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Constructing and negotiating measles
the case of Sindh province of Pakistan
Inayat Ali
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Sozialwissenschaften
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Doktoratsstudium Sozialwissenschaften (Dissertationsgebiet: Kultur- und Sozialanthropologie)
Betreuer*in
Bernhard Hadolt
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Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.79632
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-10248.93251.513071-2
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Gegenstand dieser ethnografischen Forschung sind zwei Masernausbrüche, die 2012-13 in Pakistan – insbesondere in der Provinz Sindh – auftraten und bei denen tausende Kinder an dem Virus erkrankten und einige hundert starben. Aufgrund des dramatischen Ausmaßes erhielten die Ausbrüche große Aufmerksamkeit von unterschiedlichsten Interessengruppen, die ihre jeweiligen Autoritäten ausspielten und ihre verwobenen, aber konkurrierenden Erzählungen und Agenden rund um Masern ins Rennen führten. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung werden die Narrative und Argumentationen für das anhaltende Auftreten von Masern in der Provinz Sindh unter besonderer Berücksichtigung dieser Aushandlungs- und Streitprozesse untersucht. Masern werden aus zwei Perspektiven betrachtet: als Krankheit und als analytisches Fenster zur sozialen Welt, in der Ungleichheiten erzeugt, verhandelt und überarbeitet werden. Ich gehe davon aus, dass Masernausbrüche zum Einen auf chronische Unterschiede, wie die unangemessene Verteilung wirtschaftlicher Ressourcen, unzureichende und ineffektive Gesundheitseinrichtungen und mangelndes Bewusstsein für die Vorteile von Impfungen, zurückzuführen sind. Diese Ungleichheiten treten auf lokaler, nationaler und globaler Ebene auf. Zum Anderen bieten Masern als analytisches Fenster zur Welt einen Blick in den Bereich menschlicher Beziehungen, in dem ein Zusammenspiel zwischen diesen Ebenen stattfindet, Erzählungen formuliert und Ungleichheiten erzeugt und aufrechterhalten werden. Für dieses Projekt führte ich 2014 zehn Monate ethnografische Feldforschung in Pakistan durch. Zusätzlich sammelte ich bei zwei Kurzaufenthalten in den Jahren 2015 und 2017 weitere Daten vor Ort. Obwohl es sich um ein Projekt mit mehreren Standorten handelt, konzentrierte ich mich hauptsächlich auf zwei Dörfer in der Provinz Sindh: Rahīmpur im Bezirk Sakhar mit einer weitgehend muslimischen Bevölkerung und Rāmpur im Bezirk Tharpārkar mit einer überwiegend hinduistischen Bevölkerung. Die Dörfer wurden aufgrund ihrer religiösen Kontraste ausgesucht und weil das Erstere stark betroffen war, während das Zweitere 2012-2013 weniger stark von zwei aufeinanderfolgenden Masernausbrüchen betroffen war. Das Dorf Rāmpur wurde auch aufgrund seiner Lage in der Thar-Wüste und der anhaltenden medialen Aufmerksamkeit für dieses Gebiet im Zusammenhang mit starker Kindersterblichkeit aufgrund von Unterernährung und Masern ausgewählt. Um zu untersuchen, wie diese Masernausbrüche im Rahmen von Konstruktions- und Aushandlungsprozessen mit Bedeutung aufgeladen werden, habe ich unterschiedliche ethnografische Methoden angewendet, darunter: Teilnehmende Beobachtung; Interviews mit regional einflussreichen Gesprächspartnern; Autoethnografie und eine neue Methode, die ich entwickelt und Kachaharī genannt habe und die ihre Wurzeln in lokalen soziokulturellen Mustern hat. Kachaharī ähnelt in seiner Form Fokusgruppendiskussionen, jedoch unterscheidet es sich in Bezug auf die diskursive Autorität während der Diskussion erheblich, da es die Menschen vor Ort sind, die die Diskussion vorantreiben. Zur theoretischen Bearbeitung des Themas habe ich verschiedene Ansätze und Konzepte übernommen und für das vorliegende Projekt und nutzbar gemacht, darunter: den Interpretativen oder Bedeutungszentrierten Ansatz; den Kritischen Ansatz in der medizinischen Anthropologie; die Anthropologie von Infektionskrankheiten, Anthropologische Studien zur globalen Gesundheit und die Anthropology at Home sowie die Autoethnographie und die Native Anthropology. Im Rahmen dieser Ansätze habe ich verschiedene theoretische Konzepte verwendet, darunter: strukturelle Gewalt; soziales Leiden; kritische Ereignisse und globale Assemblage. Darüber hinaus füge ich anhand meiner Literaturübersicht und meiner ethnografischen Studie neue Themenbereiche zum anthropologischen Diskurs hinzu: Anthropologie der Impfung; Anthropologie Pakistans und seiner Provinzen ("Anthropologie Sindhs") und Medizinische Anthropologie Pakistans. Mein Ziel ist es, auf der Grundlage meiner kritischen Überlegungen und Vorschläge für neue Literaturstränge in der Anthropologie, insbesondere der medizinischen Anthropologie, eine Diskussion zu diesen Themen zu provozieren und zu forcieren. Die oben angeführten theoretischen Konzepte haben mich dabei unterstützt, zu verstehen, wie institutionalisierte Formen von Ungleichheiten und strukturelle Schwachstellen spezifische Wahrnehmungen über Masern und Impfungen beeinflussen. Ich beschäftige mich mit der Frage, warum die Menschen vor Ort Masern als notwendige heilige Krankheit und die Masernimpfung als „westliche Verschwörung“ wahrnehmen und wie sich Formen institutionalisierter Disparitäten zeigen, indem Impfungen abgelehnt und Gerüchte darüber gewoben werden. Ebenso half mir die Literatur dabei, Verschwörungstheorien auf einer analytischen Ebene zu bearbeiten, um zu verstehen, wie Impfungen als „westliche Verschwörung“ konstruiert werden oder Narrative über Nebenwirkungen des Masernimpfstoffs entstehen. Das Hauptargument der vorliegenden Studie ist, dass diese (scheinbar nur medizinischen) Wahrnehmungen in einem breiteren Kontext wirtschaftlicher und (geo-) politischer Situationen verstanden werden sollten. Masern und Impfungen berühren unterschiedliche politische Ebenen: lokal, national und global. Zum Beispiel weigert sich eine Frau vor Ort, ihre Kinder zu impfen, weil die Regierung ihr keine „Einkommenskarte“ zur Verfügung stellt. Die Wahrnehmung der Bevölkerung, dass Impfungen eine „Verschwörung“ seien, wurde nach einer „gefälschten“ Impfaktion im Jahr 2011 in Pakistan Realität, um den Aufenthaltsort von Osama-bin-Ladin herauszufinden. Regierungsbeamte und globale Interessengruppen betrachten die lokale Bevölkerung aufgrund ihrer„traditionellen“ Überzeugungen, der damit verbundenen Verweigerung der Impfung und der daraus resultierenden geringen Durchimpfungsrate als verantwortlich für die Ausbrüche. Aus Sicht der Bevölkerung handelt es sich um rationale Gründe. Ich zeige auf, dass die strukturellen Formen von Ungleichheit die lokalen Ideen und Praktiken prägen. Daher ist ein umfassendes Verständnis des wirtschaftlichen und (geo) politischen Kontextes von Impfideen und -praktiken von wesentlicher Bedeutung, um die Akzeptanz von Impfungen in Pakistan und anderswo zu verbessern. Gerade um effektiv gegen Masern vorzugehen und die lokalen Wahrnehmungen zum Thema Impfungen zu verändern, müssen die Regierung und die globalen Interessengruppen die bestehenden wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten minimieren, den Menschen angemessene und effektive Gesundheitseinrichtungen und geeignetes ausgebildetes Impfpersonal zur Verfügung stellen und nicht zuletzt lebensrettende medizinische Maßnahmen vom Feld der Politik trennen.
Abstract
(Englisch)
The subject matter of this long-term ethnographic research is two measles outbreaks that occurred in 2012-13 in Pakistan—particularly affecting Sindh province—in which thousands of children contracted the virus, and a few hundred died. The outbreaks due to their scale received significant attention from a complex array of stakeholders who enacted their authority and displayed their interwoven yet competing narratives and agendas around measles. Paying close attention to these processes of negotiation and contestation, this project explores these narratives and reasons behind the continued occurrence of measles in Sindh. It looks at measles from two perspectives: as a disease and as an analytical window on the social world, where inequalities are produced, negotiated, and reworked. I argue that measles outbreaks are, on the one hand, a result of several chronic disparities such as the improper distribution of economic resources, inadequate and ineffective healthcare facilities, and lack of awareness about the benefits of vaccination. These inequalities occur at local, national, and global levels. On the other hand, measles as an analytical window to the world offers a view into the domain of human relationships, where an interplay between these levels occurs, narratives are formulated, and inequalities are produced and maintained. For this project, I conducted ten months of ethnographic fieldwork in Pakistan in 2014, with two short-trips in 2015 and 2017. Although this is a multi-sited project, I mainly focused on two villages in Sindh province—Rahīmpur from Sakhar district with a largely Muslim population, and Rāmpur from Tharpārkar district with a predominantly Hindu population. The villages were selected due to their contrasts both in terms of religion and because the former was profoundly affected, while the latter village was less severely affected by two consecutive measles outbreaks in 2012-13. Rāmpur village was also chosen due to its location in the Thar Desert and constant media attention to that entire area because of the deaths of children associated with malnutrition and measles. To explore the processes of construction and negotiation around how to make sense of these outbreaks, I employed several ethnographic methods, including participant observation, interviews with key interlocutors, autoethnography, and a new method that I developed and called Kachaharī, which has its roots in the local socio-cultural patterns. Although Kachaharī is similar to focus group discussions, it differs significantly in terms of the discursive authority during the discussion, as it is the local people who drive the discussion. Theoretically, I have substantially borrowed and benefited from several theoretical approaches and concepts, including the interpretive or meaning-centered approach, the critical approach in medical anthropology, “anthropology of infectious diseases,” “anthropological studies on global health,” “anthropology at home,” and “autoethnography;” and “native anthropology.” Within these approaches, I have utilized various theoretical concepts, including “structural violence,” “social suffering,” “critical events,” and “global assemblage.” Furthermore, based on my literature review and my ethnographic study, I call for new subfields: “anthropology of vaccination,” “anthropology of Pakistan,” and its provinces (e.g., “anthropology of Sindh”), and “medical anthropology of Pakistan.” I intend to provoke critical discussion based on my critical reflections and proposals of new strands of literature within anthropology, especially medical anthropology. This body of literature framed my perspective for comprehending how institutionalized forms of inequalities and structured vulnerabilities shape specific perceptions and practices about measles and vaccination. I tackle the questions of why local people perceive measles as a necessary sacred illness and vaccination as a “Western plot,” and how they express forms of institutionalized disparities through refusing and resisting vaccination and weaving rumors about it. The literature informed my analysis to help me understand what lies behind conspiracy theories, such as vaccination as a “Western plot” or that the measles vaccine causes side effects, including deaths. The core argument of this thesis is that these perceptions and practices should be comprehended within a broader context of economic and (geo-) political situations. Politics surround measles and vaccination at different levels—the local, national, and global. For instance, a local woman refuses to vaccinate her children because the government does not supply her with an “income card”; local people’s perception that vaccination is a “plot” became a reality after a “fake” vaccination drive in 2011 in Pakistan designed to discover the whereabouts of Osama-bin-Ladin. Government officials and global stakeholders consider local people responsible for the outbreaks due to holding “traditional” beliefs, and for low vaccine uptake due to refusing vaccination for what locals consider to be “valid” reasons. Nonetheless, I argue that the structured forms of inequalities shape these local ideas and practices. Therefore, a comprehensive understanding of the economic and (geo)political context of ideas and practices of vaccination is essential for helping to improve immunization uptake in Pakistan and elsewhere. Precisely, for effectively dealing with measles and changing local perceptions about vaccination, the government and the global stakeholders must minimize the existing economic and political disparities, provide people with adequate and effective healthcare facilities and services, train and facilitate vaccinators, and separate life-saving medicine—including vaccination—from politics.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Englisch)
Infectious diseases measles vaccination geopolitics biopolitics politics of vaccine-preventable-diseases (VPDs) public health autoethnography critical medical anthropology precarity structured inequalities institutionalized violence Sindh Pakistan South Asia
Schlagwörter
(Deutsch)
Infektionskrankheiten Masern Impfungen Geopolitik Biopolitik Politik der durch Impfstoffe vermeidbaren Krankheiten (VPD) öffentliche Gesundheit Autoethnographie kritische medizinische Anthropologie Prekarität strukturierte Ungleichheiten institutionalisierte Gewalt Sindh Pakistan Südasien
Autor*innen
Inayat Ali
Haupttitel (Englisch)
Constructing and negotiating measles
Hauptuntertitel (Englisch)
the case of Sindh province of Pakistan
Paralleltitel (Deutsch)
Masern - Konstruktionen Und Aushandlungen : am Fallbeispiel der pakistanischen Provinz Sindh
Publikationsjahr
2020
Umfangsangabe
xxii, 425 Seiten
Sprache
Englisch
Beurteiler*innen
Ruth Kutalek ,
Gabriele Alex
Klassifikation
70 Sozialwissenschaften allgemein > 70.00 Sozialwissenschaften allgemein: Allgemeines
AC Nummer
AC16102161
Utheses ID
57699
Studienkennzahl
UA | 796 | 310 | 307 |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1