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Brechts Lehrstücke zwischen Emanzipation und Indoktrination
Calvin Kiesel
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Lehramtsstudium UF Psychologie und Philosophie UF Deutsch
Betreuer*in
Stefan Krammer
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.45983
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-16477.86944.888363-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Bertolt Brechts Lehrstücke zählen zu den umstrittensten literarischen Werken des Autors, ja des 20. Jahrhunderts überhaupt. Mal wurde ihnen vorgeworfen, die Tötung unschuldiger Menschen im Namen einer totalitären Ideologie zu rechtfertigen, mal wurden sie als Modell eines fortschrittlichen Theaters beworben, in dem Eigenaktivität und Kritik gefördert wurden. Der Kern der Kontroverse wird in dieser Arbeit in der Frage gesehen, inwiefern es emanzipatorische oder umgekehrt indoktrinierende Tendenzen in den Lehrstücken gibt. Diese Frage wird mithilfe der marxistischen Hermeneutik Fredric Jamesons untersucht, die Literatur aus politischer Perspektive im Rahmen einer Geschichte der Freiheit in drei Schritten interpretiert und dabei auch deren innere Spannungen beleuchtet. Erstens weist ein textimmanenter Blick mit einer Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft und einem teils ideologisierten Gebrauch marxistischer Theorie indoktrinierende Aspekte nach, die aber von deutlichen emanzipatorischen Impulsen der Gesellschaftskritik und der kritischen Hinterfragung des Kollektivs konterkariert und abgeschwächt werden. Zweitens zeigt eine Analyse des diskursiven Kontextes der Stücke, dass die Lehrstücke in Auseinandersetzung mit anderen Formen des proletarischen Theaters entwickelt, von spielenden Laien vor einem meist jungen Publikum der Arbeiterklasse aufgeführt, und aufgrund von Rückmeldungen dieses Publikums überarbeitet wurden. Die Spielpraxis belegt durch die Förderung von Eigenaktivität und Kritik die emanzipatorische Absicht und die Überarbeitungen zeigen, wie die indoktrinierenden Tendenzen auf der Textebene abnahmen. Drittens offenbart eine Einbettung in einen größeren historischen Rahmen durch exemplarische Bezüge zum sozialkritischen Drama Georg Büchners, zur Sozialpädagogik Johann Heinrich Pestalozzis und zur Theaterpädagogik Augusto Boals eine emanzipatorische Vor- und Nachgeschichte der Lehrstücke. Die Analysen führen insgesamt zu einer differenzierten Beurteilung der Lehrstücke, die weder als ideologisch durchtränkt zu verurteilen noch unkritisch zu sehen sind, wie es in einer aufgeheizten Diskussion oft der Fall war. Sie weisen zwar teils nicht zu leugnende problematische indoktrinierende Aspekte auf, die aber durch einen klar überwiegenden emanzipatorischen Impuls zurückgedrängt werden. Die Bezüge zur Theaterpädagogik nach Brecht erlauben es, die Gefahr der Indoktrination selbst in emanzipatorisch motivierten Vermittlungsprozessen als ein Grundproblem bis in die Gegenwart zu sehen, sodass stets ein Bewusstsein für diese Gefahr und eine Gegensteuerung gefordert sind.
Abstract
(Englisch)
Bertolt Brecht’s learning plays are among the author’s most controversial works. Sometimes they were accused of justifying the killing of innocent people in the name of a totalitarian ideology; sometimes they were understood as a model for a progressive theatre in which activity and criticism are promoted. In this work the core of the controversy is seen in the question whether there are emancipatory or indoctrinating tendencies in the learning plays. This question is examined by means of Fredric Jameson’s Marxist hermeneutics. This theory interprets literature from a political perspective of a history of freedom and also looks at the inner tensions of texts. The interpretation consists of three steps. Firstly, a text-based examination reveals the indoctrinating tendencies of the individual’s subordination under society and the partly ideological use of Marxist theory. But it also shows the emancipatory aspects of social criticism and a critical questioning of the collective which thwart and weaken the indoctrinating tendencies. Secondly, an analysis of the cultural context of the plays has significant results. The learning plays were developed in a confrontation with other forms of proletarian theatre. They were mostly performed by laypersons in front of a young working-class audience and they were adapted in reaction to the audience’s feedback. By promoting activity and criticism the performance practice proves the emancipatory intention. Moreover, the adaptations show a reduction of the indoctrinating tendencies in the texts. Thirdly, the plays are embedded in a greater historical context by connections to Georg Büchner’s social drama, Johann Heinrich Pestalozzi’s social pedagogics and Augusto Boal’s theatre pedagogics. This reveals an emancipatory prehistory and posthistory of the learning plays. All in all, the analyses lead to a balanced judgment of the learning plays which are neither to be condemned as ideologically contaminated nor to be seen uncritically. In heated discussions both has often been the case. Indeed, the learning plays have some problematic indoctrinating tendencies, but these are pushed back by a clearly predominating emancipatory incentive. The connections to theatre pedagogics after Brecht allow understanding the danger of indoctrination even in didactic processes with emancipatory intentions as a basic problem until the present day. Hence an awareness of this danger and strategies to face it are necessary.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Bertolt Brecht Lehrstücke Learning Plays Emancipation Indoctrination Ideology Social Criticism Theatre History Proletarian Theatre Marxist Hermeneutics Laypersons
Schlagwörter
(Deutsch)
Bertolt Brecht Lehrstücke Emanzipation Indoktrination Ideologie Gesellschaftskritik Theatergeschichte Theaterpädagogik Proletarisches Theater Marxistische Hermeneutik Laientheater
Autor*innen
Calvin Kiesel
Haupttitel (Deutsch)
Brechts Lehrstücke zwischen Emanzipation und Indoktrination
Paralleltitel (Englisch)
Brecht's learning plays between emancipation and indoctrination
Publikationsjahr
2017
Umfangsangabe
150 Seiten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Stefan Krammer
Klassifikationen
18 Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein > 18.10 Deutsche Literatur ,
24 Theater, Film, Musik > 24.06 Theatergeschichte
AC Nummer
AC13673800
Utheses ID
40695
Studienkennzahl
UA | 190 | 299 | 333 |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1