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Deradikalisierungsprozesse von Rechtsextremist_innen in Deutschland
Distanzierungsvorgänge am Beispiel der Analyse von Aussteiger_inneninterviews
Dorothee Zeune
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Internationale Entwicklung
Betreuer*in
Beatriz De Abreu Fialho Gomes
DOI
10.25365/thesis.37708
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-30211.30872.866053-1
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Diese Arbeit untersucht Deradikalisierungsprozesse aus rechtsextremistischen Gruppierungen in Deutschland anhand von Interviews mit ehemaligen Rechtsextremist_innen. Die Inter- views sind im Rahmen der Deradikalisierungsarbeit der Organisation „EXIT-Deutschland“ entstanden und wurden von erfahrenen EXIT-Mitarbeiter_innen geführt. Im Rahmen eines Forschungspraktikums konnte die Autorin diese Erzählung hinsichtlich der Hauptforschungs- frage „Welche Dynamiken wirken hinter Deradikalisierungsprozessen von Rechtsextre- mist_innen?“ analysieren. Insbesondere lag das Augenmerk hier auf der Untersuchung der Rolle des ideologischen Bezugsrahmens.
Um die Frage weiter auszudifferenzieren, wurde eine inhaltlich strukturierende, qualitative Inhaltsanalyse von zehn Aussteiger_inneninterviews durchgeführt. Folgendes kann festgehal- ten werden:
Deradikalisierungsprozesse zeigen sich innerhalb des untersuchten Samplings als sehr per- sönliche, divergierende Vorgänge. Allerdings wird auch deutlich, dass sich die Mechanis- men, die hinter diesen persönlichen Erzählungen wirken, oftmals ähneln:
Ideologie scheint während des Einstieges und zu Beginn der Zeit in der Gruppierung eine untergeordnete Rolle zu spielen. Einstiegsgründe lassen sich vor allem in individuellen Prob- lemlagen finden, die durch die als positiv wahrgenommene Wirkung der Gruppe substituiert werden können. Erst in diesem Kontext erfolgt die „Ideologisierung“ des Individuums. Die Ideologie bietet u.a. logische Erklärungs- und Lösungsmechanismen für individuelle Miss- stände. Negative Gefühle werden innerhalb der Ideologie vor allem mit „Unfreiheit“ und Feindbildern verbunden, die es zu überwinden bzw. zu bekämpfen gilt. Unterstützt wird die Anfälligkeit für rechtsextreme Deutungsschemen durch regionale und/oder insbesondere fa- miliäre Affinität zu rechtskonservativen und/ oder rechtsextremen Meinungen.
Während der Zeit im Rechtsextremismus zeigen sich dem Individuum verschiedene störende Faktoren auf, die in allen Fällen mit stark empfundener Enttäuschung in Verbindung stehen. Seien diese Faktoren übermäßiger Alkoholkonsum innerhalb der Gruppe, fehlende Ideale der Kamerad_innen, oder die ständig ausgeübte Kontrolle der Gruppe auf das Individuum. Diese Faktoren wirken zunächst implizit und werden verdrängt, entschuldigt oder gerechtfertigt. Individuelle Schlüsselerlebnisse führen nun dazu, dass die implizit wirkenden Faktoren zu explizit wirkenden Ausstiegsgründen werden. Schlüsselerlebnisse unterscheiden sich in ihrem Auftreten grundlegend, aber sind immer an die individuelle Lebenswirklichkeit der Aussteiger_innen geknüpft. So stehen diese Ereignisse bei weiblichen Aussteigenden zum Bei- spiel immer in Zusammenhang mit psychischer oder physischer Gewaltanwendung gegen- über ihren (Enkel-)Kindern seitens eines Lebenspartners oder eines anderen Vertrauten aus der Gruppierung. Ab diesem Zeitpunkt erfolgt die bewusste Auseinandersetzung mit einem potenziellen Ausstieg und der als widersprüchlich empfundenen Ideologie. Vor allem der wahrgenommene Widerspruch zwischen der persönlichen Freiheit und der dogmatischen Freiheit einer kollektiven Ideologie zeigen sich hier als wichtig. Deutlich wird, dass es vor allem besonders engagierte und idealistische Rechtsextremist_innen sind, bei denen eine Ex- plikation störender Faktoren zum Ausstieg führt. Während des Ausstiegsprozesses ist es vor allem der Verlust der Gemeinschaft und der sinngebenden Ideologie, der den/die Ausstei- ger_in vor große Herausforderungen stellt. Gelingt es nicht, diesen Verlust mit Hilfe von Außenstehenden abzufedern, so droht die Rückkehr in die rechtsextremistische Gruppe. Insbe- sondere professionelle Aussteiger_innenorganisationen zeigen sich hier als bedeutsam für den erfolgreichen Ausstieg. Die Untersuchung bestätigt, dass die Ideologie als entscheidendes Kriterium für Verbleib in oder Ausstieg aus dem Rechtsextremismus anzusehen ist. Damit werden die Chancen einer ideologiebezogenen Aufklärungs- und Deradikalisierungsar- beit deutlich.
Abstract
(Englisch)
This work focuses on deradicalization processes from right-wing extremist groups in Germa- ny. The analyzed interviews with former right-wing extremists have been emerged in the context of the deradicalization work, carried out by the organization ”EXIT-Deutschland". In the framework of intensified research, the author examined ten interviews based on the main research question ”Which dynamics act behind deradicalization processes of right-wing ex- tremists?“. The main focus lies on the role of ideology.
A qualitative-content-analysis was carried out. Therefore ten interviews with former right- wing extremists were chosen from the archive of the organization EXIT-Deutschland. The following results summarize the extensive analysis:
Deradicalization processes can be considered as very personal, divergent processes. Howev- er, there are similar mechanisms acting behind these personal narratives:
Ideology plays a minor role in order to join right-wing extremism groups. Individual prob- lems might be a reason for entering, which accordingly can be substituted by a positively perceived group effect. Once the group has been joined, the “ideology” then becomes more important. It provides logical explanations and solution mechanisms for personal problems. By means of ideology, negative emotions can mainly be associated with a “lack of freedom” and constructions of enemy images. The vulnerability to right-wing extremism interpretation schemes can be reinforced through regional and/or familial anchored far-right ideas and opin- ions.
While being a member, all individuals experience various disturbing factors, which, in all cases are linked to a strong feeling of disappointment. Such factors could be excessive alcohol consumption, the awareness of not sharing the same ideological ideals by the comrade- ship or the permanent control of the group over the individual. In the beginning, these factors are underestimated, excused or justified. Due to individual crucial experiences, these implicit appearing factors lead to explicit exit reasons. Crucial experiences may strongly differ, but are always linked to the personal framework of the former right-wing extremist. Group exits of female members are always influenced by psychological or physical violence against their (grand-)children, caused by life partners or other intimate reference persons from the group. Thus, a conscious dealing with exit and the ideology, which is perceived as contradiction, takes place. Above all, the perceived contradiction between personal freedom and the dog- matic freedom of a collective ideology is crucial. It was determined that especially those in- dividuals that used to be high idealistic, decide to turn away from right-wing extremism. The loss of the community and of the ideology might be the most challenging part former right- wing extremists have to deal with during the exiting-process. If it is not possible to substitute these negative feelings, the relapse to right-wing extremist groups is threatening. With the aim of a successful deradicalization, it is of importance that a professional organization ex- ists, in order to support the right-wing extremist. The given work illustrates that the individual perspective to ideology is to be regarded as the decisive criterion for exiting from right-wing extremist groups.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Deradicalization Right-wing extremism
Schlagwörter
(Deutsch)
Deradikalisierung Rechtsextremismus
Autor*innen
Dorothee Zeune
Haupttitel (Deutsch)
Deradikalisierungsprozesse von Rechtsextremist_innen in Deutschland
Hauptuntertitel (Deutsch)
Distanzierungsvorgänge am Beispiel der Analyse von Aussteiger_inneninterviews
Paralleltitel (Englisch)
Right-wing extremist deradicalization processes in Germany
Publikationsjahr
2015
Umfangsangabe
IV, 98 S.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Beatriz De Abreu Fialho Gomes
AC Nummer
AC12377916
Utheses ID
33428
Studienkennzahl
UA | 066 | 589 | |
