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Wer hat Angst vor dem "Bremer Taliban"?
Diskursanalyse der medialen Berichterstattung im Fall Kurnaz
Richard Solder
Art der Arbeit
Magisterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Sozialwissenschaften
Betreuer*in
Thomas Alfred Bauer
DOI
10.25365/thesis.4845
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29606.50633.275770-9
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Der Fall Kurnaz sorgte besonders in Deutschland für Furore. 2002 kam der Bremer in US-Haft in Guantánamo. 2006 wurde er freigelassen, nachdem über die Jahre nie Beweise für eine Verbindung zu Al-Qaida oder den Taliban gefunden wurden. Meine Magisterarbeit analysiert als publizistik- und kommunikationswissenschaftliche Untersuchung die Berichterstattung von Tageszeitungen über diese Causa. Nicht zuletzt der medial eingeführte und gefestigte Beiname Kurnaz’, „Bremer Taliban“, zeigt die zentrale Rolle der Medien in der Affäre. Durch die Art und Weise wie über Kurnaz berichtet wurde, taucht die Frage auf, ob seine Staatszugehörigkeit sowie sein muslimischer Glaube für Zeitungen einen Unterschied machten. War der gebürtige Bremer mit dem türkischen Pass, der die Türkei nur aus dem Urlaub kennt, für die Journalisten „keiner von uns“?
Ausgangspunkt und erster Teil der Untersuchung ist das theoretische Spannungsfeld von Nation und Medien. Benedict Anderson (1988) definiert Nation als imagined community, als vorgestellte Gemeinschaft. Um zu funktionieren betont diese Gemeinde dabei ein „Wir“, dass sich einem äußeren „Sie“ gegenüberstellt. Etienne Balibar (1998) und Friedrich Krotz (2007) befassen sich mit der Bedeutung der Etablierung und Aufrechterhaltung dieses Modells durch die Medien. Mit der Stellung von Diskursen in diesem „System“ setzt sich Siegfried Jäger (2000) auseinander, der darauf verweist, dass Wirklichkeiten diskursiv entstehen, d.h. Diskurse spiegeln nicht Tatsachen wider, sondern konstruieren ihre eigenen Realitäten. Entscheidend ist dabei, wer im Diskurs die Macht hat. Von dieser Position aus kann auf die „Gestaltung“ der medialen Wirklichkeiten Einfluss genommen werden. Ruth Wodak (1998) beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der diskursiven Konstruktion nationaler Identitäten. Gaye Tuchman (1978) zeigt anhand des Framing-Modells, wie Journalisten durch ihren eigenen Blick, ihr eigenes „Fenster zur Welt“ die Realität verändern.
Aufbauend auf diese theoretische Basis beantwortet der zweite Teil der Arbeit die Problemstellung, indem das Fallbeispiel diskursanalytisch untersucht wird. Eine Grobanalyse beleuchtet die Berichterstattung der fünf wichtigsten überregionalen deutschen Tageszeitungen und gibt einen Überblick über den Fall Kurnaz in den Medien von Jänner 2002 bis August 2006. Anhand einer Feinanalyse werden Artikel der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung genauer unter die Lupe genommen. So können Erkenntnisse sowohl zum Diskurs als Ganzem, als auch zur Stellung Kurnaz’ in den Wirklichkeiten der Artikel gewonnen werden. Was die Ergebnisse aus der Mikroanalyse betrifft, liegen die zwei Qualitätsmedien FAZ und SZ näher bei einander als man es erwarten würde. Beide Tageszeitungen, wobei die Süddeutsche Zeitung Ansätze einer zeitgemäßen, offenen Berichterstattung zeigt, konstruieren (diskursive) Realitäten (mit), in denen Murat Kurnaz vorverurteilt wird. In das „Wir“ der Artikel ist der Deutsch-Türke und Muslim Kurnaz nicht mit eingeschlossen. Die Darstellung des Islam ist in allen untersuchten Artikeln unausgeglichen oder gar problematisch.
Abstract
(Englisch)
The case of the former Guantánamo-prisoner Murat Kurnaz has made headlines in the last years, especially in Germany. Turkish citizen Kurnaz was born and raised in Bremen, in the north of the “Bundesrepublik”. He was brought to the detainment camp in Cuba by the US-Army in 2002 and released in 2006 due to the lack of evidence linking him to either the Taliban or Al-Qaida. From the perspective of the Mass Media and Communication Science, this thesis deals with how the German newspapers covered the affair. The media took over a central role in the case, e.g. by creating the nickname the “Bremer Taliban” (meaning “the Taliban from Bremen”). This was echoed by newspapers and TV-channels everywhere which led a lot of people to identify Kurnaz more and more with the negative connotation of this name. Because of the way the case was covered the question arose if his nationality and his Islamic belief made any difference. Was Kurnaz, from the reporters’ point of view, not part of the (German) community and, if that was the case, did that affect the reports on a man who had no evidence of any wrong-doing against him?
The starting point and first major part of the research is the theory section, in which the relationship between the model of the nation and the media is examined. Benedict Anderson (1988) calls nations imagined communities which have to differentiate a “we” from a “they” in order to function. Etienne Balibar (1998) and Friedrich Krotz (2007) discuss the role of the media in supporting and maintaining the system of the nation. Siegfried Jäger (2000) looks at the significance of discourses in this constellation and states that a discourse establishes its very own idea of reality. The question of the definition of this reality is always a question of power - the power to shape discourses. How reality is constructed by discourses concerning national identities is a problem Ruth Wodak (1998) tries to answer. With the framing approach Gaye Tuchman (1978) shows how journalists always look through their “window on the world” and how these frames influence newscasts.
The second half of this work consists of a discourse analysis which is based on the theoretical aspects and examines the case study: the affair surrounding Murat Kurnaz. There are, in fact, two parts to this analysis: A broader one gives an overview of the coverage in five important German newspapers as well as of the structure and the development of the discourse. But the core of the analytic part is an analysis of two articles in the conservative Frankfurter Allgemeine Zeitung and of two articles in the liberal Süddeutsche Zeitung. The results show more similarities in the discursive realities of the two papers than expected: In both cases Kurnaz had no hope of a neutral, objective coverage, although the Süddeutsche at least tried to report impartially to some extent. This thesis also makes clear that the journalists who wrote about the man from Bremen did not define him as part of the German community and had problems reporting on Islam without prejudices.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
Kurnaz, Murat Guantánamo Bay Camp X-Ray Turkey Germany coverage media violation of Human Rights USA terrorism War on Terror
Schlagwörter
(Deutsch)
Kurnaz, Murat Bucht von Guantánamo Camp X-Ray Türkei Deutschland Berichterstattung Medien Menschenrechtsverletzung USA Terrorismus Bekämpfung
Autor*innen
Richard Solder
Haupttitel (Deutsch)
Wer hat Angst vor dem "Bremer Taliban"?
Hauptuntertitel (Deutsch)
Diskursanalyse der medialen Berichterstattung im Fall Kurnaz
Publikationsjahr
2009
Umfangsangabe
220 S. : Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Thomas Alfred Bauer
Klassifikationen
05 Kommunikationswissenschaft > 05.20 Kommunikation und Gesellschaft ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.30 Massenkommunikation, Massenmedien: Allgemeines
AC Nummer
AC07643632
Utheses ID
4319
Studienkennzahl
UA | 066 | 841 | |
