Detailansicht

Theater in Bedrängnis
politische, soziale und ästhetische Vereinnahmungen des Madrider Theatergeschehens im späten 18. Jahrhundert
Judith Hoffmann
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Dr.-Studium der Philosophie Romanistik Spanisch
Betreuer*in
Friederike Hassauer
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.49196
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-13706.48715.431868-1
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Im Zentrum der Arbeit steht die Untersuchung der komplexen und multidimensionalen Rolle der beiden Madrider Volkstheater im ausgehenden 18. Jahrhundert. Unter dem Postulat einer neu eintretenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft (Luhmann) befindet sich im Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts auch das Theater in einem Ausdifferenzierungsprozess hin zu einem Teil des Subsystems Kunst. Kontinuierlich begleitet wird dieser Prozess vom implizit mitgedachten und bisweilen explizit formulierten aufklärerischen Ziel, das gemeine Volk aus den Theaterhäusern auszuschließen, um diese zu elitären Orten des Kunstgenusses zu machen. Begleitet und durchbrochen wird dieser Prozess zugleich aber vom Widerstand zahlreicher Vertreter einer nationalen Theaterpraxis barocker Tradition. Die vorherrschende Auseinandersetzung zwischen neoklassizistischer und barocker Ästhetik, zwischen Aufklärungspolitik ‚von oben‘ und vehementem Widerstand ‚von unten‘, zwischen afrancesados und castizos findet ihren Niederschlag auch im Madrider Theaterleben der zu Ende gehenden Epoche. In den seltensten Fällen allerdings sind die genannten Fronten klar voneinander abgrenzbar, zumeist greifen Positionen und Ideologien ineinander, stehen augenscheinlich unvereinbare Diskurse nebeneinander und stellen vermeintlich unverrückbare Grenzen sich als durchlässige Wegmarkierungen dar. Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist die politische, ästhetisch und soziale Funktion des Theaters eine ebenfalls mehrfache und mehrdimensionale, nicht nur in Hinblick auf Dramentexte, sondern auch und vor allem auf Raumkonzepte, Organisationsstrukturen und Aufführungspraxis. Das Theater des späten 18. Jahrhunderts in Madrid wie in Spanien generell befindet sich gleichsam ‚in Bedrängnis‘, wird zu unterschiedlichen ästhetischen, politischen und moralischen Zwecken vereinnahmt von unterschiedlichen ideologischen und institutionellen Seiten. Die forcierte Ablösung traditioneller comedias durch neoklassizistische Dramenformen geht einher mit einer forcierten Ausgrenzung gewisser Publikumsschichten aus dem Zuschauerraum sowie mit einer forcierten Bildungs- und Ausbildungsoffensive für Schauspielerinnen und Schauspieler. Zugleich aber steht der laufende Spielbetrieb unter der Prämisse eng gesteckter ökonomischer Rahmenbedingungen, unter dem Einfluss staatlicher und religiöser Zensur sowie unter der Beobachtung von Presse und Politik. Verbunden ist das gesellschaftliche Subsystem Theater mit ihnen durch eine Reihe von strukturellen Kopplungen an seinen Systemrändern, beeinflusst und gelenkt wird es in seinem inneren Erneuerungsprozess durch stete Irritationen und Vereinnahmungen von außen. Neben erhaltenen Dramentexten geben zahlreiche handschriftliche Korrespondenzen, Berichte, Verordnungen und andere gedruckte wie handschriftliche Quellen Aufschluss über die genannten Vereinnahmungen des Madrider Theatergeschehens im ausgehenden 18. Jahrhundert. Zu beobachten ist dabei ein massives Einwirken auf das Theatergeschehen der Stadt, aber auch umgekehrt wird die enorme Wirkung des Theaters auf die gesellschaftliche Entwicklung in der Sattelzeit (Koselleck) erkennbar
Abstract
(Englisch)
This paper focuses on the complex and multidimensional role of Madrilenian popular theatre in the last decades of the 18th century. Under the imperative of a new functional differentiation of society (Luhmann), Spanish theatre in the late 18th century experienced a process of differentiation in order to be part of art as a societal subsystem. This permanent process was accompanied by the implicit (and sometimes explicitly pronounced) aim of Enlightenment to exclude the populace from the theatres and turn these houses into sublime places of art appreciation. Yet, along with this process also went the sharp opposition of numerous representatives of a national baroque tradition of theatre and drama. Hence, the Madrilenian theatre of the late 18th century mirrored the predominating conflicts between neoclassical and baroque aesthetics, between the politics of Enlightenment imposed from above, and the sharp opposition rising from the bottom as well as between afrancesados and castizos. However, in the majority of cases the boundaries cannot be clearly separated. In most cases, different points of view and ideologies interweave, discourse which is apparently contradicting collocates, and seemingly fixed boundaries prove to be nothing else than permeable markers. Considering this situation, also the political, aesthetical and societal function of theatre was multiple and multidimensional, not only concerning playwrights, but also considering the spatial concepts, organisational structures and performance practice. For different aesthetical, political and moral reasons, Madrilenian as well as Spanish theatre in general found itself in a state of oppression, as it was engrossed by different ideological and institutional forces. As the traditional comedia was replaced by neoclassical drama, also certain parts of the audience were replaced by more educated and sophisticated spectators. This process was supported by an accelerated professional training programme for actors and actresses. Simultaniously, the theatres of Madrid found themselves under tight economic conditions as well as under strong stately and ecclesiastical censorship, while also being observed permanently by press and politics. The autopoietic social system of theatre was connected with all of these parameters by structural couplings at the boundaries. During its internal renewal process it was influenced and controlled by continuous external irritations and appropriations. The sources chosen for this research paper consist of original plays, handwritten correspondence, reports and other narrations, but also decrees and regulations. All of these sources, printed or handwritten, shed light on the complex processes and appropriations of the Madrilenian popular theatre in the late 18th century mentioned above. What can be seen, is a strong influence of different institutional powers on theatrical life, but also an enormous influence of theatre on social development during the onset of modernity.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
theatre Spain Madrid 18th century Enlightenment Neoclassicism popular theatre
Schlagwörter
(Deutsch)
Theater Spanien Madrid 18. Jahrhundert Aufklärung Neoklassizismus Theaterkultur Volkstheater Aufführungspraxis
Autor*innen
Judith Hoffmann
Haupttitel (Deutsch)
Theater in Bedrängnis
Hauptuntertitel (Deutsch)
politische, soziale und ästhetische Vereinnahmungen des Madrider Theatergeschehens im späten 18. Jahrhundert
Publikationsjahr
2017
Umfangsangabe
368 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Friederike Hassauer ,
Manfred Tietz
Klassifikationen
10 Geisteswissenschaften allgemein > 10.99 Geisteswissenschaften allgemein: Sonstiges ,
18 Einzelne Sprachen und Literaturen > 18.32 Spanische Literatur ,
24 Theater > 24.06 Theatergeschichte
AC Nummer
AC14501001
Utheses ID
43482
Studienkennzahl
UA | 092 | 236 | 352 |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1