Detailansicht

Schutt und Sühne
die Arbeitspflicht ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Nachkriegs-Wien und ihre nachträgliche Umdeutung zum Bild der "Trümmerfrauen"
Lea von der Hude
Art der Arbeit
Dissertation
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Doktoratsstudium der Philosophie Geschichte
Betreuer*in
Ljiljana Radonic
Mitbetreuer*in
Martin Tschiggerl
Volltext in Browser öffnen
Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
DOI
10.25365/thesis.80955
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-18672.68852.168543-4
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)

Abstracts

Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Dissertation Schutt und Sühne – Die Arbeitspflicht ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Nachkriegs-Wien und ihre nachträgliche Umdeutung zum Bild der „Trümmerfrauen“ untersucht die Schutträumung, die im Wien der Nachkriegszeit zwischen 1945 und 1948 überwiegend von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern als eine verpflichtende „Sühnearbeit“ durchgeführt wurde, und setzt diese ins Verhältnis zur tradierten Erzählung der vermeintlich freiwilligen „Trümmerfrauen“. In einem ersten Teil der Arbeit wird das historische Geschehen untersucht und auf Grundlage umfangreicher Quellenauswertung gezeigt, wer im Nachkriegs-Wien wo und zu welchen dieser sogenannten Notstandsarbeiten eingesetzt wurde. Hierzu wurden die im Wiener Stadt- und Landesarchiv aufliegenden Briefe von insgesamt 7.095 Personen ausgewertet, die zwischen 1951 und 1953 einen Antrag auf rückwirkende Bezahlung ihrer Arbeitspflicht an die Gemeinde Wien richteten. Auf Grundlage dieser Anträge wird in der Dissertation ein umfassender Eindruck sowohl von Art und Umfang der geleisteten Arbeiten als auch ein erster kollektivbiographischer Überblick über die sozialstrukturelle Zusammensetzung des zur Schutträumung verpflichteten Personenkreises gegeben werden. Die Einsatzorte der zur Arbeit verpflichteten Personen spiegeln dabei auch Aspekte der Wiener Verfolgungsgeschichte wider und verdeutlichen, wie eng die nationalsozialistische Verfolgung und die Phase des sogenannten Wiederaufbaus ineinander verflochten waren, wenn etwa die Arbeitspflichtigen zu Aufräumarbeiten in der arisierten „Heinkel-Villa“ in Wien-Hietzing, zur Demontage der Rüstungsproduktionsanlagen im ehemaligen KZ-Außenlager Hinterbrühl oder in Heimen für Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung eingesetzt wurden. Ein zweiter Teil der kollektivbiographischen Untersuchung der arbeitspflichtigen NSDAP-Mitglieder umfasst zehn, auf Grundlage umfassender Archivrecherchen erstellte, exemplarische Fallrekonstruktionen ehemaliger Arbeitspflichtiger, darunter lokale Funktionär:innen der NSDAP, der NS-Frauenschaft oder der NS-Volkswohlfahrt ebenso wie Gestapo-Angestellte oder SA-Führer niedrigen Ranges. Die Rekonstruktion ihrer Lebens- und Karrierewege veranschaulicht das breite gesellschaftliche Engagement von Wiener:innen auf der untersten, lokalen Ebene des NS-Apparats, die bislang vergleichsweise wenig erforscht worden ist. Die Lebenswege dieser zehn Personen vermitteln einen Eindruck von der alltäglichen Dynamik der „Volksgemeinschaft“ als einem Zusammenspiel aus stiller Hinnahme, bewusster Kenntnisnahme, persönlicher Bereicherung und aktiver Beteiligung, integrieren jedoch auch Ambivalenzen und Widersprüche in den Biografien dieser Personen. Den dritten Teil der Kollektivbiographie umfasst die Untersuchung der Selbstwahrnehmung dieses Personenkreises anhand der mitunter hoch emotionalen, persönlich verfassten Briefe, die diese an die Gemeinde Wien schrieben. Dabei zeugen diese Briefe von Wut und Kränkung sowie von diversen weiteren Abwehrformen wie Selbstviktimisierung, Relativierung und infantilisierende Tendenzen der Selbst-entmündigung. Insofern erörtert die umfassende Untersuchung dieser 7.095 Briefe, wie Fragen nach Schuld, Verantwortung und emotionaler Teilhabe am Nationalsozialismus dort thematisiert, abgespalten oder umgeschrieben werden. Während Schuld- und Schamgefühle auf einer manifesten Ebene weitgehend fehlen, zeigt die Untersuchung mittels einer psychoanalytisch orientierten Inhaltsanalyse, dass sich in den Briefen auf einer latenten Bedeutungsebene anhand von Strafängsten oder Rachefantasien durchaus gewisse Spuren einer Schulderfahrung erahnen lassen. In einem letzten Schritt untersucht die Dissertation schließlich die nachträgliche Umdeutung der einst zwangsverpflichteten NSDAP-Mitglieder zum Bild der vermeintlich freiwilligen „Trümmerfrauen“. Wie die Arbeit nachzeichnet, hatten die zur „Sühnearbeit“ verpflichteten NSDAP-Mitglieder kein Interesse an einer Heroisierung ihrer Arbeitspflicht, stattdessen wurde diese erst von der Generation ihrer Kinder und Enkelkinder vorangetrieben. Vor diesem Hintergrund untersucht die Dissertation die „Trümmerfrau“ anhand ihrer einschlägigen politischen, medialen und künstlerischen Darstellung als überwiegend mütterlich besetztes Idealbild, das Aufopferung und Selbstlosigkeit verkörpert und zugleich das Gegenbild zur häufig als besonders grausam und sadistisch dargestellten NS-Täterin darstellt, wodurch bedrohliche Ängste aus dem Bild der Mütter und Großmütter in ein anderes Bild ausgelagert werden können. Durch den psychoanalytisch orientierten Blick auf die „Trümmerfrau“ als ein Wunschbild zeigt die Dissertation, wie dieses Bild sowohl auf geschichtspolitischer Ebene als auch innerhalb des Familiengedächtnisses dazu dient, die konflikthafte Auseinandersetzung mit der (befürchteten oder bekannten) Schuldverstrickung zu vermeiden, indem die einstige „Sühnearbeit“ der Eltern- und Großelterngeneration nachträglich in ein idealisiertes Mutterbild überführt wird.
Abstract
(Englisch)
This dissertation, Rubble and Atonement: The Compulsory Work of Former NSDAP Members in Postwar Vienna and Its Retrospective Reinterpretation as the Figure of the ‘Trümmerfrauen’, examines the rubble clearance work carried out in post-war Vienna between 1945 and 1948, which was carried out predominantly by former members of the National Socialist German Workers’ Party (NSDAP) as compulsory ‘atonement work (Sühnearbeit). The disseration analyzes this labor penance in relation to the enduring German and Austrian figure of the allegedly voluntary ‘Trümmerfrauen’ (women clearing the rubble), which continues to shape public memory. The first part of the study investigates the historical context of this work through extensive source analysis, identifying who was deployed, where, and for what types of labor in post-war Vienna. The study is based on an evaluation of letters from 7,095 individuals preserved in the Vienna City and State Archives, who between 1951 and 1953 applied to the City of Vienna for retroactive payment for their mandatory work. These applications provide a comprehensive picture of the nature and scope of the work performed, as well as an initial collective-biographical overview of the social structure of those subjected to compulsory rubble clearance. The locations to which individuals were assigned for this kind of ‘atonement work’ also reflect aspects of Vienna’s history of National Socialist persecution, illustrating how closely the practice of persecution was intertwined with the daily lives of Viennese residents and with the phase commonly referred to as ‘reconstruction phase’. Compulsory labor included, for example, cleanup work at the aryanized ‚Heinkel Villa’ in Vienna-Hietzing, the dismantling of armaments production facilities at the former Hinterbrühl subcamp of the Mauthausen concentration camp, or work in homes for survivors of Nazi persecution. The second part of the collective-biographical analysis consists of ten exemplary case studies of former compulsory laborers, including local NSDAP functionaries, members of the National Socialist Women’s League or the National Socialist People’s Welfare organization, as well as Gestapo employees and low-ranking SA leaders. These case studies illustrate the broad societal involvement of Viennese citizens at the lowest local level of the Nazi apparatus of rule; an area that has so far received relatively little scholarly attention. The biographies convey the everyday dynamics of the so-called Volksgemeinschaft as an interplay of passive acquiescence, conscious awareness, personal opportunism, and active participation, while also revealing ambivalences and contradictions within individual life courses. The third and final part of the collective-biographical study focuses on the self-perception of this group, as expressed in the often highly emotional, personally written letters addressed to the City of Vienna. These letters reveal anger and feelings of humiliation, as well as various defense strategies such as self-victimization, relativization, and infantilizing tendencies of self-disempowerment. While explicit expressions of guilt and shame are largely absent on a manifest level, the analysis demonstrates that traces of experienced guilt can nevertheless be discerned on a latent level, for example through fears of punishment or fantasies of revenge. Drawing on a psychoanalytically informed perspective, the dissertation discusses how questions of guilt, responsibility, and emotional involvement in National Socialism are split off or rewritten in these letters. In a final step, the dissertation examines the memory-cultural reinterpretation of rubble clearance as the image of the ‘Trümmerfrauen’ Whereas the NSDAP members subjected to compulsory ‘atonement work’ themselves showed no interest in the heroization of their work, such reinterpretations were promoted primarily by the generation of their children and grandchildren. Against this backdrop, the dissertation analyzes the ‘Trümmerfrau‘ in its political, media, and artistic representations as a predominantly maternal ideal figure embodying sacrifice and selflessness, while simultaneously serving as a counter-image to the often sadistically portrayed female Nazi perpetrator. Through a psychoanalytically oriented approach to the ‘Trümmerfrau’ as a desire-fulfilling figure, the dissertation demonstrates how this figure functions, both at the level of memory politics and within family memory, to avoid a conflictual engagement with (feared or known) entanglements in the National Socialist past, by retrospectively transforming the former ‘atonement work’ of the parental and grandparental generation into an idealized maternal image.

Schlagwörter

Schlagwörter
(Deutsch)
Trümmerfrauen Entnazifizierung Gefühlserbschaften Psychoanalyse Nachkriegszeit Wiederaufbau Wien Kollektivbiographie
Autor*innen
Lea von der Hude
Haupttitel (Deutsch)
Schutt und Sühne
Hauptuntertitel (Deutsch)
die Arbeitspflicht ehemaliger NSDAP-Mitglieder im Nachkriegs-Wien und ihre nachträgliche Umdeutung zum Bild der "Trümmerfrauen"
Paralleltitel (Englisch)
Rubble and atonement
Paralleluntertitel (Englisch)
the compulsory work of former NSDAP members in postwar Vienna and its retrospective reinterpretation as the figure of the "Trümmerfrauen"
Publikationsjahr
2025
Umfangsangabe
464 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*innen
Angela More ,
Karl Fallend
Klassifikation
15 Geschichte > 15.24 Zweiter Weltkrieg
AC Nummer
AC17843903
Utheses ID
79158
Studienkennzahl
UA | 792 | 312 | |
Universität Wien, Universitätsbibliothek, 1010 Wien, Universitätsring 1