aesthetic one, which is “performed” while bearing witness. With this premise the research emphasizes that - especially in situations of extreme violence - specific forms of testimony emerge, that “embody” knowledge and memory, and it elucidates the potential of these “performances of testimony” for the purpose of resistance and for the creation of new realities and communities.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
testimony performance Mexico violence
Schlagwörter
(Deutsch)
Zeugnis Performance Mexiko Gewalt
Autor*innen
Anya Natascha Deubel
Haupttitel (Deutsch)
Spuren der Gewalt
Hauptuntertitel (Deutsch)
Zeugnis und Zeugenschaft in mexikanischen Performances der Gegenwart
Publikationsjahr
2014
Umfangsangabe
162 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Brigitte Marschall
Klassifikationen
24 Theater > 24.03 Theorie und Ästhetik des Theaters ,
24 Theater > 24.13 Theatergattungen, Theatersparten
AC Nummer
AC12256936
Utheses ID
31312
Studienkennzahl
UA | 317 | | |
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