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Das Skizzenbuch des Stefano della Bella aus der Albertina in Wien
Stefan Musil
Art der Arbeit
Diplomarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Betreuer*in
Monika Dachs-Nickel
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.711
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-29488.86014.209454-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Ein „Meister der Barockradierung“ wurde Stefano della Bella anlässlich der rezentesten, seiner Kunst gewidmeten Ausstellung in Karlsruhe genannt. Von Kennern geschätzt, dem Publikum aber nur wenig bekannt – so lautet der Tenor, der sich wie ein roter Faden durch die Literatur über den Florentiner Künslter zieht. Wäre Moriz Thausing nur annähernd so begeistert über die beiden Skizzenbücher gewesen, die er 1875 für die Sammlung der Albertina erwarb und voreilig Jacques Callots zuschrieb, wenn er von der wahren Autorenschaft, nämlich der Stefano della Bellas gewusst hätte? Oscar Levertin, der Thausings irrige Annahme wenig später widerlegte, lies unmissverständlich erkennen, welchem der beiden Grafiker er den Vorzug gab. Von Stefano della Bella spricht Levertin als dem „begabtesten Nachfolger“ Callots, einem „weichen, eklektischen Künstler“, der in „elegantem, aber dünnem und recht schütterem Stil ältere Vorbilder nachahmt und paraphrasiert“. Ein immer wieder gerne bemühtes Vorurteil, das bis heute seine Schatten auf die Rezeption des Florentiners wirft. Was Levertin allerdings in seiner scharfsinnigen Analyse vergisst, ist, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um ein Skizzenbuch handelt, um einen Arbeitsbehelf. Noch dazu nicht um den eines reifen Meisters, sondern eines jungen Künstlers, der sich gerade seine Sporen auf dem Weg zum hoch geschätzten Zeichner und Radierer im Zuge eines Studienaufenthalts in Rom verdient. Die insgesamt 97 Zeichnungen, die sich in der Albertina als ein zerlegtes sowie ein schmales, gebundenes Skizzenbuch erhalten haben, stellen eines der bedeutendsten Zeugnisse von Della Bellas römischer Zeit dar und sind darüber hinaus einer der raren Belege seiner frühen Schaffensjahre. Was Thausing in seiner ersten Publikation über diese Skizzen andeutet, dass nämlich hier ein Skizzenbuch zerlegt und in seinen Einband andere Blätter mit schwächeren Skizzen wieder eingefügt wurden, ist in der nachfolgenden Literatur nicht mehr beachtet worden. Die beiden Skizzenbücher wurden immer als zwei verschiedene betrachtet. Anhand meiner Untersuchung konnte nun nachgewiesen werden, dass es sich bei beiden Büchern ursprünglich um ein einziges gehandelt hat, das vor dem Ankauf für die Albertina 1875 zerlegt worden sein muss. In der Zusammenführung dieser beiden Bestände ergab sich somit eine neue, spannende Ausgangslage für die Beschäftigung mit den bisher nur partiell, teils spärlich oder gar nicht bearbeiteten Skizzen. Mit dem wieder vereinten Konvolut liegt somit wohl auch das erste jener Skizzenbücher vor, die in den Jahren in Rom entstanden sind. Von diesen hat sich als einziges in den Uffizien eines im originalen, gebundenen Zustand komplett erhalten, weitere einzelne Blätter und Fragmente vermutlich aus ähnlichen Heften werden neben den Uffizien und dem Louvre auch im Gabinetto Nazionale delle Stampe in Rom und in anderen Sammlungen bewahrt. Vor allem bei den Zeichnungen aus den Uffizien und aus dem Louvre handelt es sich um wertvolle Vergleichsbeispiele, die ich für meine Arbeit herangezogen habe. In der Zusammenschau ergibt dies ein aussagekräftiges Panorama über die frühe römische Zeit, das vieles über die Arbeitsweise und die Entwicklung des Künstlers verrät. Das Wiener Skizzenbuch tangiert dabei, wie kein anderes der erwähnten Zeugnisse, in zahlreichen Vorstudien die drei bedeutendsten druckgrafischen Arbeiten aus diesen Jahren: Den sechsteiligen Zyklus „Der Einzug des polnischen Gesandten in Rom 1633“ (dV/M 44-49), die acht „Marinestücke“(dV/M 810-817) und die Radierungen die Stefano della Bella aus Anlass des Begräbnisses für den Prinzen Francesco de’ Medici geschaffen hat (dV/M 36, 74, 971-978). Wobei im Zuge meiner Studie den bisher bekannten Vorzeichnungen weitere hinzugefügt werden konnten. Für seine Radierungen schöpfte Stefano aus dem bildnerischen Fundus den er in seinen Skizzenbüchern sammelte. Dieser setzt sich aus Skizzen die in der Natur gezeichnet wurden, aus weiterführenden Studien und aus Kopien zusammen. Erstaunlich ist dabei mit welcher Akribie und Sorgfalt und anhand welch großer Zahl an Studien sich der junge Künstler auf die Umsetzung seiner Themen in der Radierung vorbereitete. Im Rahmen der Arbeit wurde versucht, die in der Literatur gerne pauschal und vorschnell als „vor der Natur gezeichnet“ angeführten Skizzen in eine sinnfällige Abfolge zu bringen, sie dem Entstehungsprozess einzugliedern und somit die Arbeitsweise Della Bellas erkennbar zu machen. Es zeigte sich besonders deutlich anhand der Skizzen zum „Einzug des polnischen Gesandten in Rom 1633“, dass Della Bella zunächst in natura Gesehenes in weiteren Studien präzisiert und verfeinert, um sich das Gefundene anzueignen. Schließlich stellt er auch Überlegungen zur komplexen Gesamtkomposition an. Dort wo ihm die Darstellung exotischer Reiter und Tiere, die er vermutlich selbst nicht gesehen hat, Schwierigkeiten bereitet, greift er auf alte Druckgrafiken zurück, kopiert sie und fügt sie dann seiner Radierung entsprechend angepasst ein. Das Kopieren stellt sich generell im Skizzenbuch der Albertina, aber auch in dem aus den Uffizien, das länger als das Wiener Buch in Verwendung stand, als wichtiges Prinzip im Schaffen Stefano della Bellas aus diesen Jahren dar. Zum einen kopiert er, wie bereits erwähnt, um künstlerische Probleme zu lösen, wobei das Vorbild dann gelegentlich beinahe wörtlich in die Radierung übernommen wird, meist jedoch als Echo erkennbar bleibt. Zum anderen bedient der sich des Prinzips des Kopierens nach Druckgrafiken und Fresken als wichtige Studientechnik. Um etwa komplizierte Köperfiguren zu lernen, sich neue Formen anzueignen und seine Ausdrucksskala zu erweitern. Dabei greift er auf Vorlagen der Alten, wie Lucas van Leyden, Hans Holbein und Albrecht Dürer zurück, zeichnet nach der Antike aber auch nach Neuerem von Jacques Callot, Filippo Napoletano, Cherubino Alberti und etwa Guido Reni. Hier wurden die bisher bekannten und an verschiedener Stelle publizierten Vorbilder zusammengeführt und einige neue ausfindig gemacht. Eine Reihe von Landschaftsdarstellungen aus dem heute gebundenen und bisher nicht bearbeiteten Teil des Skizzenbuches lassen wiederum erkennen, wie sich Stefano an Zeitgenossen aus dem Umkreis der in Rom tätigen Holländer, wie Bartholomeus Breenbergh und Cornelis van Poelenburgh orientiert. Beleuchtet wurde anhand der Arbeiten im Wiener Skizzenbuch schließlich auch die Frage, wie sehr Della Bella der genaue Berichterstatter der Ereignisse seiner Zeit ist, als der er oft und gerne bezeichnet wird, oder, ob aus seinen Radierungen mehr Dichtung als Wahrheit spricht, wie jüngst Ulrike Ilg gemeint hat. Die Wahrheit ist wohl in der Mitte zu suchen. Vor allem aber muss der heutige Blickwinkel ausgeblendet werden, um zu verstehen, was es zu Della Bellas Zeit geheißen haben mag, ein historisches Ereignis für die Nachwelt zu dokumentieren. Es ist wie eine ironische Fußnote des Schicksals, dass Stefano della Bellas, neben einigen hervorragenden Einzelblättern aus der späteren Zeit, wichtigster Bestand in der Albertina zunächst als Werk Jacques Callots Aufnahme in die Sammlung gefunden hat. Callot war unzweifelhaft ein großes Vorbild für den Florentiner Künstler. Davon zeugen besonders seine ganz frühen Radierungen. Dennoch zeigt gerade das Wiener Skizzenbuch, dass es bei weitem nicht nur Callot ist, an dem er sich orientiert. Viel mehr ist es auch ein Zeugnis für seine Emanzipation von seinem großen Vorbild. Denn spätestens nach Rom hat Stefano della Bella seinen eigenen Stil gefunden. Diesen Weg dahin lässt das Skizzenbuch der Albertina, ebenso wie jenes aus Florenz, anschaulich erkennen und nachvollziehen. Das Skizzenbuch von Stefano della Bella aus der Albertina mag kein spektakuläres und lautes Zeugnis einer bereits etablierten künstlerischen Größe sein. Aber es ist ein wunderbares Lesebuch, das viel über die Entwicklung dieses herausragenden Grafikers verrät und somit ein wertvolles und beredetes Stück Kunstgeschichte, das nunmehr in beinahe wieder vollständiger Form gelesen werden kann.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
sketchbook Stefano della Bella Albertina Vienna
Schlagwörter
(Deutsch)
Skizzenbuch Stefano della Bella Albertina Wien
Autor*innen
Stefan Musil
Haupttitel (Deutsch)
Das Skizzenbuch des Stefano della Bella aus der Albertina in Wien
Publikationsjahr
2008
Umfangsangabe
86, 97 S. : zahlr. Ill.
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Monika Dachs-Nickel
Klassifikationen
20 Kunstwissenschaften > 20.00 Kunstwissenschaften: Allgemeines ,
20 Kunstwissenschaften > 20.12 Kunstmuseum ,
20 Kunstwissenschaften > 20.31 Bildende Künstler
AC Nummer
AC06818023
Utheses ID
545
Studienkennzahl
UA | 315 | | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1