Detailansicht
Loben - Preisen - Beten
Formen der Ehrerbietung im alten Ägypten
Hubert Nademleinsky
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Ägyptologie
Betreuer*in
Gerald Moers
DOI
10.25365/thesis.81377
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-24024.12653.756248-6
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Ergebnis (Abstract) 1. (Vorwiegend) verbale Ehrungen1.1. Die gebräuchlichste Form der Ehrerbietung, die Begrüßung durch j:nḏ-ḥr (=k) „Sei gegrüßt“ war während des gesamten Betrachtungszeitraums üblich und konnte sowohl einem Gott als auch einem Sterblichen, Tier oder Gegenstand gelten. Ab der 11. Dyn. führte man zusätzlich für Mitglieder der Elite die etwas gehobenere Begrüßung hꜣy n=k ein, die mit „Heil dir“ übersetzt werden kann. Ab der Amarnazeit kam die noch ehrfürchtigere Begrüßung jꜣ.w n=k „Sei gepriesen“ hinzu. 1.2. Ebenfalls während des gesamten Betrachtungszeitraums gab es die Ehrerbietungen durch ḥzi, jꜣi und dwꜣ. 1.2.1. ḥzi stellt die am häufigsten verwendete Ehrung mit dem breitesten Anwendungsbereich dar, die jedem und allem gelten konnte und je nach Ausübendem, Adressaten und Kontext mit Loben, Belobigen, Gunst erweisen, Kult vollziehen oder einfach nur mit für lobenswert halten übersetzt werden kann. Eine Besonderheit der 1. ZZ ist die Formel jw jri.n=(j) mrr.t ꜥꜣ.w ḥzz.t nḏ(s).w „Ich tat, was die Großen lieben und die Kleinen für lobenswert halten“, welche sich im MR zu jri.n=j mrr.t r(m)ṯ ḥzz.t nṯr.w „Ich tat, was die Leute lieben (und) die Götter für lobenswert halten.“ umkehrt. Diese Formel kommt weder vor der 1. ZZ noch nach dem MR vor. 1.2.2. Semantisch deutlich von ḥzi abzugrenzen sind jꜣi und dwꜣ. Sie richten sich, anders als ḥzi, von wenigen Ausnahmen abgesehen, immer an einen Gott oder eine im Rang höher gestellte Person, insbesondere den König oder ein höhergestelltes Familienmitglied, und leiten meist ein Gebet oder einen Hymnus ein. Eine Übersetzung von jꜣi oder dwꜣ als Loben, wie dies bisweilen in der ägyptologischen Literatur üblich ist, wird daher dem Sachverhalt nicht gerecht. Sowohl in mit jꜣi als auch in mit dwꜣ eingeleiteten Gebeten kann ein Dank oder Wunsch formuliert werden. 1.2.3. Obwohl jꜣi und dwꜣ oft in ähnlicher Weise gebraucht wurden, bestehen doch gewisse Unterschiede zwischen diesen beiden Ehrungen. jꜣi hat vier Anwendungsbereiche: Es kann nicht nur Hymnen, sondern, im Unterschied zu dwꜣ, auch einen besonders vornehmen Gruß einleiten, indem der Adressat direkt angesprochen wird: jꜣ.w n=k „Lobpreis dir“. In der Amarnazeit ersetzte es die alte Opferformel ḥtp-ḏi̯-nswt. Darüber hinaus kann jꜣi, anders als dwꜣ, auch eine Geste, meistens mit den Armen, bedeuten. Es entspricht grosso modo unserem jemanden preisen. dwꜣ hingegen changiert als rein verbale Ehrung je nach Adressat zwischen Anbeten und Huldigen. 1.2.4. jꜣi und dwꜣ können abgesehen davon nicht genau denselben Bedeutungsinhalt gehabt haben, denn dann wäre das gleichzeitige Vorkommen von dwꜣ und jꜣ.w, von derselben Person an denselben Gott gerichtet und auf demselben Textträger verewigt, oder sogar im selben Satz, nicht erforderlich gewesen – zumindest, wenn man davon ausgeht, dass die Worte mit Bedacht gewählt wurden. Ein Hinweis spricht dafür, dass es sich bei dwꜣ um eine würdevollere Form der Ehrerbietung als bei jꜣ.w handelt. Der oberste Gott Re wurde vom Alten Reich bis in ptolemäische Zeit – hauptsächlich bei Sonnenauf- und -untergang – bevorzugt durch dwꜣ geehrt, was durch zahlreiche Belege nachweisbar ist, es gibt hingegen kaum Belege für seine Verehrung ausschließlich durch jꜣi. Andere Götter, die durch dwꜣ geehrt wurden, sind im selben Text entweder mit Re gleichgesetzt, als sein Sohn, sein Auge bezeichnet, oder über die anderen Götter gestellt. Besonders deutlich ist das bei Osiris. 1.3. Zu unterscheiden von dwꜣ in der Bedeutung Anbeten sind smꜣꜥ und snmḥ. Beide Begriffe sind nur ab dem NR bis zur 3. ZZ. belegt und sind grundsätzlich mit einem Wunsch verbunden. smꜣꜥ ist nur an einen Gott gerichtet, kann mit beten zu NN übersetzt werden, und ist daher ein Bittgebet, snmḥ richtet sich auch an Sterbliche und hat ungefähr die Bedeutung Anflehen. 1.4. Hauptsächlich zum Zweck der Hervorhebung bestimmter Eigenschaften von Personen dienten sqꜣi, swꜣš und wṯz. sqꜣi war bereits im AR in Gebrauch, swꜣš ab dem Mittleren Reich / frühem Neuen Reich, wṯz war die vorwiegende Preisung von Eigenschaften, hauptsächlich des Aton, in der Amarnazeit. 1.5. Manche Begriffe wurden aus dem funeralen in den profanen Bereich übernommen. ḥkn bzw. ḥkn.w kommen bereits in den PT vor. Nur im MR wird ḥkn formelhaft in „Möge ihn der Stier des Westens verklären, wenn er <mit ihm> mit seinen Rudern jubelt“ gebraucht. Gern verwendet werden ḥkn bzw. ḥkn.w in ptolemäischer Zeit. sḥꜥi tritt erst ab dem MR vereinzelt auf, wird aber ebenfalls in ptolemäischer Zeit als Beischrift für Opferdarbringungen beliebt. 1.6 Einige Ehrerbietungen stehen nie selbstständig. snsn bzw. sns.w stellen eine Form des Preisens dar, die erst in der späten 13. Dyn. aufkommt und immer in Verbindung mit anderen Formen der Ehrerbietung steht, und diese offensichtlich genauer spezifizieren soll, beispielsweise als Preisung in Form eines Lobgesangs. sḫp steht immer vor ḥkn.w (2.11), hat also offenbar die Bedeutung eines Hilfszeitwortes. 1.7. Daneben gab es sehr selten verwendete Ehrungen. smsm und jẖ sind nur in der Spätzeit belegt, mꜣṯ im Mittleren Reich, im Neuen Reich unter Hatschepsut, und dann erst wieder im 4. Jh. v. Chr. 2. (Vorwiegend) nonverbale Ehrungen (Gesten und Handlungen)2.1. mꜣs: knieen / hꜣi ḥr pꜣḏ.w: auf-die-Knie-fallen. Obwohl durch zahlreiche Bildquellen belegt, kommt Knieen als Ehrerbietung in den Texten selten vor. hꜣi ḥr pꜣḏ.w „Auf die Knie fallen“, von Sethos I. eingeführt, galt nur dem König. 2.2. sn-tꜣ wörtlich „die Erde küssen“ im Sinn einer Prostration war seit dem AR in Verwendung. Sie galt Göttern oder dem König. Im Verlauf des NR wurde sie zu einer nicht näher spezifizierten Form von Huldigung, die in der Spätzeit sogar verbal sein konnte.2.3. dhn „sich verneigen“ kam als Form der Ehrerbietung erst in der 11. Dyn. auf und war zunächst offenbar ebenfalls wörtlich zu verstehen. dhn ist ähnlich wie sn-tꜣ als dhn-tꜣ konstruiert, aber offensichtlich eine etwas weniger unterwürfige Ehrung, denn während sn-tꜣ bisweilen mit dem Zusatz „indem sie auf dem Bauch lagen“ versehen wird, kommt dhn oft zusammen mit „mit der Stirn berühren“ vor. In der 19. Dyn. wurde aus dhn ebenfalls eine nicht mehr wörtlich gemeinte Huldigung. 2.4. ẖꜣm „sich verbeugen“ kommt wie dhn erst in der 11. Dyn. auf und bleibt bis in ptolemäische Zeit in Gebrauch. Es ist keine devote Ehrung wie sn-tꜣ und dhn-tꜣ, da sie nicht nur gegenüber Höhergestellten vollzogen wird, sondern nur Respekt bezeugt. 2.5. ks.w „Verneigung“ kommt bereits in der Unas-Pyramide vor und ist somit die älteste belegte Form einer Ehrerbietung durch Gestik. Im Unterschied zu sn-tꜣ und dhn muss ks.w nicht grundsätzlich eine Huldigung bedeuten, sondern kann auch nur für kauern stehen. 2.6. ẖms (sꜣ) „den Rücken beugen“ ist nur einmal belegt. 2.7. ḥfꜣ.t bzw. ḥfꜣ.w „kriechen“ kommen als Ehrungen erst im MR auf und werden ebenso wie ẖms-(sꜣ) sehr selten verwendet. 2.8. Ehrerbietungen durch ein Heben der Arme sind in Texten kaum zu finden – diese Geste bei Gebeten wurde offenbar als selbstverständlich angesehen, es gibt jedoch einige schriftliche Belege für Ehrungen durch Beugen der Arme (ḫꜣm-rmn), ḫꜣm ꜥ.wj. Manchmal kommen Gesten mit den Armen zusammen mit anderen Formen des Preisens, meist jꜣi, vor, eventuell werden sie dadurch bezeichnet. Ehrerbietungen mit den Händen sind äußerst selten belegt. Daneben gibt es auch einige Belege für Ehrerbietungen durch Kopfneigung (wꜣḥ-tp). 2.9. Ehrungen eines toten Mitglieds der Elite oder eines Gottes durch Räuchern (snṯr) und/oder Libieren (qbḥ) kommen bereits ab der 4. Dyn. in Texten vor und sind somit die ältesten schriftlich belegten Ehrungen überhaupt. Sie halten sich bis in ptolemäische Zeit. 2.10. Im Unterschied zu den verbalen Ehrungen kann man bei den non-verbalen Ehrungen eine Abstufung klar feststellen. Der älteste und am allgemeinsten verwendete Begriff ist ks.w, der sogar von Göttern vollzogen werden konnte. Eine Stufe höher stehen ḫꜣm und wꜣḥ-tp, die Respekt, aber noch keine Unterwürfigkeit bezeugen, gefolgt von hꜣi ḥr pꜣḏ.w, ḏhn (-tꜣ) und das bereits äußerst devote ḥfꜣ.t. An der Spitze der Subordination steht sn-tꜣ – ob es nun tatsächlich physisch ausgeführt wurde oder nur eine Redewendung war. 3. Besonderheiten3.1. Es ist erkennbar, dass Könige (Königinnen) für bestimmte Ehrerbietungen Vorlieben hatten, die ihre Nachfolger übernahmen. Thutmosis II. griff das vorher wenig geläufige swꜣš auf, seine Frau und Nachfolgerin Hatschepsut übernahm diesen Begriff. Andererseits übernahm ihr Nachfolger Thutmosis III. den von ihr neu eingeführten Begriff rnn ebenso wie wꜣḥ-tp, den Hatschepsut erstmals seit der 6. Dyn. wieder verwendet hatte. Sethos I. gebrauchte gern swꜣš. Er führte auch ḥr pꜣd.w als eine Ehrung ein. Beides übernahm sein Sohn Ramses II. Im Neuen Reich stammen sogar die einzigen Belege für ḥr ḥfꜣ.w bzw. m ḥfꜣ.w von Sethos I. und Ramses II. Augustus stellte sich in die Tradition hellenistischer Könige, indem er wie Ptolemäus VIII. einer Göttin zwei Sistren anbietet und ihr sagt: sw(ꜣ)š=j m sns.w „Ich preise mit Lobgesängen.“ 3.2. Nach Ausweis der Quellen scheinen manche Begriffe für Ehrungen nach einer langen Unterbrechung wieder aufgegriffen worden zu sein, beispielsweise sḥꜥi nach dem Mittleren Reich erst wieder in der Spätzeit, mꜣṯ nach der 19. Dyn. erst wieder im 4. Jh. v. Chr., oder wꜣḥ-tp nach der 6. Dyn. erst wieder in der 19. Dyn. Wenn man von möglichen Beleglücken absieht, haben wir es hier mit Fällen von Archaismus zu tun, der speziell in der Spätzeit nicht ungewöhnlich war. Ein gutes Beispiel liefert der kuschitische König Aspelta, der auf seinem Sarkophag die Ehrung sḥꜥi des Mittleren Reiches aufnahm. Jan Assmann schreibt zu dieser Thematik: „Im Ägypten der 25. und 26. Dynastie entwickelt sich gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. ein ausgeprägter Archaismus, der alle Gebiete der Kultur ergreift. Alle Epochen der Vergangenheit vom Alten Reich (3. Jahrtausend) bis zur 18. Dynastie (1400 v. Chr.), besonders aber die Zeit des Mittleren Reichs, gelten jetzt als die maßgeblichen Vorbilder.“ (Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, in: Erwägen, Wissen, Ethik 13, 2002, 242 und Anm. 7 mit Literaturangabe zur Archaismusdiskussion). Paradigmatisch kann hierfür der sog. Schabaka-Stein stehen (BM EA 498: James H. Breasted, The Philosophy of a Memphite Priest, ZÄS 39, 1901, 39-54. ).
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Ägypten Verehrungsformen Loben Preisen Anbeten Belege Stelen Grabinschriften Papyri
Autor*innen
Hubert Nademleinsky
Haupttitel (Deutsch)
Loben - Preisen - Beten
Hauptuntertitel (Deutsch)
Formen der Ehrerbietung im alten Ägypten
Paralleltitel (Englisch)
Praise - honouring - prayer
Paralleluntertitel (Englisch)
forms of reverence in ancient Egypt
Publikationsjahr
2026
Umfangsangabe
207 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Gerald Moers
Klassifikation
02 Wissenschaft und Kultur allgemein > 02.00 Wissenschaft und Kultur allgemein. Allgemeines
AC Nummer
AC17912964
Utheses ID
80501
Studienkennzahl
UA | 066 | 898 | |
