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Kritik der Militärischen Tatsachenermittlung - Psychologische Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen, ethische Grenzen
Stefan Rakowsky
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Rechtswissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Doctor of Philosophy-Doktoratsstudium Interdisciplinary Legal Studies Rechtswissenschaften
Betreuer*in
Christian Grafl
DOI
10.25365/thesis.65707
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-21280.87337.802959-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels empirischer Sozialforschung (Fragebogen) die Fragestellungen, welche Methoden der Tatsachenermittlung im Friedensbetrieb und Einsatzfall durch das Österreichische Bundesheer angewendet werden, ob diese Methoden der Tatsachenermittlung legitim und legal sind, und ob diese auch psychologisch sinnvoll und nützlich sind.
Im Bundesheer werden verschiedene Vernehmungsmethoden und –techniken von den Angehörigen der Militärpolizei und der S2-Dienste sowie dem Human Intelligence-Personal angewendet, allerdings sind die Anwendungsraten spezifischer Techniken gering. Dies ist vor allem auf den aktuellen Ausbildungsstand zurückzuführen. Positive Techniken (bspw. Rapportbildung, Schaffung eines offenen Gesprächsklimas, context reinstatement) werden wesentlich häufiger angewendet als negative (Einzelhaft, Good Cop/Bad Cop, die Auskunftsperson großer Hitze oder Kälte oder großem Lärm auszusetzen etc.). Dabei unterscheiden sich die Organisationsteile wie HumInt, S2-Dienste und MP in der Anwendungshäufigkeit signifikant. Generell kann festgestellt werden, dass die Anwendung von Techniken nicht evidenzbasiert erfolgt.
Folter wird von allen Befragten dezidiert und absolut ablehnt. Allerdings würden in hypothetischen Szenarien (z.B. Ticking-Bomb-Szenario) Methoden und Techniken angewendet, die klar gegen menschenrechtliche Bestimmungen oder das Humanitäre Völkerrecht verstoßen, sowie auf utilitaristischen Sichtweisen beruhen. Dies steht im klaren Gegensatz zur aktuellen Normenlage, die im Bereich des Folterverbotes deontologisch geprägt ist.
Für viele Befragte ist eine wesentliche Zielsetzung die Erlangung eines Geständnisses, welche problematisch sein kann (falsche Geständnisse). Video- oder Audioaufzeichnungen von Befragungen werden im ÖBH derzeit nicht durchgeführt, wobei eine grundsätzliche Zustimmung beim Vernehmungspersonal dazu besteht.
Ein Gutteil des Vernehmungspersonals des ÖBH glaubt zudem an gewisse Mythen in den Bereichen forensisch-rechtlicher Fragestellungen sowie Erinnerung und Gedächtnis. Ein gutes Drittel beantwortet dabei rechtlich-psychologische Fragestellungen wie etwa, dass speziell geschultes Militärpersonal weiß, wann es belogen wird oder dass Good Cop/Bad Cop eine effektive Methode ist, die Wahrheit herauszufinden, schlichtweg falsch.
Folgende Implikationen drängen sich auf:
• Im Bereich des rechtlichen und ethischen Wissenstandes muss bei zukünftigen Aus- und Weiterbildungen jedenfalls ein Hauptaugenmerk auf die zugrundeliegenden ethischen Sichtweisen, die gängigen menschenrechtlichen Bestimmungen und die Normen des Humanitären Völkerrechts gelegt werden und die relevante, gängige Rechtsprechung vor allem des EGMR, einbezogen werden.
• Aktuelle, empirisch abgesicherte Vernehmungsmethoden wie bspw. das PEACE- Modell, die ORBIT-Technik oder die Scharff-Methode müssen zukünftig im ÖBH ebenso ausgebildet werden wie aktuelle Techniken (Rapportbildung o. ä.).
• Aufgrund der vielfältigen positiven Effekte sollte zukünftig danach getrachtet werden, Video- oder zumindest Audioaufzeichnungen von allen Befragungen durchzuführen.
• Vermittlung rechtspsychologischer Grundlagen wie Erinnerung und Verfälschungen, Mythen zu Erinnerung und Gedächtnis, sensorischer Deprivation und deren Folgen, falschen Geständnissen oder der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen und Lügenerkennung.
Abstract
(Englisch)
The present research uses a questionnaire-study to investigate the question of which interrogation methods and techniques are used by the Austrian Armed Forces in peace and wartime operations, whether these methods are legitimate and legal, and whether they are psychologically reasonable.
In the armed forces, various interrogation methods and techniques are used by Military Police, S2-Services and Human Intelligence personnel, but correct usage is rare. This is mainly due to the current level of training. Positive techniques (e.g. creating rapport, creating an open atmosphere, context reinstatement) are used far more frequently than negative techniques (solitary confinement, good cop / bad cop, exposing the respondent to extreme heat or cold or great noise, etc.). The analyzed organizations, such as HumInt, S2-Services and MP, differ significantly in the frequency of usage. In general, it can be stated that the application of methods and techniques is not evidence-based.
The use of torture is entirely refused by all those questioned. However, in hypothetical scenarios (e.g. Ticking-Bomb-Scenario) methods and techniques that clearly violate human rights or international humanitarian law and are based on utilitarian perspectives would in fact be used. This is in clear contrast to the current norms, which are influenced by deontological ideas.
For many respondents, one of their main objectives is to obtain a confession, which may turn out to be problematic (e.g. false confessions). Mandated video or audio recordings of interviews are currently not implemented, although consent would be given by the interrogation staff.
A high percentage of the military interrogation staff also believe in certain myths around the areas of forensic and legal issues as well as memory and cognition. Roughly 30 percent wrongly answered legal-psychological questions, such as that specially trained military personnel know when they are being lied to or that good cop / bad cop is an effective method in order to ascertain the truth.
The following implications arise:
• In the area of legal and ethical knowledge, future training and further education must pay particular attention to the underlying ethical principles, the current human rights provisions, norms of international humanitarian law and the relevant, current jurisprudence, especially those of the ECtHR.
• Evidence-based interrogation methods, such as the PEACE model, the ORBIT technology or the Scharff method, must be taught within the Austrian Armed Forces in the future.
• Due to the many positive effects, efforts should be made to implement mandated video or at least audio recordings of all interrogations.
• Training of legal psychological basics such as memory and falsifications, myths about memory and cognition, sensory deprivation and its consequences, false confessions or the credibility of witness statements and the detection of lies is required.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Englisch)
armed forces torture inhuman and degrading treatment interrogation questioning
Schlagwörter
(Deutsch)
Bundesheer Folter unmenschliche und erniedrigende Behandlung Vernehmung Befragung
Autor*innen
Stefan Rakowsky
Haupttitel (Deutsch)
Kritik der Militärischen Tatsachenermittlung - Psychologische Grundlagen, rechtliche Rahmenbedingungen, ethische Grenzen
Publikationsjahr
2020
Umfangsangabe
xii, 319, xii-lxv Seiten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Christian Stadler ,
Wolfgang Gratz
Klassifikation
86 Recht > 86.41 Kriminologie
AC Nummer
AC16272070
Utheses ID
58198
Studienkennzahl
UA | 794 | 242 | 101 |
