Detailansicht

"National-Erziehung" als Spracherziehung?
die Sprachenpolitik der Habsburgermonarchie und Preußens in den Teilungsgebieten Polens im Kontext aufklärerischer Bildungspraktiken (1772-1807/09)
Benedikt Stimmer
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Doktoratsstudium der Philosophie Geschichte
Betreuer*innen
Christoph Augustynowicz ,
Agnieszka Pufelska
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.81009
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-25927.32013.521269-5
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Arbeit fragt nach Bedeutung und Bedeutungswandel von Sprache im Kontext eines verstärkten staatlichen Zugriffs auf das Schulwesen im vielsprachigen Zentraleuropa des späten 18. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund des aufklärerischen Sprachnormierungsdiskurses, der die zu perfektionierende „Muttersprache“ gegenüber dem Lateinischen zum zentralen Ausdrucks- und Kommunikationsmedium aufwertete und so zugleich veränderte Spracheinstellungen produzierte, wird der Schulausbau in den habsburgischen und den preußischen Teilungsgebieten Polen-Litauens nach 1772 in den Blick genommen. Der Zusammenhang zwischen der zunehmenden Bürokratisierung des Schulwesens unter der Prämisse einer aufgeklärt-absolutistischen „Nationalerziehung“ und einer Neuvermessung sprachlicher Pluralität im Sinne einer tendenziell abnehmenden Varietätentoleranz wird hier, wo die neuen Landesadministrationen auf dem Terrain einer vermeintlichen tabula rasa agierten, besonders sichtbar. Während die größere strukturelle Offenheit der Bildungslandschaft in Westpreußen jedoch eine Berücksichtigung regionaler soziolinguistischer Verhältnisse und Bildungserwartungen begünstigte, stand die Systematisierung des Schulwesens in Galizien deutlich stärker unter dem Primat einer Funktionalisierung des (landfremden) Hochdeutschen für das habsburgische Staatsbildungsprojekt. Die schleichende Verfestigung des Polnischen als „Landessprache“ entfaltete sich dort eher unter der Oberfläche rigider Normvorgaben und weniger in Form einer affirmativen Institutionalisierung der deutsch-polnischen Diglossie in Schulen und Lehrerseminaren, wie dies in Preußen nach 1795 der Fall war. Gerade der Vergleich zwischen Habsburger- und Hohenzollernmonarchie sowie die unterschiedlichen Positionen innerhalb bildungspolitischer Debatten legen den Konflikt zwischen einer pädagogischen und einer verwaltungspolitischen Sicht auf gesellschaftliche Mehrsprachigkeit um 1800 offen. Dabei standen beide Positionen – die Priorisierung der Mutterspracherziehung einerseits, die Verbreitung der Staatssprache über die Schulen andererseits – letztlich unter der epistemischen Prämisse der zu normierenden Einzelsprache. Die dadurch produzierten und vertieften Diglossien leisteten einer allmählichen Kulturalisierung des Phänomens Sprache Vorschub, die sich zugleich in einer noch stark ständisch geprägten, durch sozioökonomische, politische und eben auch sprachlich-kulturelle Hierarchien strukturierten Gesellschaftsordnung ausspielte.
Abstract
(Englisch)
This thesis examines the significance and changing importance of language in the increasingly state-controlled educational domain within the multilingual context of late 18th century Central Europe. It sheds light on the Enlightenment discourse of language standardization, which elevated the "mother tongue" over Latin to being the central medium of individual expression and societal communication, thereby inevitably producing new language attitudes. Against this backdrop, the expansion of schooling in the Habsburg and Prussian shares of partitioned Poland-Lithuania after 1772, where the new provincial administrations operated on the basis of a supposed tabula rasa, is examined comparatively. Here, the interrelation between an increasing bureaucratization of the school sector under the premise of an enlightened absolutist "national education" (National-Erziehung) and a reassessment of linguistic plurality becomes particularly evident. Beneath the surface of similar political thrusts, however, differences arise: While the greater structural openness of the educational landscape in West Prussia partly favoured regional sociolinguistic conditions and educational expectations, the rigid systematization of public schooling in Galicia was more strongly tailored to the political importance of the (foreign) German language for Habsburg state-building. Thus, a gradual upvaluation of Polish as the country’s main vernacular (Landessprache) unfolded mainly as a consequence of social power relations and within the framework of regional educational practices, while official norms remained largely unchanged. Conversely, a more affirmative institutionalization of German-Polish diglossia in schools and teacher training seminaries can be observed in Prussia, following the major territorial shifts of 1793/95. Ultimately, these language policy strategies as well as the different stances in educational debates reveal a conflict between pedagogical and administrative views on plurilingualism, with both positions – the prioritization of vernacular education on the one hand and the dissemination of the state language on the other – being based on the epistemic premise of language standardization. The multifaceted diglossia produced and deepened as a result promoted a gradual culturalization of the phenomenon of language around 1800. At the same time, this process played out within a late Ancien Régime societal order that was still strongly class-based, hence characterized by socio-economic, political as well as linguistic hierarchies.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Aufklärung Bildungsgeschichte Sprachenpolitik Diglossie Habsburgermonarchie Preußen Polen Zentraleuropa Kulturgeschichte Diskursgeschichte Historischer Vergleich 18. Jahrhundert
Schlagwörter
(Englisch)
Enlightenment Educational History Language Policy Diglossia Habsburg Monarchy Prussia Poland Central Europe Cultural History Discourse Analysis Comparative History 18th Century
Autor*innen
Benedikt Stimmer
Haupttitel (Deutsch)
"National-Erziehung" als Spracherziehung?
Hauptuntertitel (Deutsch)
die Sprachenpolitik der Habsburgermonarchie und Preußens in den Teilungsgebieten Polens im Kontext aufklärerischer Bildungspraktiken (1772-1807/09)
Paralleltitel (Englisch)
"National education" as language education?
Paralleluntertitel (Englisch)
the language policy of the Habsburg Monarchy and Prussia in partitioned Poland in the context of enlightened educational practices (1772-1807/09)
Publikationsjahr
2025
Umfangsangabe
431 Seiten : Illustration
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Hans-Jürgen Bömelburg ,
Milos Reznik
Klassifikationen
15 Geschichte > 15.07 Kulturgeschichte ,
15 Geschichte > 15.49 Ostmitteleuropa ,
81 Bildungswesen > 81.01 Geschichte des Bildungswesens
AC Nummer
AC17849944
Utheses ID
78931
Studienkennzahl
UA | 792 | 312 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1