Detailansicht
Arte Programmata und die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Industrie und Wissenschaft in Italien an der Schwelle zum digitalen Zeitalter (1959-1968)
Brigitte Alexandra Pifl
Art der Arbeit
Masterarbeit
Universität
Universität Wien
Fakultät
Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Studiumsbezeichnung bzw. Universitätlehrgang (ULG)
Masterstudium Romanistik Italienisch
Betreuer*in
Gualtiero Boaglio
DOI
10.25365/thesis.80973
URN
urn:nbn:at:at-ubw:1-26346.23460.977027-9
Link zu u:search
(Print-Exemplar eventuell in Bibliothek verfügbar)
Abstracts
Abstract
(Deutsch)
Arte Programmata entwickelte sich in Italien Ende der 1950er-Jahre als avantgardistische Kunstbewegung mit dem Ziel, die Wahrnehmung durch die Darstellung von Zeit und Bewegung in Kunstwerken zu thematisieren. Sie reagierte damit auf neue Wahrnehmungssituationen einer sich wandelnden Welt und wollte die Menschen darauf vorbereiten. Den Anfang nahm Arte Programmata 1959 mit der Gründung zweier Künstlerkollektive aus Kunst-, Design- und Architekturstudenten: Gruppo T in Mailand und Gruppo N in Padua. Sie stellte herkömmliche Codes der ästhetischen Kommunikation sowie die Art ihrer Produktion und Verbreitung in Frage. Die Künstler verstanden sich als experimentierende Forscher und entthronten damit das künstlerische Genie. Sie signierten ihre Werke oft nur mit dem Gruppennamen, betrachteten sie nicht als Unikate, sondern als reproduzierbare Objekte und revolutionierten so die Regeln des Kunstmarkts. Zeitgleich entstanden auch in anderen Ländern ähnliche Bewegungen, die alle der Op Art und kinetischen Kunst zuzurechnen sind. Trotz vieler Gemeinsamkeiten war jede von länderspezifischen Einflussfaktoren geprägt. Während bisherige Studien vor allem kunsthistorische Aspekte fokussierten, untersucht die vorliegende Arbeit, welche landeswissenschaftlichen Faktoren zur Entwicklung von Arte Programmata in Norditalien führten. Analysiert und kontextualisiert wurden die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen im Nachkriegsitalien. Methodisch liegt der Arbeit ein weiter Kulturbegriff zugrunde, der Kultur als Text versteht, dessen besondere Merkmale identifiziert und entschlüsselt werden müssen. Zu diesem semiotischen Ansatz wurde ergänzend die Feldtheorie von Pierre Bourdieu herangezogen, welche die Gesellschaft in soziale Felder mit spezifischen Feldeigenschaften unterteilt. Die Verbindung beider Ansätze kombiniert die Analyse bedeutungstragender Zeichen mit den Besonderheiten innerhalb der sozialen Felder und führte mich zu folgenden Ergebnissen: Bei der Entwicklung von Arte Programmata spielte die Firma Olivetti eine zentrale Rolle nicht nur als Mäzen, der 1962 die erste große Ausstellung mit Werken von Gruppo T und N, Bruno Munari und Enzo Mari in seinen Verkaufsräumen in Mailand ermöglichte (die anschließend in elf weiteren Städten im In- und Ausland gezeigt wurde), sondern auch als innovatives Vorzeigeunternehmen. Als Marktführer für elektrische Büromaschinen entwickelte das Unternehmen damals die ersten Computer und sah im egalitären Informationszugang ein Mittel zur Verbesserung der Lebensverhältnisse und zum Abbau sozialer Unterschiede. Kultur und Soziales waren fester Bestandteil der Unternehmensstrategie, die hochwertiges Produktdesign und kulturelle Vision mit technologischer Spitzenforschung verband. Umberto Eco verfasste das Vorwort zum Ausstellungskatalog. Die sich nach festgelegten Regeln ständig verändernden Exponate galten ihm als Ausdruck der sich wandelnden Welt und entsprachen seiner Idee von Opera aperta, die er damals entwickelte. Eco war Teil der aktiven linken Mailänder Intellektuellenszene, zu der auch Arte Programmata zählte und die sicherlich maßgeblich zur Entstehung der Bewegung beitrug. Die Szene artikulierte sich in Literatur- und Kunstzeitschriften wie il verri, gegründet vom Vater eines Mitglieds von Gruppo T. Auch Verlage, Medien und avantgardistische Galerien waren Orte intensiven interdisziplinären Austausches zwischen Intellektuellen, Wissenschaftlern, Künstlern, Designern und Architekten, darunter Ettore Sottsass, der viele Produkte Olivettis designte. Wichtigster künstlerischer Einfluss waren die italienischen Futuristen, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ihren Werken Bewegung und Dynamik thematisiert hatten. Künstler der Arte Programmata teilten ihre Technikbegeisterung und den Glauben an ein besseres Leben dank des technischen Fortschritts. Dieser Glaube wurde weiters durch den Wirtschaftsboom gestärkt, der Italien dank innovativer Unternehmen wie Olivetti, FIAT oder Pirelli in wenigen Jahren von einem Agrarland zu einer führenden Industrienation gemacht hatte. Technologie und Kunst begegneten sich auch in Architektur und Industriedesign. Das Wirtschaftswunder führte zu einem Bauboom, der mit Architekten wie Gio Ponti Italiens Vorreiterrolle in der modernen Architektur festigte und die meist architektur- oder designgeschulten Künstler der Arte Programmata prägte. Da sich die Künstler als Forscher verstanden, beschäftigten sie sich intensiv mit Wissenschaft. Hier spielte das intellektuelle Klima der Universitätsstadt Padua eine wichtige Rolle, etwa mit dem berühmten Cesare Musatti, der Gestaltpsychologie lehrte, sowie mit den renommierten Fakultäten für Politik- und Naturwissenschaften als Nährboden für interdisziplinäre Debatten. Schließlich wirkte bestimmt auch die politische Situation Italiens mit starkem kommunistischem Einfluss in Politik und Kunst prägend. Man kann davon ausgehen, dass sie die Entwicklung einer anti-elitären, egalitären Kunstform wie Arte Programmata begünstigte, die allgemein verständlich und zugänglich sein wollte, und den Künstler als Forscher statt als ein über allen anderen stehendes Genie verstand.
Abstract
(Englisch)
Arte Programmata emerged in Italy in the late 1950s as an avant-garde art movement aimed at exploring perception through the representation of time and movement in artworks. In doing so, it responded to new perceptual conditions in a rapidly changing world and sought to prepare individuals for them. The movement began in 1959 with the founding of two artists’ collectives composed of art, design, and architecture students: Gruppo T in Milan and Gruppo N in Padua. Arte Programmata challenged conventional codes of aesthetic communication as well as established modes of artistic production and distribution. The artists saw themselves as experimental researchers, thereby dethroning the notion of the artistic genius. They often signed their works collectively, rejected the idea of the unique artwork, and instead regarded their pieces as reproducible objects, thus transforming the rules of the art market. At the same time, similar movements emerged in other countries, all of which were associated with Op Art and kinetic art. Despite many common features, each was shaped by specific national contexts. Whereas previous studies have primarily focused on art-historical aspects, this work examines the cultural and socio-political factors that contributed to the development of Arte Programmata in Northern Italy. It analyzes and contextualizes the political, economic, cultural, and social conditions of postwar Italy. Methodologically, the study adopts a broad concept of culture that understands culture as a text whose distinctive features must be identified and interpreted. This semiotic approach is complemented by Pierre Bourdieu’s field theory, which conceptualizes society as structured into relatively autonomous social fields with specific characteristics. Combining these approaches allows for an analysis of meaningful signs along the particular dynamics within social fields and leads to the following findings: The company Olivetti played a central role in the development of Arte Programmata – not only as a patron that made possible the first major exhibition in 1962 in its Milan showroom, featuring works by Gruppo T and Gruppo N as well as Bruno Munari and Enzo Mari (which was subsequently shown in eleven additional cities in Italy and abroad) – but also as an innovative model enterprise. As the market leader in electric office machines, Olivetti developed some of the first computers at that time and regarded egalitarian access to information as a means of improving living conditions and reducing social inequality. Culture and social responsibility formed an integral part of the company’s strategy, which combined high-quality product design and cultural vision with cutting-edge technological innovation. Umberto Eco wrote the foreword to the exhibition catalogue. He regarded the exhibits, which were constantly changing according to set rules, as an expression of a changing world and in line with his concept of the opera aperta, which he was developing at the time. Eco was part of Milan’s active left-wing intellectual milieu, to which Arte Programmata also belonged and that certainly contributed significantly to its emergence. This milieu articulated itself in literary and art journals such as il verri, founded by the father of a member of Gruppo T. Publishing houses, media and avant-garde galleries likewise served as sites of intensive interdisciplinary exchange among intellectuals, scientists, artists, designers, and architects, including Ettore Sottsass, who designed numerous products for Olivetti. Among the most important artistic influences were the Italian Futurists, who had already addressed movement and dynamism in their works at the beginning of the twentieth century. The artists of Arte Programmata shared their enthusiasm for technology and their belief in progress as a means of improving human life. This belief was further strengthened by the economic boom that, within a few years, transformed Italy from an agrarian country into a leading industrial nation, thanks to innovative companies such as Olivetti, FIAT and Pirelli. Technology and art also came together in architecture and industrial design. The construction boom of the economic miracle consolidated Italy’s pioneering role in modern architecture through figures such as Gio Ponti and strongly influenced the artists of Arte Programmata, most of whom were trained in architecture or design. Since the artists regarded themselves as researchers, they engaged intensively with scientific disciplines. In this respect, the intellectual climate of the University of Padua played an important role, particularly through the work of Cesare Musatti, who taught Gestalt psychology there, as well as through its renowned faculties of political and natural sciences providing fertile ground for interdisciplinary debates. Finally, Italy’s political context, with the strong communist influence in politics and culture, also proved formative. It can be assumed that it favoured the development of an anti-elitist, egalitarian art form such as Arte Programmata, which aspired to be accessible and comprehensible to all and conceived of the artist not as a genius elevated above others, but as a researcher.
Schlagwörter
Schlagwörter
(Deutsch)
Arte Programmata Op Art Kinetische Kunst Olivetti Opera aperta Umberto Eco Italienische Kunst Miracolo economico Impegno - Engagierte Kunst Kunst und Gesellschaft
Schlagwörter
(Englisch)
Arte Programmata Op Art Kinetc Art Olivetti Open Works Umberto Eco Italian Art Economic Boom Committed Art Art and Society
Haupttitel (Deutsch)
Arte Programmata und die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Industrie und Wissenschaft in Italien an der Schwelle zum digitalen Zeitalter (1959-1968)
Paralleltitel (Englisch)
Arte programmata and the interactions between art, industry and science in Italy at the threshold of the digital age (1959-1968)
Publikationsjahr
2026
Umfangsangabe
141 Seiten : Illustrationen
Sprache
Deutsch
Beurteiler*in
Gualtiero Boaglio
Klassifikationen
17 Sprach- und Literaturwissenschaft > 17.00 Sprach- und Literaturwissenschaft. Allgemeines ,
18 Einzelne Sprachen und Literaturen > 18.25 Italienische Sprache und Literatur
AC Nummer
AC17847960
Utheses ID
80518
Studienkennzahl
UA | 066 | 149 | 349 |
