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True-Crime-Dokus – zwischen Realität und Konstruktion
zu den Zusammenhängen zwischen Gewaltrezeption und Angst, Kultivierung und Angstbewältigung am Beispiel eines Unterhaltungsformats mit besonderem Realitätsanspruch
Markus Petrakovits
Art der Arbeit
Magisterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Sozialwissenschaften
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Magisterstudium Publizistik-u.Kommunikationswissenschaft
Betreuer*in
Peter Vitouch
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.50761
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29133.08263.261253-0
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
„True-Crime-Dokus“ sind Sendereihen des Reality-TV-Genres, die schwere Gewaltverbrechen und deren Aufklärung rekonstruieren. Thematisiert werden (ausschließlich) reale Fälle von Polizei und Justiz, wobei den kriminologischen und gerichtsmedizinischen Ermittlungsarbeiten eine zentrale Rolle zukommt. Kennzeichnend für das Format ist darüber hinaus die so genannte „Hybridisierung“, eine unscharfe Abgrenzung bzw. Vermischung dokumentarischer und fiktionaler Elemente, und demzufolge die Aushöhlung der Trennbereiche unterschiedlicher Realitätskonzeptionen. Bereits in den 80er Jahren wurde deshalb bei Untersuchungen zu „Aktenzeichen XY – ungelöst“ – dem ersten bekannten Vertreter dieser Gattung – über die „emotionale Unsicherheit“ moniert, die das Programm beim Publikum durch Identifikationsprozesse auslöse. Und auch heute noch findet die wissenschaftliche Debatte über True-Crime-Dokus im Spannungsfeld zwischen der dem Format einerseits attestierten Anziehungskraft und den ihm zugleich unterstellten negativen Folgewirkungen für seine Rezipienten statt. Thrill und Angstlust als Trigger der Zuwendungsattraktivität zögen aus medienpädagogischer Perspektive eine stereotype, unsichere und ängstliche Weltsicht gleichsam als besorgniserregenden Beifang hinter sich her. Bisherige Studien basierten allerdings vor allem auf Befragungen und Inhaltsanalysen – es fehlt daher an Ansätzen, welche die Wirkung von True-Crime-Dokus auf die Angst ihrer Zuschauer in einem methodischen Rahmen zu untersuchen vermögen, der zum einen kausale Interpretationen zulässt und zum anderen auch den Vergleich mit weiteren gewalthaltigen Genres erlaubt. Die vorliegende, methodisch als Experiment ausgelegte Studie versucht, genau diese Forschungslücke zu füllen. Sie entspricht dem Desiderat kausaler Beweisführung im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, indem sie konkrete, rezeptionsumspannende Angstmessungen vornimmt und Wechselwirkungen mit dispositionalen sowie situativen (postrezeptiven) Bewältigungskonzepten untersucht. Dabei werden drei Analyseschwerpunkte gesetzt, welche (1) den Effekt von True-Crime-Dokus auf die Angst der Rezipienten, (2) den Einfluss von dispositionalen und situativen Bewältigungskonzepten sowie (3) die Zielgruppenbestimmung des Formats umfassen. Zu diesem Zwecke wurden Probanden randomisiert vier verschiedenen Versuchsbedingungen – zwei unterschiedlichen True-Crime-Dokus, einer Nachrichtensendung und einem SciFi-Horrorfilm – sowie der Kontrollgruppe zugewiesen und die medialen Stimuli jeweils in eine Klammer aus prä- und postrezeptiv erfolgender Angstmessung eingebunden. Zusätzlich fanden Erhebungen zu dispositionalen und situativen Angstbewältigungsstrategien sowie zu soziodemografischen Merkmalen statt. Die Ergebnisse zeigten, dass der Konsum von True-Crime-Dokus die Rezipienten in signifikanter Weise ängstigt. Obwohl deskriptiv die höchsten Werte unter den beiden True-Crime-Bedingungen erzielt wurden, war eine inferenzstatistische Abgrenzung der Effektgrößen von jenen der Vergleichsgenres Nachrichten und Sci-Fi-Horror jedoch nicht möglich; von der Kontrollgruppe konnten sich hingegen alle Versuchsgruppen signifikant absetzen. Einen intervenierenden Einfluss auf die Angstreaktion hatte, abseits von jenem des Geschlechts, auch die dispositionale Angstbewältigungsstrategie. Eine genauere Analyse offenbarte jedoch, dass das treibende Moment hinter dieser Beziehung eher der Grundlevel an Zustandsangst vor der Rezeption denn ein genuiner Effekt der Bewältigungsstrategie selbst zu sein scheint. Dies wurde durch die Tatsache untermauert, dass lediglich zwei in sich homogene Gruppen beobachtet werden konnten: eine mit über das gesamte Experiment hinweg geringerem Angstpegel, welche „Represser“ und so genannte „Nicht-Defensive“ umfasste, die andere mit durchgehend höherem Ausprägungsgrad, in die „Sensitizer“ und „Hochängstliche“ fielen. Ungeachtet der Grund- und Endpegel der Angst, wiesen Represser jedoch eine signifikant höhere physiologische Reagibilität („Angstanstieg“) als Sensitizer auf. Eine ähnliche Verlaufsform – niedrigere Ausgangslevels bei gleichzeitig stärkerer Reaktion – zeigten erstaunlicherweise aber auch „Nicht-Defensive“. Als schlechter Prädiktor für den Angstverlauf erwies sich das allgemeine TV-Konsumausmaß, während die Ergebnisse bezüglich der Nutzungsfrequenz widersprüchlich zwischen den beiden Stimulus-Varianten ausfielen. Letzteres gilt auch für den „inhaltlichen Fokus“ auf die in den Sendungen thematisierten Verbrechen (Aufklärung/Sühnung vs. Unvorhersagbarkeit/Unkontrollierbarkeit), für den vorab beachtliche Einflüsse auf den Angstanstieg in den Versuchsbedingungen antizipiert worden waren. Die Unterscheidbarkeit von realen und nachgestellten Videosequenzen, welche als Marker für eine Gefährdung der Zuschauer durch die hybridisierte Darstellungsweise fungierte, schien aus Sicht der Rezipienten offenbar in höherem Maße gegeben zu sein als zunächst gedacht; nichts desto trotz fiel die Einordnung des Gesehenen dort leichter, wo aufklärende Textinformationen zur Verfügung gestellt wurden, und gelang dort schlechter, wo diese unterblieben. Die Resultate zur moderierenden Wirkung dieses, auf insgesamt drei konzeptuellen Ebenen erfassten, „wahrgenommenen Realitätscharakters“ auf den Angstanstieg waren allerdings recht indifferent. Die Zielgruppenanalyse von True-Crime-Dokus brachte ebenfalls überraschende Ergebnisse zutage, denn weder Rezeptions-Fokus noch Fernsehkonsum oder Angstbewältigungsstrategie stellten sich als erfolgreiche Prädiktoren für die Programm-Präferenz dar. Weshalb folglich Represser und Hochängstliche True-Crime-Dokus genauso gerne und häufig anzusehen scheinen als dies Sensitizer und Nicht-Defensive tun, obwohl ersteren eigentlich ein Angstreiz-vermeidender Bewältigungsstil innewohnt, bleibt vorerst ein ungelöstes Rätsel. Bis zu einem gewissen Grade lassen sich die Resultate mit einem weiteren durchaus überraschenden Befund erklären – denn es muss konzediert werden, dass die Sendungen offenbar weder häufig noch besonders gerne rezipiert werden. Mehr noch: True-Crime-Dokus gehören gemeinsam mit Horrorfilmen zu den unbeliebtesten aller erfassten Genres. Die vorliegende Studie geht mit ihrem theoretischen Ansatz neue Wege in der Erforschung von True-Crime-Dokus. Mit ihrem auf Kausalinterpretationen ausgelegten Design stellt sie ein vielversprechendes, aber – vor allem im Rahmen von Magister- und Masterarbeiten – in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft immer noch viel zu selten eingesetztes, methodisches Instrument dar. Sie soll deshalb auch als Plädoyer für eine stärkere Anwendung des sozialwissenschaftlichen Experiments in unserer Fachdisziplin verstanden werden und zugleich Anreize liefern, diesen Ansatz im Rahmen zukünftiger Forschungsbemühungen für vergleichbare Themen und Fragestellungen nutzbar zu machen.
Abstract
(Englisch)
This study addresses True-Crime-Documentary (“TCD”), a Reality TV subgenre featuring reconstructions of severe cases of violent crimes, characteristically pointing out investigational works of forensic science and criminology. Whereas those cases of police and justice actually took place in real life, media presentation uses “Hybridization” – a form of narration blurring the boundaries of documental and fictional elements, hence eroding the striplines of formally distinct “concepts of reality”. Research on the genre´s first representative “Aktenzeichen XY – ungelöst” started as early as during the 1980´s, criticizing the “emotional insecurity” triggered within its audience through processes of identification. Up to the present day scientific debates go on, arguing about the attraction that thrill can create in this TV format as well as uttering grave concerns on potentially negative consequences implied by the hybrid manner of representation in these programs. From a media-educational perspective the pleasure of fear combined with blurred boundaries lead to a stereotype, insecure and scary worldview of True-Crime-Documentary-viewers. Still, previous studies mostly based on content analysis and interviews lacked of methodological approaches that allow to clarify causal dependencies as well as to compare the programs to additional examples of violent genres. Based on an experimental design, the actual study was conducted to close those research gaps, measuring changes in anxiety during media reception and investigating coping strategies. During this undertakings, three priorities were set: (a) examining the impacts True-Crime-Documentary has on anxiety during the reception process compared to common genres of violence, (b) exploring the influence of dispositional and situational coping strategies, (c) differentiating the target audience of this TV format. Thus, subjects were randomly assigned to four different treatments, containing two variations of True-Crime-Documentary, a news broadcast and a Sci-Fi-horror movie. Under each condition, anxiety was measured before and after media stimulation. Additionally, dispositional and situational coping strategies as well as sociodemographic characteristics were inquired in the survey. In fact results show that watching True-Crime-Documentary considerably scares recipients. Yet, with the highest scores in the sample, it´s still not possible to differentiate their effects further from those of the Sci-Fi-Horror and News condition they were compared to – whereas in contrast all test-groups show significant differences towards the control-group. When it comes to intervening variables in this process, there are significant impacts of both sex and coping-strategy. However, the driving force of different responses linked to coping strategies seems to be the base level of anxiety shown before stimulation rather than a genuine effect of coping itself, asserted by the fact that only two homogeneous groups emerged – one including repressers and so called “non-defensives” with lower, the other one including sensitizers and so called “highly anxious” with greater levels of anxiety throughout the experimental process. Nonetheless, physiological reactivity was major within repressers and marginal within sensitizers. Stunningly, non-defensives showed very similar reactions than repressers with low base-levels but bigger movements. Surprisingly, television exposure did not turn out to be a good predictor on the growth of anxiety during reception progress, and findings on watching-frequencies were inconsistent between both stimulus variations. This also applied to the “receptional focus” – on either the solving and expiation of crimes or the unpredictability of their occurring (and lacking ability of control) – which was formerly thought to have considerable moderating influence, too. Discriminating real footage from reenacted parts – an ability set as an indicator of the viewer´s threat, caused by the hybrid form of depiction – seemed to work out better within the participants than expected; still easier though under that condition, where text-information was captioned, and worse, where it wasn´t delivered. Nonetheless, results on the influence of "perceived realism", which had been gathered at three conceptual levels, were contradictory. Audience analysis of True-Crime-Documentary offered astounding outcomes as well. Oddly, neither coping strategy nor television exposure could be identified as successful predictors of program-preference. Why repressers and high-anxious people would like and frequent True-Crime-Documentary at least equally as do sensitizers and non-defensives, still remains an unsolved mystery, since coping style of the first-mentioned should be an avoiding one. Up to certain extend these results surely refer to the fact, that the programs aren´t watched or liked a lot in general. Precisely, they weren´t preferred over any other genre mentioned in the survey at all. The current study pursues new paths in investigating True-Crime-Documentary. Its approach, based on an experimental design allowing causal interpretations, is a promising and prolific, yet too rarely utilized methodological instrument within the discipline, especially when it comes to master theses. Therefore, it is also indicated as a pleading for a more intense, encouraged adoption of this method, as well as an attempt to deliver incentives how experimental designs may be applied on comparable topics and issues in upcoming research projects.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
True-Crime-Documentary Real-Crime-Documentary Reality TV Real Crime Real-Life-Crime Crime-Shows Crime-TV violence authentic violence fictional violence anxiety thrill coping coping strategy dread R-S-construct repression sensitization STAI trait-anxiety reality fiction perception of reality hybridization cultivation cultivation theory Scary world entertainment
Schlagwörter
(Deutsch)
True-Crime-Dokus Real-Crime-Dokus Reality TV Real Crime Real-Life-Crime Crime-Shows Crime-TV Gewalt Gewaltrezeption reale Gewalt fiktionale Gewalt Angst Angstlust Thrill Angstbewältigung Angstbewältigungsstrategie Angstmessung Schrecken R-S-Konstrukt Repression Sensitization STAI Trait-Angst Realität Fiktion Realitätswahrnehmung Realitätscharakter Hybridisierung
Autor*innen
Markus Petrakovits
Haupttitel (Deutsch)
True-Crime-Dokus – zwischen Realität und Konstruktion
Hauptuntertitel (Deutsch)
zu den Zusammenhängen zwischen Gewaltrezeption und Angst, Kultivierung und Angstbewältigung am Beispiel eines Unterhaltungsformats mit besonderem Realitätsanspruch
Publikationsjahr
2017
Umfangsangabe
602 Seiten : Illustrationen, Diagramme
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Peter Vitouch
Klassifikationen
05 Kommunikationswissenschaft > 05.20 Kommunikation und Gesellschaft ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.30 Massenkommunikation, Massenmedien: Allgemeines ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.34 Rundfunk allgemein ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.36 Fernsehen ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.39 Massenkommunikation, Massenmedien: Sonstiges ,
05 Kommunikationswissenschaft > 05.40 Nachrichtenwesen ,
24 Theater, Film, Musik > 24.38 Fernsehen, Hörfunk ,
70 Sozialwissenschaften allgemein > 70.03 Methoden, Techniken und Organisation der sozialwissenschaftlichen Forschung ,
77 Psychologie > 77.05 Experimentelle Psychologie ,
77 Psychologie > 77.31 Kognition ,
77 Psychologie > 77.46 Emotion ,
77 Psychologie > 77.52 Differentielle Psychologie ,
77 Psychologie > 77.6 ,
77 Psychologie > 77.60 Sozialpsychologie: Allgemeines ,
77 Psychologie > 77.62 Soziale Wahrnehmung, Attribution ,
80 Pädagogik > 80.49 Medienerziehung ,
81 Bildungswesen > 81.67 Audiovisuelle Medien
AC Nummer
AC15411561
Utheses ID
44865
Studienkennzahl
UA | 066 | 841 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1