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Mittelalterrezeption in der Oper der Jahrhundertwende
Hans Pfitzners und James Gruns "Der arme Heinrich" nach Hartmann von Aue
Anna Sophie Rottenfußer
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Deutsche Philologie
Betreuer*in
Matthias Meyer
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.64685
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-16291.45787.226953-3
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Ohne Richard Wagners Tristan, Parsifal oder den Ring des Nibelungen hätte es vermutlich keine derart stark ausgeprägte Mittelalterrezeption in der Oper des späten 19. und beginnen-den 20. Jahrhunderts gegeben. Dennoch tragen noch weitere historische und geistesgeschicht-liche Umstände dazu bei, dass es um 1900 zu einer Blütezeit der Mittelalteropernproduktion kommt. Diese Arbeit befasste sich mir einer Mittelalteropern aus dieser Zeit, die wie Wagners Musikdramen auf einem literarischen Text des Mittelalters als Vorlage basiert und nicht auf historischen Ereignissen oder Figuren. Mit Hartmanns von Aue Versepos Der arme Heinrich wählen Hans Pfitzner und James Grun für ihre Oper gemessen an der Bandbreite der Rezepti-on einen der erfolgreichsten Texte des deutschen Mittelalters. Der arme Heinrich eignet sich auf den ersten Blick ausgezeichnet für eine Opernbearbeitung. Die Geschichte der spektakulä-ren Aussatzheilung verfügt über hohes dramatisches Potenzial. Dennoch zeigt sich bereits am großen Variantenreichtum der Überlieferung das erzähllogische Problem des Textes Hart-manns von Aue, der in allen Versionen kein wirklich überzeugendes Ende findet. Pfitzner betrachtet den Stoff des siechenden Helden, der nur durch das Opfer einer Jungfrau gerettet werden könne als ein zeitloses Handlungsschema. Die Motive der Handlung als Gleichnis von etwas anzusehen, „was unter großen Menschen jederzeit sich in irgendeiner Form abspielen kann“. Das Mittelalter als Epoche dient damit nur als Kulisse für die Vor-gänge. Stattdessen lassen Pfitzner und Grun zeitgenössische literarische und philosophische Traditionen in die Konzeption des Librettos einfließen. „Im Kostüm des Mittelalters die Ge-dankenwelt Schopenhauers und Wagners Gestalt angenommen“, schreibt Jens Malte Fischer über die Rezeption des Armen Heinrichs in der Oper. Die Handlung wird dabei auf eine Dichotomie aus Leben und Leiden konzentriert. Während bei Hartmann die Krankheit Heinrichs als eine göttliche Strafe oder in Anlehnung an den biblischen Hiob vielmehr eine Prüfung ist, scheint sie bei Pfitzner und Grun eine Be-stätigung der Lehren Schopenhauers vom unausweichlichen Leiden in der Welt zu sein. Den-noch wird versucht auch die christlichen Vorstellungen des Hartmannschen Textes in das Lib-retto zu übernehmen, wobei im Kontrast zu Schopenhauers Soteriologie unweigerlich ein Spannungsverhältnis entsteht. Religiöse Elemente werden darüber hinaus in beiden Werken, im Versepos und in der Oper zum Erzeugen einer bestimmten Ästhetik verwendet. Bei Hart-mann, um einen Wiederkennungswert bei den Lesern respektive Hörern zu generieren und ihnen eine Anleitung zur Bewertung des Verhaltens zu geben sowie um sein eigene theologi-sche Bildung unter Beweis zu stellen. In der Oper dient die Verlagerung des Handlungsortes in ein Kloster, die Aufladung mit religiöser Symbolik und der Mönchschor wieder als Kulisse der Handlung zur. Christliche Aspekte werden hier gepaart mit einer kultisch anmutenden Schauerromantik. Bei Hartmann ist Heinrich der klare Protagonist der Handlung, er wird als einziger namentlich genannt. Im Laufe der Handlung durchläuft er mehrere Erkenntnisprozesse, die schließlich dazu führen, dass er die Krankheit als Prüfung Gottes akzeptiert und sein Leben in dessen Hand überantwortet. Die Schönheit und Reinheit des Opfers lässt ihn erkennen, dass ihr Le-ben einen höheren Wert habe als seines und auf die Heilung verzichten. Die Opernhandlung konzentriert sich auf die Figur der Agnes als Erlöserin und setzt sie damit in Verbindung zu anderen weiblichen Erlöserfiguren der Operngeschichte, wie Wagners Senta aus dem Hollän-der. Durch diese Reduzierung der Figur auf ihre Rolle als Medium der Vermittlung zur Gene-sung verliert Agnes Handlungsräume, die Hartmanns Mädchen offen waren. Durch die Beto-nung auf ihrer Kindlichkeit in der Oper, wird Agnes jegliche erotische Anziehungskraft ge-nommen. Die sinnliche Weiblichkeit des Mädchens bei Hartmann, wird Agnes in der Oper abgesprochen. Eine ambivalente Bewertung des Charakters ist hier ebenfalls nicht mehr mög-lich, sie wird zur Heiligen verklärt. Statt der Warnung vor übersteigerter Spiritualität, die sich im Hartmannschen Text als didaktische Konzeption hinter der Figurengestaltung des Mäd-chens vermuten lässt, findet in der Oper eine Affirmierung dieser statt. Die Frau wird zum spirituellen Gefäß und Medium objektiviert. Der mittelalterliche Text lässt der Frauenfigur deutlich mehr Entfaltungsraum als die Oper. Das Problem des Erzählendes wird auch in der Oper nicht zufriedenstellend gelöst.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Mittelalter Oper Hans Pfitzner Der arme Heinrich Hartmann von Aue
Autor*innen
Anna Sophie Rottenfußer
Haupttitel (Deutsch)
Mittelalterrezeption in der Oper der Jahrhundertwende
Hauptuntertitel (Deutsch)
Hans Pfitzners und James Gruns "Der arme Heinrich" nach Hartmann von Aue
Publikationsjahr
2020
Umfangsangabe
97 Seiten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Matthias Meyer
Klassifikationen
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.93 Literarische Stoffe, literarische Motive, literarische Themen ,
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.94 Literarische Einflüsse und Beziehungen, Rezeption
AC Nummer
AC16101023
Utheses ID
57394
Studienkennzahl
UA | 066 | 817 | |
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