Detailansicht
Verhältnisse von Begehren und Liebe, Freiheit und Abhängigkeit in den frühen Werken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Marina Christina Molnar
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Lehramt Sek (AB) Unterrichtsfach Deutsch Unterrichtsfach Psychologie und Philosophie
Betreuer*in
Robert König
DOI
10.25365/thesis.80744
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-25394.66259.665740-6
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(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Die vorliegende Masterarbeit befasst sich mit der Frage nach den Parallelen, Unterschieden und Zusammenhängen der Verhältnisse Liebe und Begehren sowie Freiheit und Abhängigkeit in Hegels “Entwürfe über Religion und Liebe” in seinen Frankfurter Frühschriften und in Teil B, dem Selbstbewusstseinskapitel der Phänomenologie des Geistes. Diese Verhältnisse werden dabei begriffslogisch in einem spekulativ logischen Sinne entwickelt und hinsichtlich der Fragestellungen hermeneutisch untersucht. Vor dem Hintergrund des Programms der PhG als einer begriffslogischen Suche und Genese des Bewusstseins nach (absoluter) Erkenntnis, wird zunächst Teil B im Ausgang von Teil A hinsichtlich der Frage nach dem Anfang innerhalb des hegelschen Systems beleuchtet. Weiters wird die logische Genese der Wendung des Bewusstseins ins Innere betrachtet sowie die Bedeutung seiner Bestimmung zum Selbstbewusstsein für den Weg seiner (Selbst-)Erkenntnis erörtert. In einem nächsten Schritt wird das Selbstbewusstsein als eine Bewusstseinsgestalt in den Blick genommen, die sich zunächst als Lebendiges und weiter als Begehrendes erkennt und mit seiner widersprüchlichen (Selbst-)Bestimmung dazu in einem Kampf auf Leben und Tod ringt. Dieser wird insbesondere im Angesicht eines anderen Selbstbewusstseins als Eintritt in die Anerkennungsdialektik von Herr und Knecht zu einer Zerreißprobe. Aus dieser tritt es als stoizistisches Bewusstsein hervor, das sich in Abwendung von der Welt im Denken ausschließlich zu sich selbst bestimmt und dabei seine Handlungsfähigkeit einbüßt, um sich als skeptizistisches Bewusstsein sogleich in das andere Extrem des rigorosen Aufhebens sämtlicher Unterschiede und Seinszusammenhänge zu stürzen und sich dabei als Widersprüchliches zu finden. Diese Widersprüchlichkeit, die ihm als unglückliches Bewusstsein bewusst wird, stürzt es in eine abgrundtiefe Verzweiflung aus der es sich allein durch die freie Erhebung hin zu einem Unwandelbaren befreien kann, mit dem es in Andacht, im Danken und schließlich der Hingabe ringt, um in Versöhnung in die Vernunft einzutreten. Danach wird der Begriff einer freien Liebe entlang der Fragmente der Entwürfe über Religion und Liebe in den Frankfurter Frühschriften entwickelt. Unter dem Deckmantel der Religion werden dazu zunächst verschiedene denkbare Verhältnisse dargelegt, wobei nicht näher bestimmt wird, ob es sich dabei um zwischenmenschliche Verhältnisse oder um Verhältnisse zwischen Mensch und Gott handelt - letztendlich lassen sich die Bestimmungen spekulativ logisch auf beide Konstellationen anwenden. Diese Verhältnisse werden in der Vermittlung von positivem Glauben und freier Handlung aus einem Sollen heraus entwickelt. Dieses Sollen ist lediglich potentiell positiv gesetzt und richtet sich in freier Vermittlung an das Bewusstsein. Als freies entspricht dieses Verhältnis der freien Verehrung Gottes, die Hegel einer positiven Religion gegenüberstellt, deren Sollen ein absolut positiv gesetztes, ein offenbartes Sollen ist. Dieser Offenbarung steht das Subjekt, die ihm in ihrer absoluten Objektivität jeden Bezugspunkt verweigert, völlig ohnmächtig gegenüber. Anhand der Darlegung des An-sich und des Für-sich entsteht in der freien Verehrung Gottes ein Verhältnis, in dem sich das Subjekt zu Gott frei vermittelt. Das sollte jedoch mit einem Göttlichen als dem absoluten Subjekt gar nicht möglich sein, doch im besonderen Verhältnis der Liebe wird dies Unmögliche möglich, indem Subjekt und Objekt darin ineinander fallen und “ihnen ein Göttliches wird” - wenn sich ein zunächst ominöses Mittleres denn dazuzeigt. Die Liebe ist damit ein widersprüchliches Verhältnis, das danach strebt, diese Widersprüche zu vereinen. In dem Sinne, wie das Subjekt sich in der Liebe dem Göttlichen zuwenden kann, kann es sich einen anderen Gleichen zum Gotte machen und sich in Liebe, und damit außerhalb der (latent bestehen bleibenden) Herrschaftsverhältnisse mit diesem vermitteln, indem es nach Aufhebung aller Unterschiede zum Geliebten, aus denen ihm Schmerz und Scham erwachsen, nach vollständiger Vereinigung strebt. Gelingt nun die vollständige Vereinigung, so kann sie nur als Moment stattfinden und hat in ihrer Vollständigkeit keinen Bestand. Von Dauer ist lediglich der Keim, der aus dieser Verbindung erwächst als ein Lebendiges, das sich sogleich als Unterschiedenes bestimmt und auseinanderlegt, während die Liebenden wieder als Unterschiedene, nach Aufhebung dieses Unterschieds Strebende, in die profane Weltlichkeit ihrer Realität zurückkehren. Das ominöse Moment des Dazuzeigens, das Moment der Mitte, entwickelt sich aus dem Begriff der Vereinigung im Glauben, dem das Sein als Vereinigtes immer schon vorausgeht. In der Vermittlung von Glauben und Sein schließlich liegt die Krux, die ein positives von einem freien Verhältnis unterscheidet und während aus der unvollständigen Vereinigung die positive Religion und damit ein Verhältnis von Herrschaft, Macht und Zwang erwächst, legt sich in der vollständigen Vereinigung die freie Liebe dar als immer schon sich selbst vorausgesetzte, immer schon sich selbst bestimmende. Diese beiden begriffslogischen Entwicklungen werden schließlich in der Konklusion auf ihre Parallelen, Unterschiede und Zusammenhänge hin überprüft, um schließlich zu zeigen, dass der Begriff freier Liebe aus den Frühschriften die negative, spekulativ logische Basis für Hegels Begriffslogik des Selbstbewusstseins in der PhG bildet. Die freie Liebe ist dabei kein Verhältnis, das die begriffslogische Bewegung innerhalb der Herrschaftsstrukturen der PhG ersetzen, in einem hegelschen Sinn aufheben kann, sondern sie bildet als punktuelle Negation dieser Herrschaftsverhältnisse ohne Bestand ein Tor zu einer anderen Welt, das wir bewusst immer wieder aufstoßen können, um aus diesem Ideal, diesem Traum Kraft zu schöpfen -- so wird gemeinsam der beschwerliche Weg gehbar, der sich dem Ideal einer herrschaftsfreien Welt annähert.
Abstract
(Englisch)
This master’s thesis examines the parallels, differences, and interrelations between the conceptual pairs of love and desire as well as freedom and dependence in Georg Wilhelm Friedrich Hegel’s Drafts on Religion and Love from the Frankfurt early writings and in Part B, the chapter on self-consciousness, of the Phenomenology of Spirit. These relations are developed in a speculative-logical sense as relations of concepts and are investigated hermeneutically with regard to the guiding questions of the study. Against the background of the Phenomenology of Spirit as a programmatic conceptual-logical search for and genesis of consciousness toward (absolute) knowledge, the analysis first examines Part B starting from Part A with respect to the question of the beginning within Hegel’s system. It then considers the logical genesis of consciousness’s turn inward and discusses the significance of its determination as self-consciousness for the path of its (self-)knowledge. In a subsequent step, self-consciousness is examined as a shape of consciousness that initially recognizes itself as living and subsequently as desiring, and that, in struggling with its contradictory (self-)determination, becomes entangled in a life-and-death struggle. This struggle becomes a decisive ordeal, particularly in confrontation with another self-consciousness, as it enters the dialectic of recognition between lord and bondsman. Emerging from this process, self-consciousness appears as Stoic consciousness, which turns away from the world and determines itself exclusively in thought, thereby forfeiting its capacity for action, only to plunge immediately, as skeptical consciousness, into the opposite extreme of rigorously sublating all distinctions and relations of being, finding itself therein as contradictory. This contradiction, which becomes explicit as unhappy consciousness, casts it into an abyssal despair from which it can free itself only through the free elevation toward an unchangeable, with which it struggles in devotion, gratitude, and ultimately surrender, in order to enter reconciliation and reason. Subsequently, the concept of free love is developed on the basis of the fragments of the Drafts on Religion and Love from the Frankfurt early writings. Under the guise of religion, various conceivable relations are first presented without specifying whether they concern interpersonal relations or relations between human beings and God—ultimately, the determinations can be applied speculative-logically to both constellations. These relations are developed through the mediation of positive faith and free action out of an ought. This ought is only potentially positively posited and addresses consciousness in free mediation. As free, this relation corresponds to the free veneration of God, which Hegel contrasts with positive religion, whose ought is absolutely positively posited — an revealed ought. Confronted with this revelation, the subject finds itself utterly powerless, since its absolute objectivity denies it any point of reference. Through the articulation of the in-itself and the for-itself, free veneration of God gives rise to a relation in which the subject freely mediates itself to God. This, however, should not be possible with a divine understood as the absolute subject. Yet in the special relation of love, this impossibility becomes possible insofar as subject and object collapse into one another and “a divine comes to be for them” — provided that an initially enigmatic mediating middle shows itself. Love thus proves to be a contradictory relation that strives to unite these contradictions. In the same sense in which the subject can turn toward the divine in love, it can also make another equal into God and mediate itself with this other in love—thus outside of the (latently persisting) relations of domination — by striving for the abolition of all differences that give rise to pain and shame, aiming at complete unity. If such complete unity is achieved, however, it can only occur as a moment and has no enduring permanence. What endures is merely the seed that emerges from this union as a living being, which immediately determines itself as differentiated and disperses itself, while the lovers return as differentiated beings to the profane world of their reality, continuing to strive for the abolition of this difference. The enigmatic moment of showing-itself, the moment of the middle, develops from the concept of unity in faith, for which being as unified always already precedes. It is in the mediation of faith and being that the crucial distinction between a positive and a free relation lies: while from incomplete unity positive religion emerges — and with it a relation of domination, power, and coercion—complete unity reveals free love as always already presupposing itself and always already determining itself.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
spekulative Logik Georg Wilhelm Friedrich Hegel Freiheit Liebe Frühschriften Phänomenologie des Geistes
Schlagwörter
(Englisch)
Speculative Logic Georg Wilhelm Friedrich Hegel Freedom Love Phänomenologie of Spirit Early Works
Haupttitel (Deutsch)
Verhältnisse von Begehren und Liebe, Freiheit und Abhängigkeit in den frühen Werken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Paralleltitel (Englisch)
Relations of desire and love, freedom and dependence in Georg Wilhelm Friedrich Hegel's early works
Publikationsjahr
2026
Umfangsangabe
6, 146 Seiten
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Robert König
Klassifikation
08 Philosophie > 08.30 Systematische Philosophie. Allgemeines
AC Nummer
AC17825690
Utheses ID
79446
Studienkennzahl
UA | 199 | 506 | 525 | 02
