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Varietäten und ihr Kontakt enaktiv. Syntaktische Perzeptions- und Produktionsprozesse bei norddeutschen Zuwanderern in Österreich am Beispiel doppelter Relativsatzanschlüsse
Timo Ahlers
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Dr.-Studium der Philosophie (Dissertationsgebiet: Deutsche Philologie)
Betreuer*in
Alexandra Lenz
DOI
10.25365/thesis.79941
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-10958.08603.649466-8
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Varietätenkontakt – die sprachliche Kommunikation von Sprechern unterschiedlicher Varietäten – ist ein Phänomen, das im zusammenhängenden deutschen Sprachraum durch die digitale Kommunikationswende und neue Formen der inner- und zwischenstaatlichen Migration innerhalb Europas für Sprecher relevanter geworden ist. Da Varietäten in hohem Maße sozioindexikalisch interpretiert werden, sind sie für den Ausgang von Varietätenkontaktinteraktionen zwischen fremden Sprechern besonders relevant: Varietäten beeinflussen, mit wem wir bevorzugt ökonomische oder persönliche Bindungen eingehen. Möchten sich Sprecher einer neuen Sprechergemeinschaft anschließen, werden Varietäten meist nicht explizit im Rahmen von Sprachkursen, sondern in alltäglichen Varietätenkontaktsituationen gelernt. Insbesondere syntaktische Varianten wurden oft mit kritischen Lernperioden in Zusammenhang gebracht und gelten deshalb für Erwachsene als schwierig zu lernen. Es wurde daher in der Disseration ein Varietätenkontaktexperiment entwickelt, das diesen Fall prüfen wollte. Da bisher kein adäquater, umfassender kognitiver Varietätenbegriff vorliegt, wurde ein solcher zunächst im Rahmen des enaktiven Kognitionsparadigmas entwickelt. Dieses ist, anders als das kognitivistische Paradigma, mit Lernprozessen autonomer, autopoietischer, lernender Sprecher kompatibel. Der entwickelte enaktiv-kognitive Varietätenbegriff dient der Untersuchung von Varietäten auf der individuellen Mikro-, der konversationellen Meso- und der populativen Makroebene. Dabei werden jeweils die Funktion, Repräsentation, Implementierung, das Lernen und die Evolution gesondert untersucht und auf Varietätenkontakt ausgeweitet. Doppelte Relativsatzanschlüsse wurden u. a. anhand einer Korpusanalyse des umfangreichen mündlichen Zwirner-Materials als gesamtbairisches syntaktisches Phänomen identifiziert und für die folgenden Experimente herangezogen. Zunächst wurde eine Online-Studie zur perzeptiven Salienz syntaktischer Varianten mit 435 Probanden durchgeführt, um zu ermitteln, ob syntaktische Varianten im Varietätenkontakt überhaupt auffallen und nicht etwa automatisch durch die Sprecher „repariert“ würden. Das Phänomen doppelter Relativsatzanschluss hat sich in allen Teilnehmergruppen als robust salientes Phänomen erwiesen. Im anschließenden Kontaktexperiment wurden 30 Teams aus jeweils einem norddeutschen Sprecher und einem eingeweihten Bairischsprecher zusammengebracht. Sie spielten ein referential communication game bei dem die Bairischsprecher vorab darauf trainiert wurden, möglichst dialektal zu sprechen und doppelte Relativsatzanschlüsse zu verwenden. So konnte das Anpassungsverhalten der Norddeutschen beobachtet werden. Es zeigte sich, dass die Norddeutschen das Phänomen zwar nicht während der Interaktion, aber in vielen Fällen in einer anschließenden Imitationsaufgabe gebrauchten, um den Dialekt des Spielpartners zu imitieren. Außerdem änderte sich die Akzeptanz des Phänomens durch die Interaktion. Sprecher, die sich besonders stark anpassten, wiesen in einem Persönlichkeitstest signifikant höhere Werte zu den Dimensionen „Gewissenhaftigkeit“ und „Offenheit“ auf. Sie hielten sich im Durchschnitt zudem bereits sechs Monate länger in Österreich auf. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass selbst als schwierig zu erlernende syntaktische Phänomene in alltäglichen Varietätenkontaktsituationen immersiv gelernt werden können.
Abstract
(Englisch)
Variety contact – the communication of speakers of different language varieties – is a phenomenon that has increased recently not only in the German-speaking world, but in other languages as well. New forms of digital communication and new transnational possibilities of migration within Europe have, among other factors, contributed to the fact that speakers experience variety contact in their everyday life. Variety usage displays a great deal of information about speakers and it affects the outcome of ongoing interactions with others. Varieties are not explicitly learned, e. g. through language courses, thus variety-contact interactions are the only possibilities for learning and adapting to other varieties. In comparison to classical language learning settings, these situations provide only little explicit feedback. In particular, the learning of syntax is often associated with critical periods. The learning process of adults regarding new syntactic variants in variety-contact interactions is regarded as difficult. A variety-contact experiment was developed and set-up with 30 participant pairs as a confederate referential communication task to investigate these issues. Prior to that, a cognitive variety concept was developed in the enactive paradigm that is compatible with the learning processes of autonomous, autopoietic, learning speakers. A typical Bavarian variant, doubly-filled COMP relative clauses, was chosen as a stimulus, as the results of a corpus analysis of the oral Zwirner Data and an online questionnaire show. To ensure that participants noted the syntactic variant in the contact interactions, an online perception experiment was conducted with 435 participants from Austria, Germany and Switzerland. It revealed a high grade of saliency for the phenomenon. In the contact experiment standard speakers from northern Germany that migrated recently to Austria were brought in contact with Bavarian speakers from Austria. They played a computer-mediated language game that evoked the usage of relative clauses with changing roles. The confederate Bavarian speakers were trained to use doubly-filled COMP relative clauses such that the Northern Germans’ behaviour could be observed regarding accommodation processes. None of them used unambiguous instances of the phenomenon during the experiment, but half of them did in a subsequent imitation task. This shows that these speakers learned the phenomenon at least perceptively and could use it as a socio-indexical variant to signal the Bavarian dialect in the production task. It was also shown that bad scores for the acceptability of that phenomenon increased because of the contact interaction. Especially those participants who adapted more strongly to the syntactic variant a) had higher personality scores with respect to “openness” and “conscientiousness” and b) had been in Austria for about 6 months longer than the other group. This indicates that repetitive variety contact may lead to variety learning even under difficult learning conditions and even for the difficult case of syntax learning of adults.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
variety contact variety production perception syntax relative clause Bavarian accommodation enactivism migration
Schlagwörter
(Deutsch)
Varietätenkontakt Varietät Produktion Perzeption Syntax Relativsatz Bairisch Akkommodation Enaktivismus Migration
Autor*innen
Timo Ahlers
Haupttitel (Deutsch)
Varietäten und ihr Kontakt enaktiv. Syntaktische Perzeptions- und Produktionsprozesse bei norddeutschen Zuwanderern in Österreich am Beispiel doppelter Relativsatzanschlüsse
Publikationsjahr
2018
Umfangsangabe
331, XXXVI Seiten : Illustrationen, Diagramme, Karten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Franz Patocka ,
Nikolaus Ritt
Klassifikationen
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.06 Sprachwissenschaft: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.08 Semiotik ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.18 Dialektologie ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.20 Soziolinguistik: Allgemeines ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.23 Mehrsprachigkeit ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.24 Gruppensprachen, Fachsprachen, Sondersprachen ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.52 Syntax
AC Nummer
AC15260446
Utheses ID
49288
Studienkennzahl
UA | 792 | 332 | |
